Seefahrt

Windkraft trieb Handel und Entdecker an

Ohne den Wind hätte die Menschheit keinen Handel treiben und die Welt nicht entdecken können. Denn er bewegte bis ins 20. Jahrhundert hinein alle Schiffe.

Bahnhöfe, Containerterminals und Lufthäfen lassen vergessen, dass der Reichtum Europas einst mit Windenergie befördert wurde. Vorbei sind die Zeiten, als die Rückkehr der ersten Ostindienfahrer im 16. Jahrhundert den Niedergang des Handels via Seidenstraße und Mittelmeer signalisierte. Vergessen ist die Ära der niederländischen Retourschiffe, die im Takte des Monsuns zwischen Batavia und Amsterdam verkehrten. Vorbei das Zeitalter der Entdecker, die ihre Welt auf winzigen Nussschalen und jahrelangen Reisen umrundeten. Vorbei freilich auch sind die Zeiten, in denen man mit der Unberechenbarkeit des Windes zu leben wusste.

Wer heute von Sumatra, Java, Borneo, wer von Tahiti und Hawaii träumt, ist nur ein paar Flugstunden entfernt. Segeln ist zum Freizeitvergnügen geworden. Nur tödliche Unfälle wie auf der "Gorch Fock" rufen manchmal in Erinnerung, dass es einmal um mehr ging. Doch Jahrtausende unter Segeln haben Spuren hinterlassen.

Beutezüge auf anderen Kontinenten

Ohne Segel und Wassertransporte hätte das Römische Reich trotz Rad und Römerstraßen seinen Fernhandel nicht bewältigen können. Segelschiffe brachten die Konquistadoren nach Lateinamerika, dessen Hochkulturen weder Rad noch Kanonen kannten und nie an Beutezüge auf anderen Kontinenten gedacht hatten. Lastsegler transportierten am Ende noch Eisenerz und Kohle für ihre Nachfolger, die ihnen zunächst mit Schaufelrädern hinterherkeuchten , um immer wieder mal in einem Hagel aus den Eisenteilen einer Kesselexplosion mit Mann und Maus unterzugehen.

Rad und Dampfkraft waren Erfindungen, die ein neues Verständnis von Bewegung und Physik voraussetzten, denn Tiere und Pflanzen haben keine Räder. Etwas Segelähnliches aber haben sie manchmal schon, und schon der Urmensch konnte erfahren, wie er selbst zum Segel wurde. Wenn er bei Rückenwind die Arme ausbreitete, bildete sein Körper einen Mast und seine Arme formten eine Rah.

Ein Gewirr von Ästen und Pflanzen, wie es sich an Ufersäumen fand, war schon halb Floß, halb Boot. Hatte ein Mensch darauf Platz genommen und kam eine Brise auf, dann geschah etwas Wunderbares: Wie von Geisterhand bewegt, nahm der Nachen Fahrt auf – und tut es noch heute.

Das Segeln brauchte also nicht erfunden werden, auch wenn noch viel zu erfinden blieb. Ein Kiel zur Stabilisierung des Kurses und gewebte Stoffe für die Segel, reißfeste Taue und Teer für die Schiffsrümpfe, sowie die Perfektionierung der Holzbautechniken brachten Ergebnisse hervor, die – schon Jahrtausende vor Christus auf ägyptischen Vasen abgebildet – unserer Vorstellung vom Segelschiff entsprechen.

Für die Antike und noch für Venezianer aber waren Segel oft nicht mehr als ein willkommener, doch unzuverlässiger Zusatzantrieb. Wo es ernst wurde, konnte man keine Flaute riskieren. Die "Argo“, das Speedboat der Antike, wurde von rund 50 prominenten Argonauten bis zum Kaukasus gerudert, wo das Goldene Vlies ihrer harrte. Doch selbst der gewaltige Herakles und Laertes, der Vater des Odysseus, kamen mit ihren beherzten Griffen in die Riemen zunächst nicht gegen jene widrigen Winde an, die Segeln unmöglich und Rudern zur Sisyphosarbeit machten.

Die Argonautensage und Homers "Odyssee“ zeigen, wie sehr die altgriechische Seefahrt als heldenhafter Kampf gegen Naturgewalten glorifiziert wurde. Sie nähren aber auch den Verdacht, dass deren Heroen in fremden Gewässern navigierten, weil sie Seeräuber waren. Friedliche Handelsfahrer, Fischer und Schmuggler hingegen vermieden es, dem Beispiel des listenreichen, doch orientierungslosen Odysseus zu folgen. Sie lernten Untiefen zu umsegeln, Landzeichen und Sternenbilder zu lesen und sich nach den Winden zu richten.

Im Winter blieb man an Land

Lange vor der Erfindung des Kompasses nannte man die Himmelsrichtungen nach den vorherrschenden Luftströmungen, die die Verkehrsrouten im Mittelmeer bestimmten: Nach Boreas, dem kalten Nordwind, Zephir, dem milden Westwind, nach dem aus Osten kommenden Apeliotes und dem warmen Südwind Notus. "Von Chios nach Lesbos 200 Stadien bei Notus“, lautete eine typische Segelanweisung, aber was machte man, wenn Notus nicht so wehte, wie er sollte?

