Atomprotest

Helmut Schmidts Ringen mit den ersten Wutbürgern

Waren Schwaben schon immer "Wutbürger"? Eine TV-Doku schlägt den Bogen von den Protesten gegen die Atom-Nachrüstung in den 80er-Jahren zu den Demos gegen Stuttgart 21.

Foto: dpa / dpa/DPA

Teil zwei der Aufrüstungs-Doku von Sandra Maischberger : Das Lehrstück über die Stationierung der Pershing-Raketen 1983 lehrt vor allem zweierlei. Erstens: Helmut Schmidt und Hans-Dietrich Genscher sind nach dem Koalitionsbruch 1982 unversöhnlich zerstritten. Und zweitens waren Schwaben schon immer Wutbürger.

Hätte die abgewählte CDU-Regierung von Stefan Mappus in Baden-Württemberg sich an die Aufrüstungs-Proteste der 80er-Jahre erinnert, hätte sie die Massivität der Proteste gegen "Stuttgart 21" erahnen können.

"Pershing statt Petting" haben Maischberger und ihr Co-Autor Jan N. Lorenzen den Rückblick auf die Aufrüstungsdebatte genannt. Der erste Teil gab Einblicke in eine seltsam weit weg erscheinende Zeit und ihr von der Angst vor dem Atomkrieg geprägtes Lebensgefühl.

Im Mittelpunkt steht der damalige SPD-Kanzler Helmut Schmidt, Maischbergers Lieblings-Dokumentationsobjekt. Er hat den Nato-Doppelbeschluss erzwungen, mit dem er Druck von Deutschland als Schnittstelle zwischen West- und Ost nehmen wollte. Eine Folge dieses Beschlusses sollte die zur Abschreckung gedachte Stationierung von Pershing-II-Raketen in Deutschland sein.

Während der erste Teil des Films den allmählich aufkeimenden Widerstand gegen Schmidts Pläne in der Bonner Republik zeigte, war dem Altkanzler in Teil zwei schon das Heft des Handelns aus den Händen geglitten.

"The Day After" und "Ein bisschen Frieden"

In Genf versuchten ab 1981 Delegationen von USA und Sowjetunion das Zudriften der Supermächte auf einen Atomkrieg in Verhandlungen zu verhindern. Wie auch scheinbar kühle Strategen sich dabei von Hollywood imponieren ließen, sagte als Zeitzeuge Steven Pifer aus der damaligen US-Delegation.

Eines Tages hätten sie sich mit der gesamten Delegation "The Day After" angeschaut, das Drama über einen Atomschlag und seine Folgen. "Das ist ein ziemlich Angst einflößender Film", sagt Pifer noch heute beeindruckt.

Mit der Angst von "The Day After" im Nacken und beeindruckt vom Pazifismus der Deutschen, die "Ein bisschen Frieden" trällern, habe Delegationsleiter Paul Nitze eine Lösung gesucht. Nitze schlug dem russischen Delegationschef Julji Kwizinski auf dem legendär gewordenen Waldspaziergang von Genf vor, einen Großteil der sowjetischen SS-20-Raketen zu verschrotten.

Im Gegenzug wollten die USA auf die Stationierung der Pershings verzichten. Der Plan scheiterte an den Regierenden in Washington und Moskau. Helmut Schmidt: "Paul Nitze war mein Freund. Er hat mir gesagt, wir waren uns eigentlich einig, aber unsere beiden Vorgesetzten haben nicht gewollt." Was Maischberger da dokumentierte, ist allerdings nichts Neues – schon kurz nach dem Waldspaziergang wurden diese Details bekannt.

Interessanter waren dagegen die bisher nur wenig diskutierten angeblichen innenpolitischen Konsequenzen. Der damalige FDP-Chef und Außenminister Hans-Dietrich Genscher versuchte nun, das Scheitern der SPD/FDP-Regierung 1982 auch mit dem Nato-Doppelbeschluss zu begründen.

Ob dies ein "wesentlicher Scheidungsgrund" gewesen sei, fragte Maischberger. "Ja!", sagte Genscher. Die Reaktion des in einem konstruktiven Misstrauensvotum von Helmut Kohl (CDU) ersetzten Helmut Schmidt: "Das sagt er heute, damals hat er das nicht gesagt. Bei dem Misstrauensvotum spielte der Doppelbeschluss überhaupt keine Rolle, sondern Wirtschaftspolitik spielte eine Rolle."

Schön wäre gewesen, wenn Genscher und Schmidt an einem Tisch gesessen hätten. So stehen die widersprüchlichen Aussagen im Raum. Entscheidend scheint für Genscher und seine Partei die Aufrüstung aber tatsächlich nicht gewesen zu sein. Denn unter Kanzler Helmut Kohl stimmten die Liberalen 1983 mit für die von Schmidt angeschobene Stationierung der Pershings – nach einer turbulenten Debatte mit den neu in den Bundestag eingezogenen Grünen.

Von Pershing-II-Raketen zu Stuttgart 21

Dieser Tag des Bundestagsbeschlusses am 22. November 1983 bedeutete auch einen Schlag in die Magengrube für die Friedensbewegung, die zuvor Hunderttausende gegen die Pershings mobilisiert hatte. Ein wesentliches Zentrum der kreativen Proteste saß in Mutlangen, nur etwa 60 Kilometer von Stuttgart entfernt. Dort sollten die Pershings stationiert werden, und sie wurden es schließlich auch.

Wer sich heute über den heftigen Protest der Gegner von Stuttgart 21 wundert, konnte sich in der Pershing-Doku über die große Demonstrationsbereitschaft informieren. Maischberger erinnerte, wie zwischen Stuttgart und Neu-Ulm von Friedensaktivisten eine hundert Kilometer lange Menschenkette als Protest gebildet wurde.

Und sie zeigte Bilder, wie die damaligen Demonstranten kreativ Friedfertigkeit trainierten: Während sich die Polizei mit dem Einstudieren immer neuer Taktiken auf die wachsende Zahl gewaltbereiter Autonome vorbereitete, übten die friedlichen Aktivisten, durch Gespräche diese „schwarzen Schafe“ zur Räson zu bringen.

Auch das richtige Verhalten gegenüber den nervösen US-Soldaten in Mutlangen studierten die Protestierer damals ein: Mit langsamen Bewegungen und einem schlichten Hinsetzen wollten sie verhindern, dass diese losschießen.

Diese neue Art der Protestkultur hat auch einen tragischen Helden. Während der als Kanzler gescheiterte Schmidt durch die weitere Geschichte – also der ab 1987 einsetzenden Abrüstung und danach der Wiedervereinigung – sein Vorgehen als richtig bestätigt fand, gibt es auch Verlierer. Einer davon ist Volker Nick.

Er gehörte 1983 zu den knapp 3000 Menschen, die in Mutlangen angezeigt wurden, weil sie mit einer Sitzblockade die Zufahrt zum Raketen-Depot behindert hatten. Weil Nick besonders renitent war und sich an einer Vielzahl Blockaden beteiligte, saß er 300 Tage im Gefängnis. Lehrer konnte er deshalb nicht mehr werden, Nick arbeitet heute als Fahrradkurier in Mutlangen.

Erst 1995 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Sitzblockaden keine Nötigung sind. "Es war natürlich eine persönliche Genugtuung", sagte Nick über dies Urteil. Nicht auszudenken, wenn es ihn und die anderen Pershing-Gegner damals nicht gegeben hätte – dann würden wegen "Stuttgart 21" wahrscheinlich bereits tausende Prozesse laufen.