Frankfurter Buchmesse

Es ist nicht die Zeit für literarische Experimente

Während das Medium Buch vor einem technologischen Wandel steht, versprechen seine Inhalte eher Konstanz. Reaktionen auf die Krise gibt es kaum.

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Wer den isländischen Pavillon auf der Frankfurter Buchmesse betritt , der trifft auf Leser: auf junge und alte, Männer und Frauen. Auf riesigen Videoleinwänden sitzen Isländer vor ihrer heimischen Bücherwand, und der Besucher schaut ihnen bei einer Beschäftigung zu, die sie vollkommen ausfüllt. Sie tun dabei nichts anderes, sie essen nichts, blicken nicht nebenbei auf ihr Smartphone.

Lesen ist eine Vollzeitbeschäftigung und zugleich eine sehr intime Sache, wie der Betrachter mit Verblüffung feststellt. Wenn er diesen sakralen Ort ein zweites Mal betritt, kann er fast das Gefühl haben, diese ganz im Buch versunkenen Menschen zu kennen. Sie scheinen die Ruhe selbst.

Die sympathischen Isländer präsentieren sich mit viel Aufwand in Frankfurt als eine Nation, die mit sich im Reinen ist. In der Ruhe liegt die Kraft, scheint ihr Konzept zu sagen, und in der Tradition einer Buchnation. Nicht nur die ebenfalls präsentierte grandiose Natur, die Gletscher und Geysire, ist ewig, auch die Literatur soll der Zeit und ihren Aufregungen enthoben sein. Das nimmt man einem Volk ab, das zu seinen Wurzeln die jahrhundertealten Sagas zählt, in denen seine Anfänge im Medium der Schrift festgehalten sind. Die Isländer stammen buchstäblich aus der Literatur.

Eine von Krise zu Krise stürzende Welt, in der nichts von Dauer ist

Diese Feier der Überlieferung bekommt ein besonderes Gewicht vor dem Hintergrund der Finanzkrise 2008, die die Isländer früh und hart traf. Wie schon in früheren Epochen soll die Literatur über dunkle Zeiten hinweghelfen, ein Heilmittel sein gegen die mentale und ökonomische Depression, gegen die Entwertung von Vermögen und drückende Schulden. Und das tut die isländische Literatur auch, indem sie Geschichten erzählt, nicht zuletzt über die Krise selbst .

So steht das Programm von "Sagenhaftes Island" beispielhaft für die besondere und unersetzliche Rolle der Literatur in einer von Krise zu Krise stürzenden Welt, in der nichts von Dauer ist und das Wirtschaftssystem an seiner Wurzel zu faulen scheint. Sicherheiten verschwinden, die Lebenswelt wandelt sich in atemberaubendem Tempo, nicht zuletzt die Medien und Kommunikationsmittel, zu denen das Buch gehört, verändern sich und damit unser aller Leben rasant.

Die Lektüre eines Romans bedeutet da einen Wechsel in einen anderen Takt, den Übergang aus der mitunter chaotischen Simultaneität alltäglicher Wahrnehmung in die strukturierte Reihenfolge einer Geschichte, einer Story oder eines fremden Lebenslaufes. Literatur ordnet die Zeit, die Zeit, von der sie handelt, aber auch und vor allem die Zeit des Lesers.

Neben den Terminkalender tritt die Kapitelabfolge, die Seitenzahl. Wo bin ich gerade?, fragt man sich nach einer Pause. Ach ja, auf Seite 163, möglicherweise in einem anderen Zeitalter, auf jeden Fall in einem anderen Zustand, im Lesemodus.

Die verschwundenen Lebenswelten der alten Bundesrepublik

Es ist auffällig, dass in einer Umbruchsepoche, in der das Medium Buch selbst mit seiner elektronischen Vertriebsform, dem E-Book, einem tief greifenden Wandel unterliegt, seine Inhalte eher Konstanz versprechen. Es ist gerade nicht die Zeit des literarischen Experiments, der avantgardistischen Zertrümmerung von Formen und Traditionen.