Im Winter blieb man an Land oder entwickelte das Segeln weiter, denn das Urerlebnis eines Sich-vor-dem-Wind-Dahintreibenlassens war nur ein zaghafter erster Schritt. Wind- und Fahrtrichtung müssen sich beim Segeln keineswegs decken, und wenn der Wind nicht direkt von hinten kommt, muss man die Stellung der Segel ändern. Das in Grundstellung quer zum Bootskiel gesetzte Rahsegel war nur der Vorläufer raffinierterer Typen und Techniken, bei denen die Stellung der Segel erlaubte, was aller Erfahrung zu widersprechen schien: Mit Windkraft gegen den Wind anzusegeln.

Schon in vorchristlicher Zeit kamen Lateinersegel auf, die in Ruhestellung entlang der Längsachse gesetzt und dann je nach Windrichtung geschwenkt wurden. Im 17. Jahrhundert zum Gaffelsegel weiterentwickelt, erlaubte es diese Takelung, "höher am Wind“ also in einem spitzen Winkel gegen den Wind zu segeln. Man drückt sich gewissermaßen am Wind vorbei, und muss dabei eine seitliche Abweichung hinnehmen, die man durch "Kreuzen“, durch einen Zickzackkurs wieder ausgleichen kann, der einen im Idealfall selbst dorthin bringt, wo der Wind herkommt. Von hilfreichen Geisterhänden ist dann nichts mehr zu spüren.

Wer jemals ein klassisches Segelschiff aus der Nähe betrachtet hat – mit mehr als 50 Meter hohen Masten, hölzernen Spieren von der Länge eines Autobusses, armdicken Tauen, zentnerschweren Taljen und steifem Segeltuch, das eher an Schleifpapier erinnert, der kann nachempfinden, welch ungeheurer Anstrengungen, welches Koordinationsvermögens es bedurfte, bis sich eine spanische Galeone oder ein niederländisches Retourschiff endlich vom Nordostpassat nach West- oder vom Monsun nach Ostindien befördern lassen konnte.

Wenn der Wind zu sehr weht

Noch als Kolumbus auf seiner Fahrt nach dem vermeintlichen Indien der Wind ins Gesicht blies, hätten seine Leute sich "sehr beschwingt gefühlt“, notierte der Admiral im Bordbuch, "bisher hatten sie nämlich gedacht, auf diesen Meeren gäbe es keine Winde, die sie nach Spanien zurückbringen könnten“.

Gut hundertdreißig Jahre später passierte auf der gleichen Route einem niederländischen Freibeuteradmiral ein Missgeschick, als er sein Schiff auf der Jagd nach einer "Spanischen Barca“ zu viele Segel setzen ließ: "Weilen aber der Wind gar zu starck in die Segel geblasen“ habe, notierte ein schadenfroher Beobachter im ausdrucksstarken Stil des 17. Jahrhunderts, habe er ihm "den grossen Mastbaum, sampt der Stang vnd den Bootsgesellen, der in dem Mastkorb gesessen, auß dem Schiff ins Meer geworffen".

Solch ein Malheur demonstriert, dass man im Goldenen Zeitalter der Segelschifffahrt gleich in mehrfacher Hinsicht hart am Wind segelte. Dabei ging es nicht nur um hals- und mastbrecherische Verfolgungsjagden, sondern um günstige Frachtraten auf unspektakulären Routen. Der Erfolg der Hanse verdankte sich ihren tragkräftigen Lasteseln, den Koggen. Im 16. Jahrhundert übernahmen die niederländischen Handelsfahrer dann die Vorherrschaft zunächst im Ostsee- und dann im Welthandel nicht zuletzt auch wegen eines neuen, in Massenproduktion hergestellten Schifftyps.

Auf der Fleute reduzierten effizient eingesetzte Flaschenzüge (Taljen) den Arbeitskräftebedarf und sorgten für konkurrenzlose Frachtraten. Und was man nicht an Personal einsparen konnte, sparten Schiffseigner an dessen Versorgung. Auf den Segelrouten nach Lateinamerika, der Karibik, Afrika und Südostasien starben pro Schiff oft Dutzende von Seefahrern an Mangelernährung, aber auch an glühender Hitze und eiskalten Winden, denen sie beim Aufentern ausgeliefert waren.

Fast schrecklicher noch als das Wüten der Elemente war deren Verstummen, waren die Flauten. Wenn das Schiff keine Fahrt mehr machte, dann war es steuerlos. Segeln, sich dem Wind ausliefern, um ihn zu überlisten, war dann nicht mehr möglich.

Abenteuer der Unberechenbarkeit

In solcher Lage helfen auch modernste Segel nichts, die eher an Tragflächen von Flugzeugen oder Schornsteine erinnern und die es erlauben, schneller als der Wind oder direkt gegen ihn zu segeln. Früher gab es nur einen Ausweg: Alle verfügbaren Mann in die Boote und an die Riemen, um das Schiff aus der Flaute herauszuschleppen. Heute lässt man den Hilfsmotor an.

Doch ob Muskelkraft am Ruder oder Turbine – bei Flaute triumphiert seit jeher der schiffseigene Antrieb. Und der Siegeszug der Dampfschifffahrt begann nicht etwa deshalb, weil Dampfschiffe sofort billiger oder schneller gewesen wären, sondern weil ihre Fahrtzeit sehr viel berechenbarer war. Sie passten besser in die neue Ära der abgemessenen Zeit, der Fahrpläne und der jederzeit verfüg- und abrufbaren Ressourcen und Energien.

Zum großen Abenteuer des Segelns aber hat immer dessen Unberechenbarkeit gezählt, zur Romantik des Segelns die Vorstellung von der Reise ohne Wiederkehr: Sumatra? Java? Borneo? Wo der Wind sie hingetragen, ja, das weiß kein Mensch zu sagen.