Jubiläum

Jüdisches Museum - zehn Jahre schiefe Ebenen

7,2 Millionen Besucher aus 40 Ländern: Seit seiner Eröffnung im September 2001 ist das Jüdische Museum in Berlin-Kreuzberg eines der meistbesuchten Kulturhäuser in der Hauptstadt. Am Montag wird das zehnjährige Bestehen gefeiert.

Foto: dpa / dpa/DPA

Im Eingangsbereich des Jüdischen Museums herrscht an diesem Vormittag im Oktober der für das Haus typische Besucherandrang. Vor der Sicherheitsschleuse, wie sie seit dem 11. September 2001 mittlerweile in vielen öffentlichen Gebäuden üblich ist, haben Touristengrüppchen sichtlich Mühe, sich gegen die drängelnden Schulklassen zu behaupten, die dort fast immer anstehen. Durch das erste Nadelöhr geschlüpft, folgt der nächste Engpass mit dem schmalen Ticketschalter. Schließlich ist der schlauchförmige Foyerbereich erreicht, dort stehen viele Besucher an der Garderobe an.

Wer ins Jüdische Museum will, muss viel Geduld aufbringen, bis er sich endlich auf den unterirdischen Weg von dem 1735 erbauten Kollegienhaus – das Eingangsgebäude – in den zinkumhüllten Neubau machen kann, dem das Museum seine überwältigende Besucherbilanz verdankt. Seit es vor zehn Jahren an der Kreuzberger Lindenstraße eröffnet hat, sorgt der markante zackenförmige Bau des Architekten Daniel Libeskind dafür, dass das Museum von seinem eigenen Erfolg regelrecht überrannt wird. Seit der Publikumseröffnung, die 2001 wegen der Terroranschläge in New York um zwei Tage auf den 13. September verschoben worden war, haben 7,2 Millionen Menschen aus 40 Ländern das Museum besucht. Damit hat sich das Haus zu einem der meistbesuchten Berliner Museen entwickelt.

Das Interesse, das dem Jüdischen Museum von Besuchern aus aller Welt entgegengebracht wird, hängt vor allem mit dem avantgardistischen Bau von Libeskind zusammen. Die Bilder von ihm haben Eingang in zahlreiche Reiseführer und Architekturzeitschriften gefunden und das Gebäude berühmt gemacht – ebenso wie seinen Baumeister.

Von oben betrachtet, erinnert der Bau an einen zerborstenen Davidstern. Der Bau entzieht sich mit seinen schrägen, schießschartenförmigen Fenstern und ineinander verschachtelten Ebenen jeder gängigen Architektur. Sie soll die Brüche in der Geschichte der Juden in Deutschland aufzeigen und symbolisch das Grauen der Schoah widerspiegeln.

Symbol für die Diaspora

Zu einem viel besuchten Wahrzeichen der Stadt war das Haus schon vor seiner Eröffnung geworden. Nach seiner Fertigstellung im Frühjahr 1999 besuchten rund 350.000 Menschen das damals noch leere Gebäude. Zur Eröffnungsgala am 9. September 2001 waren 850 Gäste aus dem In- und Ausland gekommen. Nun, zehn Jahre später, wird der rote Teppich erneut ausgerollt. Am Montag werden über 800 Gäste aus Politik und Wirtschaft, Kultur und Medien erwartet, darunter Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, die ehemalige israelische Außenministerin Tzipi Livni sowie Altkanzler Helmut Schmidt.

Gefeiert wird jedoch nicht in dem Libeskind-Gebäude, sondern auf der gegenüberliegenden Straßenseite, in der ehemaligen Blumengroßmarkthalle. Weil die Museumsmacher bereits kurz nach der Eröffnung des Libeskind-Baus über zu wenig Platz angesichts der stetig wachsenden Besucherströme und Archivbestände geklagt hatten, erwarb die Stiftung des Museums vor zwei Jahren die in den 60er-Jahren errichtete Halle. In ihr werden nach dem Umbau die Bibliothek, ein Auditorium sowie die Akademie des Museums untergebracht. Außerdem entstehen dort Flächen für das Archiv des Museums und Arbeitsplätze für das Fellowship-Programm des Museums. Akademiker sollen dort recherchieren können, „wie ein fortschrittliches Land im 21. Jahrhundert damit umgeht, dass viele Menschen dort leben, die aus einer anderen Kultur stammen oder eine andere Religion haben“, sagt Direktor Michael Blumenthal.

Die Besucher erwartet in der ehemaligen Blumenhalle, die von dem Architekten des Amerikahauses, Bruno Grimmek, entworfen wurde, bislang Baustellenatmosphäre. Durch eine in die Außenhülle der Halle geschlagene, asymmetrische Öffnung, in die Bauarbeiter in den vergangenen Tagen provisorisch anmutende Holzwände eingepasst haben, gelangen die Gäste in die riesige Halle. Schon dieser neue Eingangsbereich mit seinen vielen schiefen Ebenen verrät, dass der Entwurf dafür ebenfalls aus der Feder des Architekten Libeskind stammt. Er hat in der Halle drei hölzerne Kuben errichten lassen, die an überdimensionale Kisten erinnern. Ein Symbol für die Diaspora. Ein Kubus fungiert als Eingang, die anderen beiden bieten Platz für die Bibliothek und einen Vortragssaal.

Mit dem spektakulären silbernen Blitz auf der gegenüberliegenden Seite der Lindenstraße, der vielen Besuchern eher wie ein begehbares Mahnmal denn als Museum erscheint, hat der schlichte Erweiterungsbau jedoch wenig gemein. Zum Glück sind auch die Kosten nicht vergleichbar. Der zackenförmige Bau Libeskinds kostete damals rund 61 Millionen Euro. Weitere 8,2 Millionen Euro waren 2007 nötig, um den 700 Quadratmeter großen Hof des angrenzenden barocken Kollegienhauses, das auch als Verwaltungsgebäude dient und für Sonderausstellungen genutzt wird, mit einem Glasdach zu versehen. Der überdachte Hof steht seither auch für gesellschaftliche Empfänge zur Verfügung. Rund elf Millionen Euro soll der Umbau der Halle kosten, der Bund trägt 60 Prozent der Kosten. Den Rest haben Privatpersonen beigesteuert, allen voran Eric F. Ross, der 1919 als Erich Rosenberg in Dortmund geboren wurde und als 19-Jähriger in die USA floh. Zu Ehren des 2010 gestorbenen Unternehmers soll das Gebäude „Eric F. Ross Bau“ heißen.