Buchpremiere

Sybile Lewitscharoff erfindet den Teflonlöwen

Der Titel von Sibylle Lewitscharoffs neuem Roman lässt über seinen Gegenstand keinen Zweifel: Blumenberg. Philosoph Hans Blumenberg wäre damit die Hauptfigur. Doch dem ist nicht so: Ein zottiges Tier läuft dem großen Denker den Rang ab.

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Unerhört, was sich nächtens im Arbeitszimmer des Philosophen Hans Blumenberg abspielt: Auf seinem Bucharateppich hat sich urplötzlich ein Löwen breit gemacht und blickt auf sein geschocktes Gegenüber. Sybille Lewitscharoff hat damit einen starken Einstieg in ihren neuen Roman „Blumenberg“ kreiert. Ihr Löwe packt den Leser direkt am Schopf, und ist und bleibt, „habhaft, fellhaft, gelb“, den ganzen Roman über der Star in der Manege. Und er ist kein Trugbild, zumindest nicht für Blumenberg, dem ein scharfer Löwengeruch entgegen weht.

Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ beginnt ähnlich animalisch – die Figur des Gregor Samsa findet sich darin eines Morgens „zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“. Plötzlich Mistkäfer, plötzlich Löwe: Solche „heißen“ Einstiege üben sofort einen Sog auf den Leser aus. Lewitscharoff liest deshalb bei der Buchpremiere von „Blumenberg“ am Donnerstag auch nichts anderes als den fulminanten Anfang ihres Romans. „Plötzlich“ funktioniert auch hier. Alle hängen an ihren Lippen. Die Autorin oszilliert bei der Lesung selbst zwischen Raubtier und Blumenberg. Sie fletscht, ganz Löwe, ihre Zähne, hebt fauchend den Ton. Blumenberg hingegen vermittelt sie mit einem akademisch-blasierten Duktus. Schlau können die Zuhörer aus den Reden des Löwen nicht werden – er spricht nur am Ende des Romans und nur ein Wort: nämlich „Blumenberg“. Auch nach ihrer Lesung erscheint der Leu dem Publikum immer noch als unergründlich.

Das ruft die Literaturkritik auf den Plan. Doch auch Andreas Isenschmid bleibt an dem Abend nicht viel anderes übrig, als den Löwen zum „hermeneutischen Teflonwesen“ zu erklären. Die traditionelle Deutungssprache gleitet an Lewitscharoffs mysteriösem Geschöpf ab. „Da geht Sybille Lewitscharoff jahrelang mit einem Blumenberg-Roman schwanger und dann gebiert sie einen kuriosen Löwen“, wundert sich Isenschmid. Er hat recht. Die Großkatze war immer schon prominenter, als Fabelwesen, Kopf der großen Sphinx in Gizeh und am Himmel als Sternbild. „Blumenberg kommt nicht gegen den Löwen an“, muss sich auch die Autorin eingestehen.

Dann lässt sie doch noch ein wenig Deutungshoheit durchblicken. Löwen werden oft als gezähmte Begleiter von Heiligen dargestellt, erklärt die Autorin von „Apostoloff“. Das aber greife zu kurz: „Der Löwe ist das Tier mit der höchsten animalischen Präsenz. Wenn sie mal einen Löwen bei der Begattung gesehen haben – dann bekommen sie wirklich Angst.“ Lewitscharoff hat Blumenberg also den Trieb als rätselhafte Sphinx auf den Teppich gelegt. Letztlich kann nur er den Kopfarbeiter erlösen: „Da hieb ihm der Löwe die Pranke vor die Brust und riss ihn in eine andere Welt.“