Zirkus-Zelt

Feist gibt einziges Deutschland-Konzert in Berlin

Auf diesen Auftritt haben viele seit Jahren gewartet. Nach langer Auszeit hat die Sängerin Leslie Feist am Samstagabend bei ihrem einzigen Tourstopp in Deutschland tausende Fans in Berlin begeistert - und das ganze ohne Riesen-Inszenierung und kreischendes Publikum.

„Die schönste Stimme ihrer Generation“, „Meilenstein“, „Meisterwerk“, die Songwriterin Leslie Feist ist nur noch als Superlativ erklärbar. Mit 35 ist sie der stille Star der Arrivierten, leise bewundert von denen, die sich schon ausgetobt haben, die Penis-Absätze pubertär finden, die nicht mehr kreischen, sondern inbrünstig klatschen. Im Tempodrom gab die Kanadierin ihr einziges Deutschland-Konzert. Es war ausverkauft.

Unschuldig steht sie auf der Bühne mit einer Gitarre so groß, dass sie beinahe wie ein Kind aussieht. Ein dreistimmiger Chor begleitet die Sängerin, Schlagzeug, Piano und zweite Gitarre, manchmal auch ein Glockenspiel. Feist verzichtet auf die Riesen-Inszenierung: Kein Nebel, der den Blick verklärt, kein schwindeliges Blinke-Licht-Gewirr. Die Songs dringen in sanft gehauchten Worten durch das Zirkuszelt aus Beton. „Graveyard“, eine heilige Mondschein-Sonate, hüllt alles in ein warmes Rot. „Bring 'em all back to life“ hofft sie zaghaft, wiederholt es hundertfach, bis es fast wahr wird. Eng umschlungene Menschen verharren andächtig beim herz-pochenden Rhythmus.

Ganz anders hätte es kommen können. Mit zwanzig macht Leslie Feist noch Punk, schreit sich die Seele aus dem Leib. Das war zu viel für das zierliche Mädchen: totaler Stimmverlust. Ein Jahr soll sie nicht singen, rät ihr der Arzt. Vielleicht klingt sie deswegen so zärtlich, so streichelnd sanft. Es ist die Zurückhaltung, die ihrer Musik den nötigen Raum gibt, groß zu sein. Rihannas Kanonenrohr-Ritt, Lady Gagas inszeniertem Sodom und Gomorrha, der rosa Trash-Welt von Katy Perry setzt Feist Folk ohne Getue entgegen. Nichts liegt ferner als die Provokation. Das imponiert einem Publikum, dass keine Idole mehr braucht, keine Tabus mehr brechen muss. Die vielen Frauen Ende zwanzig, Anfang dreißig im Publikum identifizieren sich mit der Künstlerin, die ein schlichtes pastellfarbenes Kleid mit braunem Gürtel trägt. Sie erliegen der Natürlichkeit einer jungen Joan Baez und der Coolness Patti Smiths. Bei „I feel it all“ hängt die Gitarre nochmal tief, wird wie bei den Ramones geschrammelt, das war's dann aber auch mit dem Punk.

Ein bisschen mehr als vier Jahre braucht es, bis mit „Metals“ ein Nachfolger zum Durchbruch-Album „The Reminder“ veröffentlicht wird. Im Dezember 2007 änderte sich die Welt für Feist schlagartig. Für den Werbefilm der dritten Generation eines Mp3-Players tänzelte sie mit ihrem Song „1234“ über den Display des Winzlings. Anfangs verkaufte sich das Album ein paar zehntausend Mal, nach dem Erscheinen des Clips sind es allein in Amerika über 730.000. Der Erfolg schickt sie durch die ganze Welt. Das macht müde, ausgelaugt. Es braucht eine mehrjährige Pause um den Kopf frei zu bekommen. „Metals“ entstand schließlich in einem Bauernhaus an der Küste Kaliforniens. Wieder mit dabei: die alten Freunde und Förderer Chilly Gonzales und Mocky. Kontemplative Sonnenauf- und Untergänge wie bei „The Circle Married The Line“ treffen auf Naturgewalt wie in „A Commotion“. Donnernde Bass- und Schlagzeug-Gewitter brachial entfesselt, zerfahren die trügerische Ruhe. Danach scheren sie wieder ein, als wäre nichts gewesen. Laut, leise, Feist fasst ihre Kraft aus der Dynamik.

