Musikwettbewerb

Tim Bendzko will beim Song Contest Berlin retten

Mit einer Ausrede ist Tim Bendzko der Durchbruch im Musikgeschäft gelungen. Nun tritt er für seine Heimatstadt Berlin beim Bundesvision Song Contest an. Über den Sieger entscheiden die Fernsehzuschauer.

Foto: Christian Hahn

„Servus“, sagt Tim Bendzko. Als Berliner dürfe man das jetzt, die Stadt werde südwestdeutscher und offener. Mit feierlichem Ernst sagt er das alles und in rasender Geschwindigkeit. Ein 26-Jähriger mit blonden Locken, der in einem Kreuzberger Büro sitzt, unter einer Goldenen Schallplatte des Sängers Peter Fox, wie ein verirrter Gymnasiast. Mit Schwung versenkt er einen Teebeutel im Glas und schaut ihm heiter hinterher. „Ich fand schon immer: Servus sagt sich schöner als Hallo.“ Man weiß nicht, ob er das so meint oder als Witz. Tim Bendzko ist ein eingeborener Berliner.

Am heutigen Donnerstagabend (ab 20.15 Uhr) wird der Liedermacher mit dem Titel „Wenn Worte meine Sprache wären“ seine Stadt in Köln beim Bundesvision Song Contest vertreten. Jährlich feiert Deutschland seine föderalistische Idee mit einem Sängerwettstreit. Vor fünf Jahren hat die Gruppe Seeed den Titel für Berlin erobert, Peter Fox gewann zuletzt 2009. Der BuViSoCo ist eine der typischen Erfindungen von Stefan Raab. Bei ihm werden sogar aus Bratpfannen olympische Geräte für den Wintersport. 2005 maßen sich erstmals Musiker aus allen 16 Bundesländern in einer absurden Fernsehshow. Inzwischen gilt der Wettbewerb als amtliches Kulturereignis mit einer Gesamtwertung: Berlin führt sie mit 700 Punkten an, vor Thüringen und Hessen.

Karrierestart als Fußballer

Dass die abgesandten Künstler tief verwurzelt sind in ihrer jeweiligen Heimat und dort leben, ist nicht zwingend für den BuViSoCo. Aber es fördert den Sportsgeist, es erhöht den Reiz. Vor allem für Berlin, die Stadt der zugezogenen Musiker. „Ich fühle mich zu klein, um mit der Fahne für Berlin vorweg zu reiten. Ich vertrete bloß die Stadt mit einem Song. Aber man sollte schon Berliner sein, um für Berlin zu singen“, sagt Tim Bendzko, der in Friedrichshain wohnt und bestaunt wird als Exot. Als Ureinwohner Ost-Berlins, bei dem der Dialekt sich unter allen anderen Dialekten bereits gründlich abgeschliffen hat. In Kaulsdorf kam er 1985 auf die Welt. In Köpenick wuchs er heran. Wie jeder, der in Köpenick beim Fußball an der Schule auffiel, spielte er beim 1. FC Union. Mit acht fing er als Stürmer an, dann rutschte er zurück ins Mittelfeld und schließlich in die Abwehr. Er ging auf die Sportschule und stieg mit 16 aus dem Training aus, er wollte Sänger werden. „Ich hatte mich schon als kleiner Mensch, mit zehn, entschieden, vom Musikmachen zu leben. Davon hatte mich der Fußball abgehalten. Ich beschloss, nun etwas für meinen Beruf zu tun.“ Er nahm Gitarrenunterricht und sang für sich daheim bekannte Lieder nach. Es zog ihn „in die Stadt“ wie man in Köpenick zu sagen pflegt, zunächst nach Schöneweide in eine WG und schließlich in den Friedrichshain.

Seit Wochen hält Tim Bendzko sich mit seinem eigenen Lied „Nur kurz die Welt retten“ hoch oben in den Hitparaden. Er singt: „Ich hab viel zu viel zu tun, lass uns später weiter reden/ Da draußen brauchen sie mich jetzt/ die Situation wird unterschätzt/ Und vielleicht hängt unser Leben davon ab/ Muss nur noch kurz die Welt retten/, danach flieg' ich zu dir/ Noch 148 Mails checken/ Wer weiß was mir dann noch passiert/ Denn es passiert so viel.“ Der Song ist schon als engagierter Generationsgesang gedeutet worden. Andere hören ihn als Liedermacher-Parodie. Auch hier tut man sich schwer mit dem Berliner Ton, der trockenen Ironie, die meist für hintersinniger gehalten wird, als sie tatsächlich ist. Es sei ein kleines Lieder über alltägliche Vermeidungsstrategien, erörtert Bendzko. Er singe sich selber ins Gewissen: Anstatt zielstrebig zu musizieren, wäre er beinahe Fußballer geworden. Und auch heute noch ertappe er sich dabei, wie er seine Arbeit unterbricht und in den Postverkehr bei Facebook flüchtet. „Die Zeit läuft mir davon/ Zu warten, wäre eine Schande/ Für die ganze Weltbevölkerung/ Ich muss jetzt los/ Sonst gibt's die große Katastrophe“, heißt es in „Nur noch kurz die Welt retten“.

