DDR im Roman

Entdeckt! Der zäheste Karpfen der Ostzone

Horrorzone Familie: Nach ihrem Millionenseller "Die Mittagsfrau" folgt Julia Franck mit "Rücken an Rücken" dem aktuellen Trend zur Literarisierung der DDR.

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Vor nicht allzu langer Zeit gab es mal ein ziemlich lustiges Buch, ein Kochbuch fast, eines für Literatur. Man konnte daraus lernen, welche Zutaten man für einen Siegertext für das Wettlesen um den Bachmannpreis in Klagenfurt braucht und wie man sie Erfolg versprechend zusammenrührt.

So ein ähnliches Buch ist für das Weihnachtsgeschäft fällig. Es würde nämlich erklären, was man braucht, einen Superbestseller über die dahingeschiedene DDR zu schreiben. Die Zutaten sind schnell aufgezählt. Man nehme also: eine Familie vor allem, bürgerlich, verzweigt, mehrere Generationen. Ein Figurenensemble, an dem man über Jahrzehnte zeigen kann, wie die Hoffnung auf ein besseres Deutschland, auf den Sozialismus pervertiert wurde in der DDR. Die dürfen dann nach Herzenslust politisieren ( für den Westleser, der das alles ja nicht kennt ), die leiden dann, die brechen aus, zerbrechen.

Ein Haus braucht es auch, einen Stammsitz gewissermaßen, bürgerlich und groß, an dem dann sichtbar wird, wie marode, wie brüchig, wie verbaut der Staat ist, von dem die Familie umzingelt wurde. Mindestens einen Stasi-Fiesling braucht es auch. Arbeiter nicht, die hat es in der DDR ja kaum gegeben (jedenfalls tauchen sie in der neueren DDR-Literatur eher am Rande auf).

Der Sohn und Hoffnungsträger muss zum Militär oder ins Arbeitslager, wo er sich beweisen soll und wo er fast zermahlen, von den Kindern der Arbeiter gefoltert wird. Die Grundtemperatur ist gutbürgerlich kuschelig kalt. Wie gute Schokolade wird alles lange gerührt, die Schreibe ist flüssig. Das Ergebnis entfaltet seinen ganzen Geschmack, seine ganze merkantile Wirkung allerdings erst, wenn es durch die überall nachzulesende Biografie des Autors das Authentizitätssiegel erhält. Das ist zwar Literatur, soll das Siegel anzeigen, aber es ist echt, ist erlebt, das musste raus.

Das wäre kurz gefasst das Grundrezept für Romane, mit denen man den Deutschen Buchpreis gewinnt. Dass Julia Franck sich mit ihrem neuen Roman „Rücken an Rücken“ geradezu sklavisch daran hält, ist einigermaßen rätselhaft. Sie hat den Buchpreis vor vier Jahren für ihren Roman „Die Mittagsfrau“ (in 32 Sprachen übersetzt, ein Millionenseller) bereits gewonnen.

Rosa Luxemburg im Akkord

Julia Franck erzählt – wie beinahe in all ihren Romanen – die Geschichte ihrer Familie. Besser gesagt: die Geschichte ihrer Großmutter, ihrer Mutter und ihres Onkels. Käthe, Ella und Thomas heißen sie im Roman. Käthe ist Bildhauerin, eine Frau von knallharter Fröhlichkeit und abgrundtiefer Kälte. Die Wärme wurde ihr vom Leben ausgetrieben. Als Halbjüdin hatte sie Deutschland und ihre Karriere aufgeben müssen, war nach Sizilien geflohen und kurz vor Kriegsende nach Deutschland zurückgekehrt, hatte zwei Kinder im Untergrund geboren, den Mann, der in den letzten Kriegstagen fallen sollte, aber wegen „Rassenschande“ nicht heiraten dürfen.

In der DDR hat sie nun Arbeit, sie „kloppt“ (sagt sie selbst) staatsstützende Statuen, sie schlägt Rosa Luxemburg im Akkord aus dem Stein, sie will eine neue Gesellschaft aufbauen. Was Liebe ist, weiß sie vielleicht, zeigt es aber nicht. Ihre nach dem Krieg geborenen Zwillinge entsorgt sie in Heimen. Sie würden nur stören.

Die beiden älteren Kinder sind geduldet in ihrem Künstlerhaushalt. Sie wachsen auf in einer doppelten Diktatur – der staatlichen und der mütterlichen. Sie müssen funktionieren, sie müssen älter sein, als sie sind. Sie recken sich nach der Liebe der Mutter wie die Sonnenblumen nach der Sonne. Und erfrieren dabei.

