Rosenstolz

Zwischen Ohrwürmern und Schwarzbierkästen

Das Berliner Duo begann seine Karriere in kleinen Schwulenkneipen. Im März gewann es den Musikpreis Echo. Am 18. Juni tritt Rosenstolz in der Columbiahalle auf.

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Die Frage des Journalisten hat etwas Unerbittliches. „Ist man immer noch aufgeregt, wenn man seit so vielen Jahren auf der Bühne steht?“ AnNa R. trifft die Frage offenbar. Sie hat Lampenfieber. Nervös nestelt die Frontfrau des Berliner Gesangsduos Rosenstolz an einer Zigarette. Ihre Finger zittern.

Zusammen mit Gesangspartner Peter Plate sitzt die Sängerin der Berliner Gruppe auf dem Podium einer Halle der Schwarzbierbrauerei Bad Köstritzer, des Sponsors von Rosenstolz. In der Halle riecht es nach Hefe und Malz. Eigentlich eine Routinesituation, denn die Künstler sollen Journalisten über ihre vergangene Tournee und die Ende Mai startende Konzerttour 2007 berichten. Ähnliches haben sie schon Dutzende Male gemacht. Doch auch erfahrene Musiker wie die von Rosenstolz haben Lampenfieber. Immer wieder. Wenn Kameras umherschwenken, Scheinwerfer aufleuchten und Fotoapparate im Stakkato blitzen.

Engagement für die Aidshilfe

Was sie vorhätten in 2007, fragt ein Radiomoderator. „Wir starten unsere Tournee Ende Mai. Am 16. Juni treten wir hier in Bad Köstritz auf“, sagt AnNa R. Sie spricht schnell, schleudert die Sätze heraus. Peter Plate, bedeutend ruhiger, aber auch mit Zigarette bestückt, bemerkt die Aufgeregtheit seiner Gesangskollegin und leitet das Interview in ruhigere Bahnen. „Ein Euro pro Ticket bei unserer Tour 2007 geht an die Aidshilfe. Und die Einnahmen des Konzerts in Berlin sogar zu hundert Prozent“, sagt Plate und schiebt ein Danke an die Brauerei nach. „Nur weil wir einen starken Sponsor haben, sind unsere Ticketpreise vergleichsweise niedrig.“ Sie kosteten im Schnitt nur 29 Euro bis 35 Euro.

Dass selbst Showprofis wie Rosenstolz mitunter unsicher sind, hat ihnen bei ihren Anhängern nicht geschadet, im Gegenteil. Denn perfekt waren sie nie, und offenbar macht genau das den Reiz des Duos aus. „Wir waren dilettantisch, haben aber den Dilettantismus zur Kunst gemacht“, sagte AnNa R. in einem Interview dem „Spiegel“.

Aufgeregt waren die Sänger auch am 24. März, als sie im Palais am Funkturm den Musikpreis Echo in der Kategorie „beste nationale Gruppe“ verliehen bekamen. Für die Preisverleihung hatte Rosenstolz eigens eine Minishow konzipiert. Aber das Gefühl cooler Gelassenheit wollte sich auch dort nicht einstellen. „Wir waren tierisch aufgeregt“, sagt Plate. Allerdings weniger wegen des Singens, sondern wegen der Minishow, die sie für den Echo vorbereitet hatten. „Lampenfieber geht nie vorüber“, sagt AnNa R., und es klingt wie der Refrain eines Liedes. Und damit kennt sich AnNa R. aus.

Seit 16 Jahren steht die gelernte Chemielaborantin mit Peter Plate auf der Bühne. 1991 lernten sie sich in Berlin kennen, er Westdeutscher und mit einem „Ossi“ liiert und sie aus Friedrichshain stammend und mit einem „Wessi“ verbandelt. Was beide zusammenführte, war die Liebe zur Musik. Plate textete gern, spielte Keyboard und suchte eine Sängerin. In AnNa R., die mit bürgerlichem Namen Andrea Natalie Rosenbaum heißt, fand er sie. Beide wohnten Anfang der 90er-Jahre nebeneinander in Berlin. Begegneten sich mehr oder weniger zufällig.

