Dokumentation

Berliner Philharmoniker werden 3D-Kinostars

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Martina Helmig

Foto: NFP/Monika Rittershaus

Konzert-Kino der dritten Dimension: Der Regisseur Michael Beyer hat die Berliner Philharmoniker während ihres Singapur-Konzerts mit 3D-Kameras gefilmt. Zuschauer können nun dem Orchester so nah wie nie zuvor kommen.

„Ich war sehr nervös, das war ein echtes Abenteuer. Wir wussten wirklich nicht, ob es funktioniert“, sagt Michael Beyer. Nervosität ist nicht gerade typisch für den international gefragten Bildregisseur. Gerade war er in Los Angeles, um die Kinoübertragungen der dortigen Philharmoniker zu leiten, dann in New York, um für die Fernsehbilder des Gedenkkonzerts zum 11. September zu sorgen. Aber den allerersten Konzertfilm in 3D zu drehen, das war auch für ihn eine Pioniertat. „Berliner Philharmoniker in Singapur – A Musical Journey in 3D“ feiert am 4. Oktober Premiere im Sony Center und kommt dann am 20. Oktober 2011 in die Kinos.

Der Film hat zwei spannende Teile: Zu Gustav Mahlers erster Sinfonie sieht man die Musiker aus Perspektiven, die ein Konzertbesucher nie einnehmen könnte. Man sitzt quasi im Orchester, blickt mit dem Geiger in die Noten, sieht den Trompeter den Dämpfer wechseln. Nie konnte man die Philharmoniker so nah und lebensecht beobachten. Der zweite Teil unterlegt Rachmaninows „Sinfonische Tänze“ mit poetischen Bildern aus Singapur. Da gibt es Menschen und Gebäude, magische Drachen und nickende Kräne. Ganz erstaunlich harmonieren eine Tai-Chi-Gruppe und indische Tänzerinnen mit der Musik. „Bei den orientalischen Einfärbungen im dritten Satz kann man sich exotische Szenarien gut vorstellen. Das habe ich schamlos ausgebaut“, erklärt Beyer, der schon vor der Reise nach Singapur eine genaue Vorstellung von dem Film hatte.

Die Augen brauchen Zeit für 3D

Bei 3D denkt man eigentlich an Action und Bewegung. All das gibt es im Konzertfilm nicht. Orchester sind extrem statische Filmobjekte, Musiker machen nur kleine Bewegungen. „Kein Problem“, meint Beyer. „Ich wollte ja nicht die Berliner Philharmoniker benutzen, um 3D-Technik vorzuführen. Die Technik soll nur der Musik und dem Orchester dienen.“ Beim Thema 3D gerät er ins Schwärmen: „Das ist kein zusätzlicher Gimmick, sondern wirklich eine neue Bildsprache. Der Bildraum wird so weit geöffnet, dass man das Gefühl hat, in die Leinwand hineintreten zu können. Es schärft das Hören und bringt einem die Kommunikation zwischen den Musikern sehr nahe.“

Technisch ist für ihn vieles ganz anders als sonst. Die Kamera muss in einem bestimmten Abstand zum Objekt stehen, damit es in 3D wirkt. Bei anderen Konzertmitschnitten stellt er gern eine Kamera hinterm Publikum auf und holt sich dann den Geiger mit extrem langer Brennweite ganz nah vor die Linse. Das führt aber dazu, dass das Bild keine Tiefe mehr hat. Wie das Zoomen muss man viele normale Techniken in der 3D-Produktion mit großer Vorsicht einsetzen. Beyer hat auch ganz neue Kamerapositionen ausprobiert. Eine Kamera blickt etwa dem Dirigenten über die Schulter. Der Schnittrhythmus verhält sich ganz anders zur Musik. „Ich musste etwa doppelt so langsam schneiden“, erzählt Beyer. „Die Augen brauchen Zeit, um das Bild zu lesen, in 3D gibt es einfach viel mehr zu sehen.“

Beyer liebt die Abwechslung. Er macht fürs Fernsehen Live-Übertragungen und Aufzeichnungen von Konzerten und Opern, aber auch Features und Musik-Dokus. Musik hat in seinem Leben immer die Hauptrolle gespielt. In der Lüneburger Heide wuchs er mit vier Geschwistern als Sohn von Musikliebhabern auf. Jedes Kind lernte ein Instrument, man ging ins Konzert, machte Hausmusik, und mit 16 Jahren beschloss Beyer, Pianist zu werden.

An der Hamburger Hochschule entdeckte er Götz Friedrichs Studiengang Musiktheaterregie und schrieb sich auch dort ein. Noch während des Studiums bekam er das Angebot, als Spielleiter an der Hamburgischen Staatsoper anzufangen. Vier Jahre blieb er dort, dann begann er als Opernregisseur in der Provinz. Aber auch für die Filmarbeit hat er sich früh interessiert. In der Studentenzeit drehte er Experimentalfilme, seit elf Jahren arbeitet er für Sender wie arte und 3Sat, und allmählich hat die TV-Arbeit das Theaterleben verdrängt. Klavier spielt er noch heute. Er will auch keineswegs ausschließen, dass er wieder einmal in einem Opernhaus inszeniert. Aber im Moment ist er ein gesuchter Spezialist, wenn es um die Visualisierung von Musik geht.

Ganz neu über Bilder nachdenken

Michael Beyer hat mit Stars wie Martha Argerich und Max Raabe gearbeitet, die erste Konzertübertragung aus der Verbotenen Stadt in Beijing mit Lang Lang und das berühmte Ramallah-Konzert mit Daniel Barenboim und dem West-Eastern Divan Orchestra geleitet. All seine Projekte bereitet er gewissenhaft vor. Das hat er von Götz Friedrich gelernt. Erst erarbeitet er sich die Partitur wie ein Dirigent. Dann macht er einen Ablaufplan, in dem Takt für Takt festgehalten wird, welche Kamera was aufnimmt. Bei Mahlers Erster hat er so 350 Bilder festgelegt, bei einer Oper wie „Tristan und Isolde“ sind es eher 1200.

In den Kinos werden Konzertfilme seit einigen Jahren immer erfolgreicher. „Im Fernsehen haben Konzerte heute nicht mehr den Stellenwert wie in meiner Kindheit, als die Salzburger Festspiele zur besten Sendezeit in ARD oder ZDF übertragen wurden. Schön, dass sich das Interesse nun in die Kinos verlagert.“

Sehr gern hat er seinen ersten 3D-Film und ersten großen Kinofilm mit den Berliner Philharmoniker gedreht. Die Arbeit mit den Medienprofis ist für ihn immer wieder erfreulich. Ob sich die 3D-Technik für Konzertfilme durchsetzen wird? „Es ist eine sehr teure Art, Filme zu machen, und man weiß ja, wie locker das Geld im Kulturbereich sitzt“, meint Beyer. „Künstlerisch ist es aber auf jeden Fall eine riesige Bereicherung. Mich bringt es dazu, ganz neu über Bilder nachzudenken.“