Familiensaga

Eine dänische Bäckerfamilie dreht komplett durch

In "Eine Familie" scheint bei der Bäckerfamilie Rheinwald alles wunderbar zu sein. Doch dann werden beim Vater inoperable Tumore entdeckt.

Menschen, die ausschließlich im Kino leben, könnten ganz furchterregenden Missverständnissen über dänische Familien aufsitzen. Sie könnten nämlich der Meinung sein, dass man sich vor Einladung zu Familienfesten in Kopenhagen oder Aarhus unbedingt hüten müsste, weil die, kaum sitzen die eigentlich ziemlich zivilisiert wirkenden Dänen eine halbe Filmstunde gemütlich beisammen, geradezu zwangsläufig explodieren.

Pernille Fischer Christensens auch noch „Eine Familie“ überschriebener zweiter Film ist eine eklatante Bestätigung dieser Regel. Selten ist man von einem Anfang derart hinters Licht geführt worden. Alles ist gut an diesem Anfang. Die Familie Rheinwald feiert die Wiedergeburt des Patriarchen, des Meisterbäckers Rikard, und den Karrieresprung der großen Tochter Ditte als Galeristin nach New York.

Eine Stunde lang dänische Idylle

Rikard hat die vom deutschen Urgroßvater mit nicht viel mehr als einem Sack Mehl und einem geheimen Sauerteigansatz gegründete Hofbäckerei zu neuen Höhen geführt, 17 Teigsorten verarbeiten die Rheinwalds, das soll ihnen mal einer nachmachen. Ditte soll die Familientradition eigentlich fortführen, sie will aber eigentlich gar nicht. Das kann zu Verwerfungen führen.

Bei Pernille Fischer Christensen aber nicht. Sie blättert in sanften Farben durchs Familienalbum, deutet sanft auf die Falltüren im Idyll. Popmusik dudelt. Es werden schöne Bäckergeschichten erzählt. Man überlegt fast schon, selbst in die Sauerteigmanufaktur einzusteigen. Da werden im Kopf von Rikard drei inoperable Tumore gefunden.

Und der Film, kaum eine Stunde ist vergangen, das dänische Familienmaß also voll, dreht komplett durch. Es ist, als wäre Hirnkrebs ansteckend, so fahren sämtliche Figuren aus der Haut, die Christensen vorher so angenehm geschminkt hatte.

Alle Figuren verlieren ihr Gleichgewicht

Die Balance geht völlig verloren. Rikard, der auf einmal grundböse Brötchenkönig, wird zum unleidlichen Tyrannen, der alle anderen Figuren in den immer größer werdenden Schatten seiner Villa spielt. Es geht nur noch um Sterben, Tod und Trauer.

Ditte geht unter. Das hat sie nicht verdient. Den ganzen Film haben eigentlich die fabelhaften Darsteller Lene Maria (Ditte) und Jesper Christensen (Rikard) nicht verdient. Es ist am Ende, bei aller schöner Empathie, bei aller feinbeobachteten Menschenumkreisung, die Pernille Fischer Christensen auch in „Eine Familie“ beweist, doch ein ziemlich saures Brot, an dem man hier kauen muss. Rikard Rheinwald wäre das nicht passiert.