Ein Freund gab Plate die Adresse von Rosenbaum, und nach Kaffee und Rotwein begannen sie mit der gemeinsamen Musik. Zu elektronischen Klängen spielte Plate auf dem Keyboard flächige Akkorde, Rosenbaum sang sentimentale und anzüglich-erotische Texte („Lass die Knospe sprießen, lass Champagner fließen“). Zwischen den Liedern zog sie sich um, ihr Markenzeichen wurden kurzer Rock, Strapse, High Heels, Stiefel und Zylinder. Die Faust oft in die Höhe gereckt, ein wenig wie die Filmdiven der 20er-Jahre. Marlene-Dietrich-Style. Es war auch ihr Outfit, das das Duo in Schwulen- und Lesbenkreisen zur Ikone machte. „Wir wollten uns krass von allen abheben und etwas Eigenes machen“, sagt AnNa R.

Anfänglich traten beide in kleinen Clubs auf, meist vor Freunden in Kneipen oder verrauchten Bars. Die Zahl der Besucher war gering. Manchmal kamen nur sieben Fans, dann auch schon mal 30. „Ich habe super gelitten“, sagt Plate. Bei einem dieser frühen Auftritte entdeckte Tom Müller, der zuvor Nina Hagen produziert hatte, das Duo. Das fünfte Album „Die Schlampen sind müde“ brachte schließlich die erste Chartplatzierung, Fernsehauftritte und die Teilnahme am Vorentscheid zum Eurovision Song Contest. Rosenstolz kam auf Platz zwei. Aus der Lieblingsband der Schwulenszene war ein Popduo mit massentauglichen Texten und Melodien geworden. Meist geht es um Themen wie Liebe, Trennung und unerfüllte Sehnsüchte.

Was Anfang der 90er-Jahre bei Küchengesprächen begann, avancierte zu einem der größten Musikphänomene Deutschlands. Das Duo hat mehr als zwei Millionen CDs verkauft, mehr als 16 Hitalben, Dutzende Schmalzhits wie „Lass es Liebe sein“ produziert und für ihr voriges Album „Das große Leben“ gleich dreimal Platin eingeheimst. Wo die Gruppe auftritt, füllt sie Säle, 2006 gleich an sieben Veranstaltungstagen die Columbiahalle in Berlin. Ihre Fans haben nicht selten alle Alben gesammelt.

Ein seltsames Paar

Rosenstolz ist ein wahrhaft seltsames Paar. Er, der in Neu-Delhi geborene, schüchtern wirkende Musiker, ein Komponist, der schon für Elton John arbeitete und mit seinem Lebenspartner auch den No-Angels-Hit „Daylight“ mitproduzierte. Der als Kind in der Schule gehänselt wurde und in die Musik floh. Der oft lange nachdenkt, ehe er redet. Und dann AnNa R., die stark wirkende Frau, die in der DDR aufwuchs. Auf der Bühne eine Diva, die wie Plate verheiratet ist und ihr Privatleben abschirmt.

Rosenstolz erstes reguläres Konzert fand in der „Wabe“ in Prenzlauer Berg statt. Ein Konzertraum für 400 Leute. „Wir hatten unendliche Angst, dass es nicht voll wird. Was wir dann sahen, war eine Riesenschlange vor der Tür, der Laden war brechend voll“, notierte Ex-Produzent Tom Müller 2006. Der Auftritt in der „Wabe“ war der Beginn des Erfolgs.

Müller trennte sich dagegen von den beiden Musikern 1998. „Die Kraft war raus.“ Das Duo machte weiter, mit Erfolg. Aber wie lange können es zwei aushalten, die so lange zusammenarbeiten? „Keine Ahnung“, sagt AnNa R. Als die Interviews in der Bad-Köstritzer-Brauerei zu Ende gehen, spielt im Hintergrund ein Rosenstolz-Song. „Zwei wie wir dürfen sich nicht verlieren. Das mit uns ging so tief rein, das kann nie zu Ende sein.“ Es wirkt wie ein Statement. AnNa R. und Peter Plate schmunzeln.

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