Tragikomödie

Versicherungsvertreter sind auch nur Menschen

In Miguel Artetas Film "Willkommen in Cedar Rapids" gerät ein Held des Alltags aus der Provinz in eine Großstadt voller Stolpersteine.

Seit seiner frühesten Jugend hatte der in einer Kleinstadt irgendwo im Mittleren Westen Amerikas aufgewachsene Tim Lippe nur einen Wunsch für seine Zukunft: Er wollte unbedingt Versicherungsvertreter werden. Dass dieser Berufsstand nicht gerade den besten Ru f genießt, davon wusste er nichts und das konnte er sich auch gar nicht vorstellen.

Für ihn waren Versicherungsvertreter immer moderne Helden, Heroen des Alltags, die unverschuldet in Not geratenen Menschen nach Schicksalsschlägen und Katastrophen beistehen und ihnen helfen, eine furchtbare Zeit so gut wie nur eben möglich durchzustehen. So hatte er es selbst nach dem viel zu frühen Tod seines Vaters erlebt, und so sieht er heute, mehr als 20 Jahre später, auch sich selbst.

Natürlich ist der von Ed Helms gespielte Tim Lippe in Miguel Artetas „Willkommen in Cedar Rapids“ ein naiver Sonderling. Von der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts und ihren auf Profitmaximierung angelegten Mechanismen hat er, der bisher nie aus seinem winzigen Heimatkaff, herausgekommen ist, keinen Schimmer.

Gut 30 Jahre hat er in einem Zustand glücklicher – fast ist man versucht, heiliger zu sagen – Ahnungslosigkeit verbracht. Doch damit ist jetzt Schluss. Nachdem ein Kollege unter fragwürdigen Umständen ums Leben gekommen ist, wird ausgerechnet Tim von seinem Boss zu der alljährlichen Regionaltagung der Versicherungsangestellte n nach Cedar Rapids geschickt. Dort soll er dafür sorgen, dass ihre Agentur erneut mit einem Preis ausgezeichnet wird.

Alle Grundsätze auf dem Prüfstand

Doch diese Aufgabe erweist sich als weitaus schwieriger, als selbst Tim je erwartet hätte. Die Probleme beginnen schon, als er sein Hotelzimmer ausgerechnet mit dem trinkfesten Dean Ziegler (John C. Reilley) teilen muss. Dabei war Tim gerade vor ihm gewarnt worden. Aber auch die anderen Kollegen, die sich seiner annehmen wie der auf korrekte Umgangsformen bedachte Ronald Wilkes (Isiah Whitlock jr.) und die mehr als nur eigenwillige Joan Ostrowski-Fox (Anne Heche), führen Tim nach und nach in eine Welt ein, in der er all seine Grundsätze noch einmal überprüfen muss.

Ähnlichkeiten zwischen Tim Lippe und dem etwas biederen Zahnarzt Stu aus Todd Phillips’ „Hangover“-Filmen sind keineswegs zufällig, sondern durchaus beabsichtigt. Diese Rolle hat Ed Helms nun einmal berühmt gemacht. Es lag also nahe, sich zumindest ein wenig bei Stu zu bedienen, zumal auch Miguel Arteta und sein Drehbuchautor Phil Johnston von einem wilden Wochenende in einer fremden Stadt erzählen.

Gegenentwurf zur Groteske

Nur ist „Willkommen in Cedar Rapids“ alles andere als eine provinzielle Variation auf Phillips’ Erfolgskomödie. Sie erweist sich vielmehr als idealistischer Gegenentwurf zu der pubertären Groteske, die eine Welt feiert, die alleine im Exzess noch so etwas wie Freiheit verspricht.

Cedar Rapids ist eben keineswegs vergleichbar mit dem schon mythischen Las Vegas. Es ist einfach eine kleine Großstadt wie unzählige andere, ein Ort, an dem der große amerikanische Traum der Routine des Alltags gewichen ist und eine Welt hervorgebracht hat, die schon seit langem stillzustehen scheint. Davon zeugen Miguel Artetas fast schon dokumentarisch anmutende Bilder eines provinziellen Zentrums im Herzland der Vereinigten Staaten. Sie beschönigen und verklären nichts, aber – und das ist der entscheidende Wesenszug von Artetas Kino – sie verurteilen auch nichts.

Die Welt muss sich ändern

Es wäre ein Leichtes, sich über Städte wie Cedar Rapids und Figuren wie Tim Lippe lustig zu machen, sie dem Spott des Betrachters freizugeben. Doch das liegt Arteta gänzlich fern. Statt des Grotesken sucht er das Tragische, das eben auch Teil einer jeden Komödie sein kann.

Ed Helms’ Tim Lippe passt nicht in unsere Welt und unsere Zeit, das macht ihn auf eine Art zu einem lächerlichen Mann, einem Träumer, der eigentlich nur scheitern kann. Aber, und das ist Artetas an den durch und durch amerikanischen Optimismus eines Frank Capra erinnerndes Credo, so muss es nicht sein: Nicht Tim muss sich ändern, sondern die Welt, und das könnte durchaus passieren, wenn Männer wie er trotz allem einfach zu ihren Idealen stehen.