Villa Schöningen

Multimedia-Ausstellung zeigt Facetten der Mauer

Die Ausstellung "Mauerperspektiven" in Potsdam bietet nicht nur eine Sichtweise, sondern nähert sich dem Thema Mauer in erstaunlich unterschiedlichen Perspektiven - mit Hilfe moderner Technik und Studenten der FU Berlin.

Die Wunden sind verheilt, fast überall. Jedenfalls die Wunden im Stadtbild. Mit Ausnahme von wenigen Stellen in und um das frühere West-Berlin sieht man nichts mehr vom Todesstreifen, an dem die Konfrontation von Diktatur und Freiheit so sichtbar war wie nirgends sonst auf der Welt. Die Berliner Mauer ist verschwunden. Auch an der Glienicker Brücke herrscht längst Idylle, wo bis vor knapp 22 Jahren jedem der Tod drohte, der die DDR verlassen wollte.

Scheinbare Normalität am Streifen

Genau hier, im privaten Kunst- und Geschichtsmuseum Villa Schöningen, eröffnet am Tag der Deutschen Einheit eine neue Ausstellung, die an die „Schandmauer“ erinnert. Das Besondere ist die Vielfalt der Perspektiven, derer sich die Kuratoren Jürgen und Daniel Ast annehmen. Bei den meisten neueren Mauerausstellungen, von denen es ja gerade vor dem 50. Jahrestag des 13. August 1961 eine Fülle gab, beschränkten sich auf eine oder zwei Sichtweisen. Etwa auf die Sperranlagen aus der Sicht der DDR-Grenzer – so die hochinteressante Fotoschau „Aus anderer Sicht“ in den Berliner Ausstellungsräumen Unter den Linden , die leider schon am Montag mit einer Finissage und der Versteigerung der Panoramabilder schließt. Oder die Sichtweise der Stasi auf Maueropfer, deren Tod nach Möglichkeit verheimlicht werden sollte, im Informations- und Dokumentationszentrum der Stasiunterlagen-Behörde. Es gab auch kleinere Ausstellungen nur zum Bau der Mauer oder zur Mauerkunst auf der westlichen Seite des „vorderen Sperrelements feindwärts“, so der Grenztruppen-Jargon für die Betonmauer.

Diese Konzentration auf eine Perspektive wollten Jürgen und Daniel Ast überwinden – mit Hilfe moderner Technik, nämlich Multimedia-Projektionen. Zusammen mit Studenten des Studienganges „Public History“ der Freien Universität Berlin und finanziert von der Stiftung Aufarbeitung sowie der Stadt Potsdam haben sie fast ein Dutzend Zugänge erarbeitet, die unterschiedlichen Annäherungen an das Thema Mauer erlauben.

"Freies Sicht- und Schussfeld"

Die Ausstellung beginnt mit dem berühmten Honecker-Zitat, demzufolge die Mauer „in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen“ werde. 294 Tage später war die innerstädtische Grenze Vergangenheit. In sieben Räumen bietet die Ausstellung dann jeweils eigene Zugänge. Unter dem Stichwort „Topografien“ etwa erinnern eine Mauerkarte im Stil aktueller Infografiken und eine Projektion aus Karten und zeitgenössischen Detailfotos der Grenze an die scheinbare Normalität der Todeszone rund um eine Halbstadt. Die Aufnahmen stammen aus allen verfügbaren Quellen – aus Archiven der Stasi und der Grenztruppen ebenso wie aus Privatbesitz Ost und West oder aus Beständen der West-Berliner Polizei, zu deren Aufgaben die Dokumentation der Sperranlagen gehörte.

Bemerkenswert sind private Schmalfilmaufnahmen des DDR-Regisseurs Lothar Warnecke, der mit seiner Familie elf Jahre lang vis-à-vis der Villa Schöningen lebte, im ehemaligen Wärter-Häuschen der Glienicker Brücke. Obwohl jede private Dokumentation des Sperrgebietes durch DDR-Bürger natürlich strikt untersagt war, enthalten Warneckes Aufnahmen von Kinderspielen und Familienidyllen immer auch Ansichten der Sperranlagen, deren einziger Zweck es war, Menschen die Freiheit vorzuenthalten. Als die zuständigen Grenztruppen „freies Sicht- und Schussfeld“ verlangten, mussten die Warneckes im Frühjahr 1978 weichen. Ihr ehemaliges Häuschen wurde schon abgerissen, als sie gerade die letzten Besitztümer ausräumten.

Eine ganz andere Sicht auf die Mauer hatten junge Künstler wie zum Beispiel Thierry Noir aus Lyon. Mit seinem Freund Christophe Bouche wollte er etwas tun gegen die beängstigende Grenze. „Wir versuchten nicht, die Mauer zu verschönern, weil es in der Tat absolut unmöglich war. Man könnte diese Mauer mit hundert Kilo Farbe bemalen, sie würde immer dieselbe bleiben: ein blutiges Ungeheuer.“ Also lenkten die beiden Franzosen mit ihren großen, auf den Beton der letzten Mauergeneration gepinselten Werken die Aufmerksamkeit auf die Absurdität der Grenze.

Zahlreiche dieser heute weitgehend vergessenen, weil mit dem eiligen Abriss 1990 verschwundenen Kunstwerke kehren in Fotoprojekten zurück ins Bewusstsein – und Thierry Noir wird eigens für die Ausstellung in der Villa Schöningen ein neues „Mauerbild“ schaffen. Vater und Sohn Ast vermeiden es, die Mauerkunst der Zeit vor dem 9. November 1989 mit den Graffitis der folgenden Monate zu vermengen, wie es leider die meisten Stadt- und Mauerkunstführer heute tun.

Mauerdetails per Touchscreen

Die beiden wichtigsten Projektionen sind im größten Raum der Villa zu sehen: Die eine umfasst über 700 Detailaufnahmen der Sperranlage, die Grenzer 1988/89 angefertigt haben. Jürgen und Daniel Ast haben sie mit genauen Karten und knappen Erläuterungen zum jeweiligen Ort versehen. Eindrucksvoller kann man sich den totalen Wandel entlang des Grenzstreifens kaum vor Augen führen lassen – vom Besucher gesteuert, der per Touchscreen selbst auswählen kann, welchen Abschnitt der Grenze um West-Berlin man sehen möchte.

Noch eindrucksvoller ist eine zweite Installation: Die Porträts und knappe biografische Daten der 136 Opfer der Berliner Mauer sind zusammen mit den Orten ihres Sterbens zu einer Projektion verschmolzen. Auf diese Weise gewinnt ihr individuelles Schicksal eine bedrängende Greifbarkeit, die zeitliche und historische Distanz schrumpft zusammen.

Weitere Filme, Fotos und interessante Interviews ergänzen die Ausstellung um nochmals andere Facetten der Mauer. So verschiedene Blickwinkel und eine so zeitgemäße Form wie in der Ausstellung „Mauerperspektiven“ in Potsdam hat es bisher noch nicht gegeben.

Die Villa Schöningen befindet an der Glienicker Brücke, direkt an der Nahtstelle zwischen Berlin und Potsdam, dort, wo ehemals Agenten ausgetauscht wurden. Die imposante Turmvilla wurde 1843 von Ludwig Persius errichtet. Neben der Dauerausstellung zur deutschen Teilung und Wiedervereinigung ist die zeitgenössische Kunst ein großes Thema des Hauses.

Villa Schöningen, Berliner Str. 86 in Potsdam. 3. Oktober 2011 bis 8. Januar 2012, Di-Fr 11-18 Uhr, Sa/So 10-18 Uhr. Es gibt auch Führungen