Der Familienroman steht, seit einigen Jahren schon, hoch im Kurs, so auch die Kindheits- und Jugendgeschichte, der "Coming of age"-Roman. Auffällig viele Romane widmen sich der untergegangenen DDR – oder den ebenfalls verschwundenen Lebenswelten der alten Bundesrepublik, schildern längst vergangene Kämpfe zwischen den Generationen .

Der in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur schon länger starke Trend zur Erkundung von Herkunft und (verlorener) Heimat ist so dominant geworden, dass dahinter nicht nur der bloße Zufall von Erscheinungsdaten stecken kann.

Die Jury dem Leser eine Empfehlung, der zu folgen kein Fehler ist

Während die Erschütterungen und Konflikte der Gegenwart im Sachbuchsektor verhandelt werden (siehe Sarrazin), hat die Belletristik offenbar die Funktion eines Widerlagers übernommen, sei es als Flucht aus den Zumutungen unserer Zeit, sei es als identitätsstiftende Suche nach Wurzeln. Drei Jahre nach Beginn der neuen Weltwirtschaftskrise wird die Szene dominiert von biografischen und historischen Vergangenheiten.

Der diesjährige Buchpreisträger Eugen Ruge verbindet in seinem Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" gleich mehrere Strömungen in einem Werk: die autobiografisch grundierte Herkunftsgeschichte, den Familienroman, der den Bogen über mehrere Generationen schlägt, und die DDR-Geschichte, die seit dem Bestsellererfolg von Uwe Tellkamps "Turm" beinahe ein eigenes Subgenre geworden ist.

Mit ihrer angesichts der leichten Zugänglichkeit des Buches erwartbaren (und vom Buchhandel auch erwünschten) Preisentscheidung gab die Jury dem Leser eine Empfehlung, der zu folgen kein Fehler ist. Eine genauere und unterhaltsamere Darstellung des staatstragenden DDR-Milieus aus der Binnenperspektive wird man kaum finden.

Das Buch wird immer mehr zum Medium der Entschleunigung

Wer von der Literatur aber auch eine direktere Reaktion auf Epochengefühle oder gar gesellschaftliche Konflikte erwartet, der muss lange suchen. Vielleicht ist es dafür noch zu früh: Aber bislang ist die Finanzkrise und ihr unüberhörbares Echo unter Europas Jugendlichen allenfalls als fernes Hintergrundrauschen zu vernehmen. Auch der Wutbürger ist noch keine literarische Figur geworden.

Die Zurückhaltung der Autoren bei aktuellen Stoffen trifft auf ein offenbar sehr großes Bedürfnis der Leser nach Selbstvergewisserung. Das Buch wird immer mehr zum Medium der Entschleunigung. Auch auf einem iPad ist die Technik des Lesens der auf ganz andere Weise süchtig machenden Daueraktualisierung all unserer diversen "Accounts" entgegengesetzt. Da ist es nur konsequent, auch inhaltlich die Romane in erster Linie als Erinnerungsmedium, als Aufbewahrungsorte verlorener Zeit zu begreifen.

Die Kehrseite davon ist die Gefahr der Musealisierung. Natürlich, Literatur ist nicht Journalismus, die Nachrichtenlage ist nicht der Maßstab des Schriftstellers. Aber die Gegenwart ganz den Schnellschreibern der Krisen-Essays zu überlassen, birgt langfristig die Gefahr, als ein Medium für Nostalgiker zu erscheinen.

Man weiß, dass es den Markt verändern wird

Diese Trends sind umso bemerkenswerter, als in der Buchbranche selbst große Unsicherheit über die Folgen der Digitalisierung herrscht. Man hat nicht direkt Angst vor der kurz bevorstehenden endgültigen Durchsetzung des E-Books, aber man weiß, dass es den Markt verändern wird.

In Amerika und auch in Großbritannien kann man sehen, welche großen Herausforderungen auf den in Deutschland immer noch sehr intakten stationären Buchhandel und gerade auf die großen Ketten zukommen, wenn das Geschäft mit Bestsellern etwa zu Amazon oder zu den Verlagen selbst abwandert. Auf der diesjährigen Buchmesse ist nicht nur bei den Isländern zu erleben, dass die Literatur in einem doppelten Sinne resistent gegenüber der Krise ist. Das dürfte sich bald ändern.