11. September 2001

Als die Türme einstürzten, trat ich aufs Gaspedal

Der japanische Philosoph Kenichi Mishima spürte die Folgen des Terroranschlags sogar in einem Studentenwohnheim in Kyoto – und fand Rat bei Nietzsche.

Welcher Hochschullehrer ist am letzten Tag der Semesterferien nicht traurig? Die Zeit der freien Arbeit ist vorbei. Ich musste vom Ferienort nach Kyoto fahren, wo ich damals während der Vorlesungszeit wohnte.

Keine heitere Fahrt. Am nächsten Morgen musste ich ja um 9 Uhr am Pult stehen, im mir zugeteilten Vorlesungssaal der Universität Osaka, und eine Einführung zum Thema dieses Semesters geben, mit ein wenig geheucheltem Engagement für den Lehrbetrieb.

Die Schreckensmeldung im Radio

Kurz vor 22 Uhr japanischer Zeit am 11. September 2001 war ich also noch auf der Autobahn irgendwo zwischen Nagoya und Kyoto unterwegs. In gemütlichem Tempo. In etwa einer Stunde würde ich in meiner Wohnung sein, das Vorlesungsmanuskript ausdrucken und nach einem Glas Wein ins Bett gehen.

Ich lauschte dem Autoradio. Dessen dummes Gespräch und die langweilige Musik verstummten. Der Stundengong ertönte. „22 Uhr. Nachrichten“, hieß es wie immer. „Statt der geplanten Nachrichten über den herannahenden Taifun eine Sondermeldung: Laut CNN ist ein Flugzeug in einen der zwei Türme des World Trade Center gestürzt.“ Ein kleiner Schock stieg in mir auf. Ich fing mich aber schnell.

So etwas kann ja passieren. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass in New York die Luftraumkontrolle nicht ganz optimal funktioniert. Ich fuhr gemütlich weiter. Nach einer weiteren Meldung über den brennenden Turm wurde mir das Ausmaß des „Unfalls“ deutlicher. Das abgestürzte Flugzeug war nicht ein kleines Privatflugzeug, sondern eine große Passagiermaschine.

Die Nervosität des Radiosprechers

Dann kam das Unvorstellbare: „Wir sehen auf CNN-TV, dass eben eine weitere Passagiermaschine in den anderen Turm hineingeflogen ist.“ Die Unruhe im Funkhaus war schon in der Stimme zu spüren.

Der arme Nachrichtenmensch besaß keinen Überblick mehr, er wiederholte sich nur noch oder las hastig Meldungen über die weitere Entwicklung ab, bis wiederum eine erschreckende Meldung über eine gezielte Attacke auf das Pentagon kam.

Nach der Festung des westlichen Kapitalismus nun die Kommandozentrale der militärischen Omnipräsenz der Amerikaner. Die Schaltstelle des globalisierten Finanzsystems und die oberste Leitung der Kriegsmaschinerie – diese Ziele können nur für eine Operation wichtig sein, die irgendwo und irgendwie aus der islamischen Welt gesteuert ist.

Eine neue Rede zum Semesterbeginn

In den Kommentaren der hastig herbeigeholten Experten tauchte schon der Name Osama Bin Laden auf. Ich drückte den rechten Fuß tief auf das Gaspedal, um schnellstmöglich zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen. Ein bisschen Schaulust steckt in jedem.

Zwölf Jahre nach dem Fall der Mauer hatte ich wieder das Gefühl, als Normalbürger ein welthistorisches Ereignis mitzuerleben. An diesem Abend konnte ich nur eine Stunde schlafen. Mit ständigem Seitenblick auf den Fernsehschirm tippte ich schnell ein neues Manuskript für die Vorlesung in den Computer, dessen Inhalt nur entfernt mit dem angekündigten Semesterthema „Theorie des sozialen Wandels“ zu tun hatte.

Doch mir wurde klar, ich könne die erste Semesterstunde nicht so abspulen, als wäre draußen nichts passiert. Inzwischen waren die Türme eingestürzt.

Kritik am Begriff "Kampf der Kulturen“

Zwar ist der Vorlesungssaal kein Kirchenraum, kein buddhistischer Tempel. Ich versuchte aber am nächsten Morgen als erstes, deutlich zu machen: die Diagnose von Wut, die sich in der islamischen Welt aufgestaut hat, darf nicht die Trauer um die Opfer der zynischen Attacke tangieren.

Nicht, dass wir eine Gedenkminute einlegten, aber das weltbürgerliche Denken des späten Kant geht ja davon aus – so sagte ich –, dass eine Katastrophe am anderen Ende der Welt uns nicht mehr in Ruhe lassen kann.

Ich kritisierte dann den Begriff „Kampf der Kulturen“, ein gängiges Verständnis der Kultur als einer homogenen Einheit, versuchte die an sich irrationale Abwehrreaktion derjenigen zu erklären, die seit der Kolonialzeit politisch, ökonomisch und kulturell gedemütigt werden, erwähnte auch, dass gerade diese in ihrer Identität Beschädigten zum essentialistischen Verständnis der eigenen Tradition neigen.

Für die Studenten war 9/11 weit weg

Ferner wollte ich auch jene Kräfte kritisieren, die die Täter dieser Attacke mit dem Begriff „Terrorismus“ pauschalisierend brandmarken. Der „Terror“ diente noch im 18. Jahrhundert in Europa zur Bezeichnung von staatlichen Strafmaßnahmen, wie legitim sie auch immer waren.