„Wahrscheinlich habe ich von allen Sängern auf der Welt am wenigsten dafür getan, um Sänger zu werden“, sagt Tim Bendzko. Er wurde von seinen Eltern nie mit Hausmusik behelligt oder mit gehobenen Platten. Seine Mutter hörte Heintje, Peter Maffay und Karat. Als Stefan Raab mit „Wadde hadde dudde da?“ zum ersten Mal beim Eurovision Song Contest antrat, war Bendzko 14. Er lud sich die Karaoke-Fassung aus dem Internet und stellte seine eigene Interpretation ins Netz. „TV Total“ erklärte seinen kleinen Film zum „Schocker der Woche“. „Ich fand, es war soweit. Ich sang einfach. Ich fand mich toll und dachte, es geschafft zu haben.“

Nach dem Abitur studierte Bendzko, um nicht ernsthaft singen zu müssen, an der Freien Universität nichtchristliche Religionen und evangelische Theologie. Der Köpenicker Atheist. Er sagt, es helfe ihm beim Songschreiben, weil er nicht mehr auf alles eine Antwort brauche. Er war unterwegs als Auto-Auktionator, wo er lernte, unentwegt mobil und oft allein zu sein. In Mannheim triumphierte er bei einem Sängerwettbewerb. Und plötzlich war Tim Bendzko überall, bei Großkonzerten gegen rechts, bei Festivals für alles Mögliche. Er sang sich durch das Vorprogramm von Elton John und von Joe Cocker in bestuhlten Mehrzweckhallen.

Keine Angst vorm Schlager

„Wenn Worte meine Sprache wären“, nennt Tim Bendzko sein Debütalbum. Stilistisch sind die 13 Songs präzise zwischen sämtlichen in Frage kommenden Strömungen platziert. So salbungsvoll wie Bendzko singt, erinnert er an Xavier Naidoo, Clueso und Laith Al-Deen. Seine Verschmitztheit stellt ihn neben Neue Deutsche Liedermacher wie Gisbert zu Knyphausen, Max Prosa oder Philipp Poisel. Und die fehlende Scheu vor Reimen wie „Mich traf der Blitz als ich dich lächeln sah/ Beim ersten Herzschlag war uns beiden alles klar“ und Binsen wie „Das Glück ist nur geliehen“ reißt die Grenze ein zum Schlager. Er schreibe sich die Lieder einfach von der Seele, sagt er. Um den Zeigefinger zu erheben, fühle er sich noch zu unstet und für Weisheiten zu jung. „Ich bin, was dieses Kategorisieren von Musik angeht, eher emotionslos“, sagt Tim Bendzko. „Für mich ist es deutschsprachige Popmusik.“

Es ist, wenn man so will, Musik, die in den neunziger und nuller Jahren zwischen Köpenick und Friedrichshain entstanden ist. Zwischen dem ewigen Südosten und der neuen Mitte. Die Musik könnte aber genau so gut in Dresden oder Düsseldorf zu Hause sein. Man singt wieder mehr deutsch, das Land wird kleiner. Wo Tim Bendzko heute wohnt, reift wieder der Diskurs darüber, ob Berlin dabei ist, seine Seele zu verlieren. Durch den Zuzug von Provinzlern und den Andrang der Touristen. Ob die Fremden das zerstören, was sie suchen, und am Ende nur sich selber finden und die eigene Ankunft feiern. „Von Natur aus findet der Berliner es bedenklich, immer weniger Berliner anzutreffen. Aber die Touristen finanzieren ihn ja und sind freundlich zu ihm“, sagt Tim Bendzko, badet seinen Teebeutel und freut sich.

Konkurrenz Song Contest

Zum siebten Mal findet am heutigen Donnerstag (29. September 2011) der Bundesvision Song Contest (kurz: BuViSoCo), der von Moderator Stefan Raab im Rahmen seiner Show „TV total“ initiierte Gegenentwurf zum Eurovision Song Contest, statt. Dabei treten deutschsprachige Interpreten gegeneinander an, die jeweils ein Bundesland repräsentieren. Zur Vorgabe gehört, dass mindestens 50 Prozent des Textes deutsch sein muss. Der Sieger wird per Telefon/SMS-Abstimmung von den Zuschauern bestimmt.

Wie beim großen Europäischen Vorbild wird auch der Bundesvision Song Contest des folgenden Jahres im Gewinnerland ausgetragen. Heute findet er in der Kölner Lanxess-Arena statt, nachdem Unheilig mit „Unter deiner Flagge“ für Nordrhein-Westfalen im Vorjahr gewannen. Pro7 überträgt live ab 20.15 Uhr. Es starten u.a. Thees Uhlmann (Hamburg), Echt (Hessen), Glasperlenspiel (Baden-Württemberg) und Tim Bendzko (Berlin). Es moderieren Johanna Klum und Stefan Raab.