Pop

Marianne Faithfull beklagt den Verlust der Jugend

Mit "Horses and High Heels" legt die ehemalige Rolling-Stones-Muse Marianne Faithfull ein schwermütiges Album vor.

Wo Marianne Faithfull auftritt, wird sie von den Nachgeborenen bestaunt. Sie war das blonde Mädchen mit dem blauen Blut der Sacher-Masoch, das sich in den 60er-Jahren mit den räudigen Jungs aus Londoner Vororten herumtrieb. Es gab die Geschichte von der Orgie bei Keith Richards, mit Mick Jagger, Sex und einem Schokoriegel, der dabei zum Einsatz kam. Sie war die erste Frau in einem Film, die das Wort „fuck“ aussprechen durfte.

Sie war „Sister Morphin“, und dann schrieben ihr die Rollings Stones das Lied von den „Wild Horses“ auf den Leib. Zu allem hat sie hoheitsvoll geschwiegen, als es überstanden war. Aber auch Marianne Faithfull altert, sie wird melancholisch, und nun knüpft sie an die wilden Pferde an mit „Horses and High Heels“, einem schwermütigen Album über den Verlust der Jugend. Zuletzt hatte sie noch wahllos Stücke aufgenommen, „Easy Come Easy Go“, mit irgendwelchen Gästen.

Jetzt singt sie mit ihrer rostigen Stimme: „I think I'm goin' back to the things I learned so well in my youth“, das sentimentale „Goin’ Back“ von Carole King und Gerry Goffin. Auch „The Stations“ von den Gutter Twins handelt vom steinigen Weg des Lebens. Wie „Past, Present & Future“ von den Shangri-Las. Mit Leslie Duncans „Love Song“ ruft sie ihrer Freundin, der Autorin, nach, die im vergangenen Jahr verstarb. Vier Lieder hat sie sogar wieder selbst verfasst, das schönste heißt „Eternity“ und handelt von der Ewigkeit, die seit den Sechzigern vergangen ist.

Und um ihre Gemütslage zu unterstreichen, wurden alle 13 Songs in New Orleans von ortsansässigen Musikern begleitet: eine überzeugte Europäerin, die in Paris lebt und Kurt Weill verehrt im sündigen Morast Amerikas. Erst kürzlich hat sie doch einmal geplaudert über alte Zeiten: „In den Sixties verschwendeten wir unsere Energie darauf, lange Haare zu haben und Drogen zu nehmen. Ich bin mir sicher, dass wir es damals übel versaut haben. Wir hätten wichtige Dinge erreichen können. Haben wir aber nicht. Als wir am Ende waren, kam Margaret Thatcher.“ Bis es soweit war, muss es der Jugend aber auch viel Spaß bereitet haben. 3 von 5 Punkten

Marianne Faithfull: Horses and High Heels (Naive)