Es ist ständig eisekalt

Vor allumfassendem Missbrauch (sexuell und psychisch) flüchten sie in Wahn und Krankheit, in Widerstand gegen Staat und Sozialismus, in Liebe und Literatur. Rücken an Rücken werden die beiden neuen Wälsungen groß, Kapitel für Kapitel (jeweils aus wechselnder Perspektive von Ella und Thomas erzählt) und über acht Jahre Erzählzeit rückt die Katastrophe näher.

Es ist ständig eisekalt in diesem Roman. Das war es auch schon in der „Mittagsfrau“. Auch das war schon der Roman einer Herzenserblindung, ein Roman gegen das Schweigen zwischen den Generationen, gegen die Sprachlosigkeit. Ein Zeitgeschichtsroman, der Leiden in Literatur transponieren wollte. Was ihm in einem distanzierten, unterkühlen Ton tatsächlich so gut gelang, dass man über alle Klischees erfolgreich hinweglesen konnte, mit denen operiert wurde.

In „Rücken an Rücken“ – in dem sie unter anderem eifrig die Gedichte ihres 1962 18-jährig verstorbenen Onkels zitiert – will das nicht gelingen. Hier fehlt die Distanz. An den Mauern eines ziemlich engen Sprachvermögens holt sich der Roman Wunde auf Wunde. „Zu Silvester hatte Käthe“, heißt es da zum Beispiel, „einen riesigen Karpfen gekauft, vor dem Ella und Thomas sich jedes Jahr fürchteten“ – womit der dienstälteste Silvesterkarpfen der DDR nun endlich aktenkundig wäre.

Hätten wir nur einen Stilblütenpreis

Oder: „Unter dem Duft von Orangenblüten hatte sie glatt vergessen, dass es Meinungen in Deutschland gab, wonach sie selbst nicht existieren sollte“ – die „Meinungen“ kannten wir bisher als Antisemitismus. Oder: „Ihr Duft rauschte gegen seinen inneren Strom.“ Oder: „An der schmalen Mole … lag eine gestürzte Erle im braunen Schilf, der Wurzelballen ragte in den Himmel, als gähnte die Erde.“ Wenn wir einen Deutschen Stilblütenpreis zu vergeben hätten, „Rücken an Rücken“ würde ihn mühelos gewinnen.

Nun können Bilder immer schiefgehen. Wer von uns ohne falsche Metaphern ist, werfe den ersten Satz. Die Ballung dieser Bilder aber macht schon stutzig. Wobei verschärfend hinzukommt, dass die Sätze in einer Beschreibungswüste erheblichen Ausmaßes stehen. Da glänzen dauernd die Augen, und sie sind auch meistens sehr tief. Die Kälte ist meistens kalt und macht frieren. Besonders hart jedoch trifft es Marie, in die sich Thomas sterblich verliebt. Ihr Duft ist immer zartsüß oder zart und süß. Ihre Stimme ist rau, immer wieder rau, die Lippen sind fein, auf einer Seite macht sie zweimal auf dem Absatz kehrt.

Das würde der Leser auch bald sehr gerne. Denn trotz mancher Passagen, die tatsächlich bewegen, die hinreißend gelungen sind, die schmerzhaft vorführen, wie hier eine große Verzweiflung in Sprachlosigkeit versinkt, verliert man irgendwann komplett den Faden. Weil man bang nur noch auf den nächsten falschen Anschluss wartet, auf den nächsten Formulierungsunfall, auf den nächsten Ausflug ins Courths-Mahlereske.

"Geld her oder wir erzählen unsere Familiengeschichte“

Das überhaupt ist das Allerschlimmste. Dass der Roman gewaltig schlingert, dass Julia Franck ihren Stoff sprachlich nie in den Griff bekommen hat. Immer wieder holt sie weit aus, will Welt und Zeit ergreifen, begreifen, ihr Wesen und das des Menschen erklären, immer wieder will sie Kunst und langt dabei mitten hinein in den sauren Kitsch.

So ist „Rücken an Rücken“ ein Unterhaltungsroman wider Willen geworden, Inga Lindström für DDR-Zeitgeschichte. „Die Welt“, sagt Käthe einmal, „wird in dem Kitsch noch untergehen.“ Da hatte sie gerade Fred Frohberg – einen Ost-Schlagerkitschier – gehört im Radio. Sie hätte aber auch den Roman ihrer Enkelin gelesen haben können.

Eine dunkle Vision hat man am Ende dieser Lektüre. Dass es eines Tages an der Tür klingelt und uns nett aussehende, leicht vermummte Menschen gegenüberstehen, die uns in leicht sächsisch klingendem Dialekt freundlich, aber unmissverständlich auffordern: „Geld her oder wir erzählen unsere Familiengeschichte.“