Film

"Vergiss mein Ende" bleibt in der Familie

| Lesedauer: 6 Minuten
Peter Zander

Foto: Amin Akhtar

Hermann Beyer, Renate Krößner und Eugen Krößner sind Vater, Mutter, Kind - im echten Leben und nun auch vor der Kamera. In "Vergiss mein Ende" verkörpert das Trio eine Familie, die mit der Alzheimer-Krankheit umgehen muss.

Es ist ein altes Sandkastenspiel: Vater-Mutter-Kind. Ein hochpädagogisches, gesellschaftsimmanentes Rollenspiel, in dem man lernt, Verbindungen aufzubauen, Verantwortung zu übernehmen, ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. Wie aber ist es, wenn man dies alte Spiel nicht im Sandkasten, sondern vor der Kamera spielt? Und wenn man Vater-Mutter-Kind nicht nur spielt, sondern auch tatsächlich ist? Renate Krößner, Hermann Beyer und Eugen Krößner haben dies erstmals getan. Ihr gemeinsamer Film „Vergiss mein Ende“ läuft seit Donnerstag im Kino. Und sie sind sehr enthusiastisch. Und auch wieder besorgt. Dass jetzt lauter Fragen kommen nach ihrem Privatleben.

Sie fühlen sich geschmeichelt und doch etwas befangen, als wir sie zum Gespräch bitten. Es bedarf einer gewissen Überzeugungsarbeit. Und als wir dann zu Beginn erst mal ein paar Fakten klären wollen – auch im Presseheft zum Film steht ja fälschlich, sie seien verheiratet gewesen –, blockt Renate Krößner ab. Das soll hier nicht erörtert werden, wie lange das her ist, das würde sie so alt machen. Auch Sohnemann Eugen will (oder darf) sein Alter nicht angeben. Das kennt man sonst nur von alten Hollywood-Diven. So viel zum Protokoll: Renate Krößner, heute 66, und Hermann Beyer, heute 68, waren eine Weile liiert. „Du warst mein Schatzi“, soviel gibt sie heute zu, „und du bist es immer noch. Wenn auch auf andere Art.“ Und wenn wir einer Berliner Boulevardzeitung Glauben schenken dürfen, dann ist ihr Sohn jetzt 42 Jahre alt.

Erst wollte der Regisseur gar nicht

Der Familienfilm war gar nicht geplant. Und das soll auch gar nicht im Vordergrund stehen. „Vergiss dein Ende“ von Andreas Kannengießer behandelt ein immer noch tabubelastetes Thema, das in der Gesellschaft immer aktueller wird: Alzheimer. Da ist ein dementer Mann, dessen Frau nach jahrelanger Pflege schlicht überfordert ist, eines Tages einfach ausreißt – und ihren Sohn mit der Situation alleine lässt. Starker Tobak. Und ein starkes Familiendrama mit starken darstellerischen Leistungen. Wobei alle viel körperliche und seelische Nacktheit zeigen müssen.

Es habe geholfen, meint Vater Beyer, „dass wir seit vielen Jahren keine reale Familie mehr sind.“ Mutter Krößner widerspricht leidenschaftlich: „Wir haben doch noch immer eine innige Beziehung zueinander.“ Ursprünglich hatte der Regisseur nur sie angesprochen, sie brachte dann den Sohn ins Gespräch. Und als dieser meinte, dann könne man „doch auch den Hermann nehmen“, war Kannengießer erst mal erschreckt. Aus Angst, es würde so ein reines Familiending. Aber dann war er zunehmend selber angefixt.

Sie tragen ja auch große Namen. Renate Krößner war 1980 die erste Filmschauspielerin der DDR, die einen Westpreis bekam: den Silbernen Bären für „Solo Sunny“. Der hatte ihr erst mal kein Glück gebracht, danach traute man sich nicht, ihr andere Rollen anzubieten. So siedelte sie schließlich, mit Sohn, in den Westen über. Hermann Beyer ist der Bruder des Defa-Regisseurs Frank Beyer, ist selbst eine Theaterikone und hat auch in zahlreichen Filmklassikern mitgespielt. Eugen Krößner hat der Beruf seiner Eltern immer fasziniert. Und so ist er selber Schauspieler geworden, auch wenn natürlich die Angst da war, er könne bloß auf „den Sohn“ reduziert werden. Wobei er anfangs immer stolz war und erst in der letzten Zeit etwas Bammel bekam: „Wenn ich sehe, was die in meinem Alter schon alles gemacht haben, beschleicht mich so ein Gefühl, ich müsste mich ein bisschen beeilen.“ Vielleicht ist auch das ein Grund, sein genaues Alter nicht zu nennen.

Renate Krößner und Hermann Beyer haben schon öfter zusammen gearbeitet, in Filmen wie „Cyankali“ (1977) und auf der Bühne. In „Der Kontrolleur“ (1995) hat Eugen Krößner auch schon mal seinen Vater in jung gepielt. „Ich habe gesagt, der sieht doch gar nicht aus wie ich, der sieht aus wie seine Mutter“, verteidigt sich Beyer: „Aber der Regisseur bestand darauf.“

Jetzt feiern sie ihre späte Familien-Premiere vor der Kamera. Und stehen damit in einer kleinen, feinen Tradition: Auch Michael Douglas hat schon mit Vater Kirk und Sohn Cameron gedreht („Es bleibt in der Familie“). Lloyd Bridges hat „Ein Mann, ein Wort“ mit seinen Söhnen Jeff und Beau und seiner Frau Dorothy inszeniert. In „Long Riders“, einem Western über berüchtigte Brüder-Banden, spielten die Brüder Carradine, Quaid und Keach mit. In Deutschland hat etwa der Sander-Becker-Clan mehrfach zusammen gedreht. Oder Leander Haußmann mit der ganzen Familie „Dinosaurier“ inszeniert. Und immer spielt dabei natürlich auch der familiäre Reiz mit.

Die Angst vor zu viel Nähe

Kurz beschleicht uns die Angst, ob die Beyer-Krößners jetzt in ihrem allerersten Familien-Interview nicht vielleicht auch irgendwie Rollen spielen. Aber wie sie sich immer wieder leicht triezen, tadeln und aufziehen, vergessen sie wohl zuweilen schlicht, dass da ein Band läuft.

Eugen Krößner hat sich diebisch gefreut, seinen Eltern einmal in der Arbeit begegnen zu dürfen, hatte aber auch Angst, ob ihn das nicht „paralysieren“ würde. Renate Krößner war sofort überzeugt, dass das klappen würde. Hermann Beyer sagt: „Ich hab mit Eugen privat offensichtlich mehr Schwierigkeiten wie als Kollege.“ Der nickt: „Ja, das stimmt vermutlich.“ Beide grinsen vielsagend. Renate Krößner schlägt vor: „Vielleicht sollten wir uns nur noch beruflich miteinander beschäftigen.“ Da schmunzeln alle drei.

Das ist vielleicht auch als Aufforderung an andere Filmemacher zu verstehen. Nur keine Angst, die beißen nicht! Und das schönste Kompliment macht ihnen „ihr“ Regisseur Kannengießer: „Ihr habt ja alle Spielfreude. Die Frage war, ob die bei einem gemeinsamen Film blockiert wäre. Das war aber ganz und gar nicht der Fall.“

Vergiss dein Ende läuft in den Kinos Babylon Mitte, Filmkunst 66, Lichtblick, Spreehöfe, Sputnik und Tonino