Nachruf

Kurt Sanderling - Der letzte große Dirigent

1912 wird Jahrhundertjahrgang der großen Dirigenten genannt: Günter Wand, Georg Solti, Sergiu Celibidache, Ferdinand Leitner, Erich Leinsdorf. Alle längst gestorben Jetzt ist der Letze von ihnen gegangen. Am Sonntagmorgen verstarb Kurt Sanderling in Berlin-Pankow, einen Tag vor seinem 99. Geburtstag.

Foto: M. Lengemann

Beinahe ein komplettes Jahrhundert umfasste sein Leben. Alle fünf Deutschlands hat Kurt Sanderling erlebt, vom Kaiserreich, über Weimar, den Nationalsozialismus, die DDR, bis zur Bundesrepublik der Nachwendezeit. Und außerdem die Sowjetunion unter Stalin und Chruschtschow. Interviews gab er zuletzt nicht mehr, er hatte sich ins Privatleben zurückgezogen, wo er „so leben kann, wie ich es will, nicht wie ich es muss“.

Geboren wird er am 19. September 1912 in der Garnisonstadt Arys – damals Ostpreußen – als deutscher Jude. Die Jugend ist nicht frei von Antisemitismus. Sein Vater, der örtliche Sägewerkverwalter und die Mutter, eine moderne und aufgeklärte Frau, ermöglichen dem musikinteressierten Kind, bei der einzigen Klavierlehrerin am Ort Unterricht zu nehmen – sie kann ihm jedoch schon bald nichts Neues mehr beibringen. So zieht Kurt Sanderling über Königsberg 1928 nach Berlin. Entdeckt seine Liebe zu Beethoven, Brahms, Bruckner und seine Abneigung gegen Zwölftonmusik. „Zeigen Sie mir ein Zwölftonmusikstück, das adäquat die Liebe beschreibt.“ In Berlin gelingt es Sanderling Anfang der 30er Jahre, ohne musikalisches Studium eine Stelle als Korrepetitor an der Städtischen Oper zu bekommen. Viele der großen Dirigenten dieser Zeit erlebt er: Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer, Bruno Walter, Leo Blech. Heute nennt man Kurt Sanderling in einer Reihe mit diesen Namen. Erwähnte man dies ihm gegenüber, fühlte er sich stets sichtlich ungemütlich – und auf Fragen nach seiner Berühmtheit reagierte er sogar ungehalten. Kurt Sanderling hat sich selbst nie so wichtig genommen.

1935 wird Kurt Sanderling während eines Ferienaufenthaltes in den Dolomiten aus Deutschland ausgebürgert. Zu dieser Zeit sind Schlupflöcher in Europa bereits rar. Kurt Sanderling glaubt festzustecken und schreibt Briefe an die ganze Familie: „Helft mir!“ Ein Onkel, der in Moskau als Ingenieur arbeitet, ermöglicht dem damals unpolitischen Kurt Sanderling 1936 die Emigration in die Sowjetunion. Dort bleibt er 24 Jahre, nimmt 1938 die sowjetische Staatsbürgerschaft an und übersteht den Krieg und stalinistische Säuberungen.

Als bei Kriegsausbruch alle westlichen Dirigenten entweder das Land verlassen oder Sowjetbürger werden müssen, sucht man händeringend einen zweiten Mann für die Leningrader Philharmoniker. Sanderling gelingt es, neben Jewgenij Mrawinskij berühmt zu werden. Bis 1960 bleibt er in der UdSSR, hält das Heimweh aus, schließt seinen Frieden mit einem Leben in der Emigration – an eine Rückkehr nach Deutschland glaubt er nicht mehr.

Direkt nach seiner Ankunft stürzt er sich in die neue, unbekannte Kultur, lernt Russisch und russische Komponisten und Werke kennen, die in Deutschland weitgehend unbekannt waren: Rimski-Korsakow, Tanejew oder Glasunow. Manche Tschaikowsky-Sinfonien kannte der junge Dirigent zwar vom Hören – sie zu dirigieren, musste er erst lernen. Während des Krieges und der Evakuierung der Leningrader Philharmoniker lernt Sanderling in Nowosibirsk den Komponisten Dmitrij Schostakowitsch kennen. Im Laufe der Jahre wird Kurt Sanderling einer der bedeutendsten Interpreten des letzten großen Symphonikers des 20. Jahrhunderts und dessen Freund.

1960 erlaubt man Kurt Sanderling die Rückkehr nach Berlin. Ost-Berlin suchte seit Mitte der 50er Jahre nach einem Gegengewicht zum Superstar des Klassenfeindes, zu Herbert von Karajan, dem Chef der Berliner Philharmoniker. Sanderling schien sowohl von seiner künstlerischen Begabung als auch von seiner Vita die ideale Besetzung. Jedoch scheiterten die Versuche der DDR-Kulturfunktionäre immer wieder am Widerstand der sowjetischen Behörden und auch am Widerspruch des Direktors der Leningrader Philharmonie. Erst eine Anfrage auf höchster Staatsebene, ein persönliches Gespräch zwischen Ulbricht und Chruschtschow, ermöglichte Kurt Sanderling die Heimreise in ein völlig anderes Deutschland als das, das er Jahrzehnte zuvor verlassen hatte.

Gemessen am sowjetischen System mit seinen unberechenbaren politischen Entscheidungen, war die Ankunft Kurt Sanderlings in der DDR eine in einem sicheren Hafen. Trotz des stalinistischen Terrors, während der Immigration sympathisiert Sanderling mit dem Sozialismus. Der Nähe zur Macht entzieht er sich allerdings stets so gut es geht.

Für Sanderling ergaben sich in Ost-Berlin erstaunliche künstlerische Freiräume: Die dauerhafte Tätigkeit an Häusern wie der Staatsoper Berlin oder dem Gewandhaus in Leipzig lehnte er ab. Er wollte lieber am damals jüngsten und eher zweitklassigen Orchester, dem (Ost-) Berliner Sinfonie-Orchester (BSO) arbeiten.

Ebenso verhielt es sich bei den Tourneen des Berliner Sinfonie-Orchesters in das nicht sozialistische Ausland: So manches dem Mielke-Ministerium suspekte Orchestermitglied konnte Kurt Sanderling trotz anfänglichen Verbots mit auf die Reise nehmen. Unterwegs im Ausland appellierte er dann, dass alle wieder mit ihm zurückkehren sollen. Sanderling war aber nicht nur ein geschickter Orchesterlenker im Alltag, er war auch strenger Lehrmeister für seine jungen Musiker. Als er 1977 das Chefdirigat des BSO aus Altersgründen abgibt, gilt das Orchester als eines der europäischen Spitzenklasse. Kurt Sanderling war damals 65 Jahre alt.

Seine zweite Karriere beginnt jetzt. Er reist, dirigiert fast alle großen Orchester der Welt. Erst im Pensionsalter kommt der internationale Durchbruch. Von Japan nach London, in die USA, nach Skandinavien. Als 1989 die Wende kommt und 1990 die Deutsche Einheit, wird Kurt Sanderling ausgewählt, das Konzert zur Einheit zu dirigieren. Am 19. Mai 2002, vier Monate vor seinem 90. Geburtstag gibt er sein letztes Konzert – Schumanns Vierte. Am Sonntagmorgen ist er, einen Tag vor seinem 99. Geburtstag, im Kreise seiner Familie eingeschlafen.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.