Schaubühne

"Dritte Generation" - kein Klischee ausgelassen

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Reinhard Wengierek

Es hatte, ja, Theater gegeben: Ein Holocaust-Überlebender hatte gegen die Aufführung der Politperformance "Dritte Generation" mit jüdischen, palästinensischen und deutschen Darstellern an der Berliner Schaubühne protestiert. Jetzt war Premiere: Ein verwirrender Gastspielabend - erschütternd, polemisch, komisch und letztlich befreiend.

„Ein paar Juden und Palästinenser zusammengerührt und abgeschmeckt mit einer Prise Deutscher, das lässt krachen, das gibt Riesenaufriss“, sagt Orit in dem Politspektakel „Dritte Generation“. Natürlich, das Palästinensermädel hat Recht mit seiner Prophezeiung, für die es keiner prophetischen Gabe bedarf. Und deren Sarkasmus typisch ist für diese Koproduktion des Habimah Theaters Tel Aviv und der Berliner Schaubühne. Denn Regisseurin Yael Ronen, Kind israelischer Theatermacher, Anfang 30 und, wenn man die Shoa-Überlebenden als erste Generation bezeichnet, der dritten, der Enkel-Generation zugehörig, denn dieses verwegene Theaterkind verknüpft Geschichten ihrer eigenen Verwandtschaft und Bekanntschaft mit denen ihrer Ensemblemitglieder sowie jenen, die sie vom Hörensagen kennt und legt sie ihrer etwa gleichaltrigen Truppe in den Mund – im gegebenen Fall besteht die aus Juden, Palästinensern mit oder ohne Israel-Pass, sowie Deutschen.

Und selbst wenn Yael Ronen gänzlich unpolitisch sein wollte, was dem bis zur Schmerzgrenze ironischen und krachhumorigen Enfant terrible selbstredend zuwider wäre, der Zusammenschnitt ihrer eigenen Erfahrungs- und Bildungshintergründe (sie ist liiert mit einem Palästinenser) mit denen ihrer zehn Mitspieler – es sind Nachkommen derer, die den Nationalsozialismus, die Gründung des Staates Israel, die Besetzung Palästinas miterlebt haben –, muss zwangsläufig zum Krach führen.

Freilich, alles ist nur Theater. Doch Ronen treibt ihr vertracktes Spiel mit schmerzlichst Erlebtem, grotesk Vorgestelltem und irrwitzig Vorbeurteiltem derart aufs Glatteis des ganz real Absurden, dass sämtliche moralischen Bedenkenträger und politisch Korrekten auf den Plan gerufen werden – und man nur noch schreien oder sich totlachen mag. Werden doch alle nur denkbaren Tabus und Klischees, von denen das Verhältnis zwischen Juden, Palästinensern, Arabern, Deutschen durchsetzt ist, zu Kleinholz. Yael Ronen: „Die Stereotypen sind ja hinlänglich erschöpft!“

Also wird Tacheles geredet. Die dritte Generation packt endlich alles auf den Tisch, was da jenseits von Entsetzensstarre, gewalttätiger Rechthaberei, Gerechtigkeitsdogmatik sowie dem Gebot „Nicht vergleichen!“ alles gedacht und gemeint wird. So werden die Stereotypen der beliebten Opfer- und verordneten Täterrollen aberwitzig über den Haufen geworfen. Aber: Nicht die Leiden, Schmerzen, Ängste, Traumata und Verunsicherungen, nicht die inneren Wunden werden unverschämt lächerlich gemacht, sondern das, was die tief verletzten Seelenwelten schützen soll: eben die auf allen Seiten ritualisierten Verdrängungsmechanismen, die fatalen Unter-den-Teppich-Kehrmaschinen.

Diese so unfrei machenden, versimpelten Weltsichten. Das gerade auch in seiner satirischen Zuspitzung gewagte Theaterprojekt aus „authentischem Material“ in englischer, hebräischer, arabischer und deutscher Sprache (alles Fremdsprachliche ist deutsch übertitelt) wirkt wie eine ganz pragmatische Anleitung für den Anfang einer Gruppentherapie: Erst mal alles rauslassen, um Fronten aufzuweichen, um (selbst-)kritisch zu werden, um den Stau an Angst, Unwissen und Wahn aufzulassen. Um wirklich verstehen und komplex von Schuld reden zu können, auf die Vergebung folgen mag.

Es ist ein gegenseitiges geistiges Nacktausziehen, derer, die sich gegenseitig „ins Mittelmeer“ stürzen wollen und jener, die als Täter-Enkel angeblich den „Job übernommen haben, sich ewig schlecht fühlen zu müssen“ und die Zahl der Holocaust-Opfer mit denen der Stalin- und Mao-Opfer vergleichen.

Der verwirrend aufklärerische Gastspielabend am Lehniner Platz ist ein Wegziehen demagogischer Hüllen. Erschütternd, beklemmend, polemisch, sehr komisch und letztlich befreiend. Eine Option auf Zukunft, auch wenn sich zum Schluss alle zehn Spieler derart verrückt in die Haare kriegen, dass Nasen Bluten und Knochen brechen. Komische Pointe, aber äußerst realistisch.

Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf. Telefon: 890023. Termine: 23. bis 25. März, 3. bis 5. April, jeweils um 20 Uhr.