Zwischen den traditionellen Folk-Nummern lassen solche Stücke das verschmuste Publikum aufhorchen, erlauben einen Blick in die so selten durscheinende, wilde Seite der Musikerin. Der Chor, ein weibliches Schamanen-Dreigestirn, weht geheimnisvoll mit seinen Feder-Glocken. Verspielte Tiergesänge kommen aus ihren Mündern, dazu ein Klatschen wie von aufgedrehten Kolibris. Linker Fuß vor, rechter Fuß vor, Hüft-Wackeln. Leichtigkeit kann so schön einfach sein. Unter der holzvertäfelten Kuppel herrscht eine unverkrampfte Heiterkeit wie beim Scheunen-Tanz. „Mushaboom“ heißt das Stück, benannt nach einer kleinen Gemeinde in Nova Scotia, Kanada.

Zwischen den Stücken, nach dem tosenden Applaus, der wie Gewehrsalven auf die zerbrechliche Schöne einprasselt, kehrt wieder Ruhe ein. Das spartanische Bühnenlicht wechselt von Rot auf Orange in ein kaltes Blau, zurück zum Orange. Mehr passiert dort nicht. Die meiste Zeit steht die Sängerin im Halb-Licht der gedimmten Scheinwerfer. Sie spricht kaum. Am Anfang ein „Wilkommen-Berlin“, später ein „Schön-Wieder-Hier-Zu-Sein“. Letzteres ist nicht, wie bei den vielen Grüß-August-Künstlern, die sich jedes Mal ja so freuen in Berlin zu sein, gespielt. Eine Zeit lang lebte Feist in Berlin: Danziger Straße Ecke Schönhauser Alle, da wo der Prenzlauer Berg hip und cool war. So unglamourös ihr Auftreten ist, könnte man meinen, sie wäre eine von uns. Man täuscht sich schnell in Leslie Feist. Weiter vorne, je näher man der Bühne kommt, blitzt sie heftig auf, diese unüberwindbare Aura des Star-Seins. Die Trennlinie zwischen Normal und Überirdisch.

Nach dem Abgang und einem Stampfen des Publikums, wie man es aus Rhythmusspielen in der musikalischen Früherziehung kennt, kehrt die Sängerin zurück. Sie möchte den Gästen noch einmal das Gefühl vom Abschlussball geben, sagt sie, und bittet ihre Fans zum Tanze auf die Bühne. Die Jungs links und die Mädchen rechts, „just kidding“ kichert sie in sich hinein, und wirkt wie der Teenager, der darauf wartet, zum Tanz aufgefordert zu werden. Die Bühne wird voller und voller, so lange bis die Sicherheit es gebietet, einzuschreiten. „Tut mir leid, ist voll“, entschuldigt sich ein Mitarbeiter sehr freundlich, so als ob er es wirklich bedauert.

Handys werden gezückt. Sich auf der Bühne fotografieren, ist vielen auch mit Mitte dreißig wenig peinlich. Die ersten schieben sich in einem angedeuteten Walzer über die Bühne. Arm in Arm, einige schunkeln glückselig. Aber niemand traut sich an Feist heran. Wieder blitzt diese Aura auf. Zum letzten Stück sollen sich die Tänzer auf die Bühne setzten: Sit-In à la Yoko und John. Von Weitem ist die bezaubernde Elfe für den winzigsten Bruchteil eines Moments das kleine Mädchen mit der viel zu großen Gitarre. Ein Blinzeln und sie ist wieder Feist, der Star.