Berlinale-Wettbewerb

Eine Scheidung im Iran ist jetzt der Favorit

"Nader und Simin" von Asghar Farhadi verknüpft Religion und Wirtschaftskrise, Frauenschicksal und Männerwahn zu einem Meisterwerk.

Es gibt auf jedem großen Filmfestival das Warten auf den einen Film, der einen umwirft, den Atem verschlägt und all den Durchschnitt vergessen lässt, dem man im Laufe von zehn Tagen ausgesetzt ist. In Cannes findet sich fast jedes Jahr solch ein Juwel, in Berlin schon seltener. Am Dienstag taumelten alle aus dem Berlinale-Palast, berührt, sprachlos, hinweggeweht von „Nader und Simin, eine Trennung“, dem iranischen Wettbewerbsbeitrag.

Die Berlinale besitzt den Ruf, dass sie manchmal Filme mit Preisen bedenkt, die mindestens so sehr der guten Sache wie dem filmischen Kunstwerk geschuldet sind. Wenn Asghar Farhadis Film am Samstagabend den Goldenen Bären entgegen nehmen wird – woran nach dem Stand zur Festival-Halbzeit kaum einer zweifelt –, verdankt er das nicht dem Bonus seiner Herkunft aus einem Land des Leidens, sondern einzig und allein seinen überragenden filmischen Qualitäten.

Im Grunde eine Scheidungsgeschichte

Am Anfang scheint es um eine Scheidung zu gehen. Nader und Simon, seit anderthalb Jahrzehnten verheiratet, stehen vor dem Scheidungsrichter in Teheran. Sie will das Land verlassen, weil ihr die Situation im Land zu schwierig wird, und er will das Land nicht verlassen, weil er seinen Alzheimerkranken Vater pflegen möchte. Sie will die vierzehnjährige Tochter Termeh mitnehmen, er möchte sie hier behalten.

Der Richter weigert sich zu entscheiden und schickt sie in ein Leben zurück, das sich von nun an unendlich und bedrohlich komplizieren wird. Asghar Farhadi, der schon vor zwei Jahren mit „Elly“ Eindruck auf der Berlinale hinterließ, nimmt eine universelle Situation – Eltern, die sich trennen wollen, und ein Kind zwischen ihnen – und spielt sie auf iranische Verhältnisse durch. Das hätte schon allein einen interessanten Film ergeben können. Aber sein Konzept greift viel, viel weiter.

Es geht auch um Blutgeld

Es geht bald nicht mehr nur um diese Ehe. Nader engagiert eine Tagespflegerin für seinen Vater, die ihrem Mann – einem stolzen iranischen Macho – nichts von ihrem Job erzählt. Sie ist außerdem schwanger, verliert ihr Kind aber, als Nader sie bei einem Streit etwas schubst. Es geht vor Gericht – und es geht um Blutgeld.

Immer mehr Fäden knüpft Farhadi in seinen Konfliktteppich: das Vertrauen in der Familie löst sich auf, die schwierige Lage der Frauen spielt immer hinein, religiöse Vorschriften wirken in den Alltag, die Wirtschaftskrise motiviert die handelnden Personen, und den Film präsentiert gleich zwei unglaubliche Enden; beim einen geraten Glauben und Existenzsicherung in einen unlösbaren Konflikt, beim anderen wird Termeh vor eine Wahl gestellt, die für ein Kind nicht zu bewältigen ist.

Farhadi erweist sich als meisterhafter Erzähler. Er arbeitet sehr bewusst mit Blickwinkeln, die dem Zuschauer wichtige Informationen geben oder verschweigen, er verschiebt ständig die Gewichtigkeiten seiner Protagonisten, und er unterstellt keiner Figur böse Absichten und zeigt doch, wie sich fast alle unvermeidlich in Lügen und Täuschungen verwickeln. Selten hat man – aufgehängt an einer völlig unpolitischen Situation – besser begriffen, wie sich Menschen in einer unfreien Gesellschaft zwangsläufig in Gespinste der Unehrlichkeit verstricken müssen.