ARD-Castingshow

Die Gehirnschmalzzentrale für den klügsten Deutschen

Sind die Deutschen doof? Nach der Pisa-Studie könnte man das vermuten. Kai Pflaume macht sich deshalb auf die Suche nach dem "klügsten Deutschen 2011".

Kluge Deutsche – da fallen einem zunächst die Dichter und Denker ein. Goethe vielleicht, Schiller, die großen Philosophen Nietzsche, Adorno. Heute möglicherweise der smarte Jungphilosoph Richard David Precht. Von denen wird sich aber mangels Lebendigkeit und Notwendigkeit keiner um den Titel „Der klügste Deutsche 2011“ bewerben. Diesen aber vergeben Moderator Kai Pflaume , der bisher auch nicht unbedingt unter die Kategorie hochintellektuellster Abendunterhaltung einsortiert wird, und eine dreiköpfige Jury in der ARD-Sendung.

„Professor, Hausfrau oder Handwerker“ sollen sich laut Ankündigung bei der Sendung bewerben können und in Castings und den drei Quizsendungen einen Sieger hervorbringen. Bildungsauftrag meets Unterhaltungsfernsehen nach Konzepten, die beim Privatfernsehen abgekupfert sind. Das kann ja heiter werden.

Casting unter Pisa-Verlierern?

Das dachten sich wohl auch die Macher bei der Zusammensetzung der Jury und setzten Tagesschaumoderatorin Judith Rakers neben Spaßarzt Eckart von Hirschhausen, der Witz in die Sendung bringen soll und ganz nebenbei auch die Inhalte Bildung und Unterhaltung wie kaum ein anderer in Personalunion verkörpert. Dritter im Bunde der Klugheitsrichter ist Matthias Opdenhövel, der bisher eher durch seine schlagfertigen Moderationen im Stefan-Raab-Kosmos und seit dieser Saison auch als Moderator der „Sportschau“ auf den Bildschirmen bekannt geworden ist.

In die heiße Phase ging die Suche nach dem klügsten Deutschen schließlich am Samstagabend mit dem ersten Halbfinale zur besten Sendezeit in einem seltsamen lila Studio. Das eigene Publikum schien man schon einmal für nicht besonders klug zu halten, anders ist es nicht zu erklären, dass Moderator und Jury und Studio und Studiopublikum einzeln benannt wurden: „Das ist das Studio, das ist das Publikum...“. Sollte das der Auftakt für ein Gegensignal zum ständigen Jammern über das Bildungsniveau der Deutschen und Pisa-Verlierer sein?

Schnell stellte sich heraus, dass das Sendekonzept identisch ist mit anderen Castingformaten wie „Deutschland sucht den Superstar“. In Bussen und Hotels waren 100 Kandidaten ausgewählt worden , aus denen in weiteren Vorrunden schließlich die zwölf Halbfinalisten hervorgingen. Die Ersten von ihnen mussten sich nun der „Gehirnschmalzzentrale“ stellen, wie Kai Pflaume die Jury vorstellte.

Dabei folgte aber das Übliche: Homestorys der Kandidaten aus dem Büro in Bottrop oder dem Flugzeugcockpit. Ein bisschen persönlicher Touch durch Ehefrauen, -männer und Kinder, sogar großes Drama mit einer Knochenmarksspendengeschichte.

Schnellraterunde mit breitem Allgemeinwissen

Zu jedem Kandidaten gab es natürlich auch einen Wettbewerbsteil: In der Schnellraterunde, der wenig mit einem echten Intelligenztest zu tun hatte, konnten die Zuschauer sogar mitmachen. Breites Allgemeinwissen war gefragt, bei dem sich noch jeder auf seinem Sessel als der klügste Deutsche fühlen durfte.

Und damit es auch was zum Anschauen gab, wurden für die praktischen Aufgaben aufwendige Studiokulissen aufgefahren, denn in der ARD kann man nicht mit Stripeinlagen rechnen wie beispielsweise bei Dieter Bohlens "Supertalent". Da mussten Bälle Kindern zugeordnet und sich Menschen auf den korrekten Sitzplätzen gemerkt werden. Das Ganze wurde dann nach einem leicht unübersichtlichen Schlüssel von der Jury bewertet.

Das war dann doch alles eher Unterhaltungs- als Bildungsfernsehen, mit einem reichlich flachen Spannungsbogen. An eine durchschnittliche Ausgabe von „Wer wird Millionär?“ mit Günther Jauch kam die Sendung nicht heran – zumindest bislang. Aber halt: Der Bildungsauftrag wurde dann doch noch bedient, denn es kam ein Hirnforschungsexperte zu Wort, der die Aufgaben mitkonzipiert hatte und dem Publikum die Klugheit erklären durfte.

Der Nerd trifft auf Lehrerin

Die Geschlechterquote stimmte in der ersten Rund auch: drei Frauen, drei Männer waren dabei. Und wer gut aufpasste in den Schnellraterunden, konnte doch noch den einen oder anderen Wissenshappen für Partykonversationen mitnehmen. Ausgerechnet die Lehrerin unter den Kandidaten tat sich sehr schwer in der praktischen Runde, obwohl Eckart von Hirschhausen seinen ärztlichen Helferkomplex nicht unterdrücken konnte und Hilfestellung leistete.

Dafür gab es dann aber noch einen Physikstudenten, den man getrost als Prototypen eines Nerds bezeichnen kann und einen Puppenspieler, der in der Vorrunde perfekt antwortete. Hausfrauen und Handwerker waren nicht unbedingt dabei, und die Sendung zog sich etwas, trotz der vielen Kandidaten und unterschiedlichen Aufgaben.

Zum Schluss bestimmte das Studiopublikum dann drei der vier Finalisten, was vermutlich neben der Klugheit viel mit Sympathie zu tun hatte. Spannend ist das alles nicht gerade, und so blieb die Sendung ein etwas unbeholfener Versuch, große öffentlich-rechtliche Samstagabendunterhaltung mit Anspruch zu machen. Doch wer weiß? Vielleicht wird die nächste Sendung ja der Intelligenz-Kracher.

Am kommenden Donnerstag folgt das zweite Halbfinale, der endgültige Gewinner wird am Samstag darauf gekürt.