Ich wehrte mich also gegen die Definitionsmacht der „international community“. Die kriminellen Taten brauchen nur polizeilich verfolgt zu werden. In keinem Strafgesetzbuch war damals der Tatbestand „Terror“ verzeichnet. Der amerikanische Patriot Act (das letzte T von Patriot stand für den Terrorismus) wurde erst 45 Tage nach der Attacke verabschiedet.

In Deutschland trat das Terrorismusbekämpfungsgesetz noch später, nämlich im Januar 2002, in Kraft. Und die Reaktion der Studenten? Nach einigen Fragen stellte ich fest, dass für die meisten von ihnen, außer für Ethnologen, die Ereignisse in New York ein Feuer am anderen Ufer war, wie eine japanische Redewendung lautet.

Afghanischer Wissenschaftler in Haft

Die erwähnte Definitionsmacht hatte schnell ihr Netz über die Bürger ausgebreitet. Ein paar Wochen später, am 18. November – die Westmächte, allen voran die Amerikaner, hatten bereits den Krieg in Afghanistan angefangen –, wurde ein Studentenwohnheim der Universität Kyoto in aller Herrgottsfrühe von der Polizei umstellt.

Eine Studentin informierte mich am Abend darauf telefonisch: Man hatte einen Hausinsassen, nämlich einen afghanischen Wissenschaftler festgenommen. Der Haftgrund lautete: illegaler Aufenthalt. Geboren 1955, hielt sich Herr Bahadur seit 1974 in Japan auf, war ab 1979 Doktorand an der Uni Kyoto im Fach Chemie, brachte es aber aus verschiedenen Gründen nicht weiter.

Da er als Chemiker zu Hause keine Berufsperspektive sah und die Studenten im selbstverwalteten Wohnheim mit seinem weiteren Bleiben einverstanden waren, wohnte er als Privatwissenschaftler weiter im Haus – ohne Visum.

Verschwörungstheorien zur Festnahme

Die Behörden hatten die ganze Zeit die Augen zugedrückt. Und ausgerechnet in den Tagen, wo sich in seiner Heimat die Übermacht des Westens gnadenlos präsentierte, wurde er in Untersuchungshaft gesteckt.

Bis heute weiß niemand, welche „Elemente“ das Polizeipräsidium in Kyoto dazu drängten, ihn exakt zu diesem Zeitpunkt zu verhaften, unter Obhut zu stellen und somit „aus dem Verkehr zu ziehen“. Urplötzlich war er zum Gefahrenfaktor geworden.

Liebhaber der Verschwörungstheorie sprachen von Umtrieben der CIA. Ich vermutete eher vorauseilenden Gehorsam der japanischen Ausländerpolizei gegenüber ihrer Regierung, die ihrerseits auch ziemlich schnell vorauseilenden Gehorsam gegenüber den kriegsführenden USA entfaltet hatte.

Solidaritätsaktion der Studenten

Die Solidaritätsaktion der Mitbewohner des Studentenwohnheims war schnell und effizient. Sie organisierten sofort Rechtsanwälte und initiierten eine Unterstützungskampagne für das Bleiberecht dieses Gastwissenschaftlers. Und eine Unterschriftaktion.

Auch ich unterschrieb, und auf meine Initiative hin schlossen sich ein paar Institutskollegen, darunter auch sehr berühmte, an – die einen zögernd, die anderen voll engagiert und ihre Empörung zur Schau stellend, was auch nicht ganz zu meinem Geschmack passte.

Zehn Monate später, am 25. September 2002, wurde der afghanische Gast aus wiederum völlig rätselhaften Gründen auf freien Fuß gesetzt – „vorbehaltlich späterer Entscheidung“, so hieß es im Juristenjapanisch.

Sardar Kahn Bahadur, so heißt er vermutlich (denn keiner kennt die präzise Transkription, weil die Kommunikation ganz auf japanisch zuging) mit vollem Namen, lebte noch zehn Jahre unbehelligt im selben Studentenwohnheim weiter, einer schäbigen Behausung, wo er aber, von den Studenten einfach japanisierend Bahadoru-san genannt und offensichtlich sehr beliebt, immer mit der sensiblen Solidarität der Mitbewohner rechnen konnte. Er starb am 29. Januar dieses Jahrs als einer, der sich immer noch illegal in Japan aufhielt.

Frühe Jubelrufe in Palästina

In diesen zehn Jahren wurde er aber von der Polizei nicht mehr behelligt. So bekam ich, so bekamen ein paar Kollegen und Freunde im fernen Japan, wo aufgrund einer anderen Perspektive als in Deutschland keine öffentliche Gedenkminute für die Opfer des 11. September veranstaltet wurde, doch ein kleines bisschen vom Krieg in und um Afghanistan mit.

Zurück zum Weltgeschehen: Kurz nach der grausamen Attacke auf die Zwillingstürme und auf das Pentagon brach in Palästina ein Jubelruf aus. Endlich haben wir gezeigt, was wir sind, und zwar in der Mitte der amerikanischen Weltherrschaft – so war die Stimmung.

Die „international community“ zeigte sich verstimmt. So geschmacklos die Hurrarufe auch waren, so übel da auch ein falsches „Wir“ im Spiel war, so war die Stimmung, die viele junge Palästinenser packte, offensichtlich für manche linken Intellektuellen in Japan nachvollziehbar, wie ich in Gesprächen feststellte – und das war bedauerlich.

Der Tod von Osama Bin Laden

Aber im Gegensatz zu Deutschland gab es und gibt es bei uns kaum amerikafreundliche Linke. Zu meiner Erleichterung warnten die palästinensischen Machthaber, aus welchen Gründen auch immer, sofort vor Jubel und Siegesgeschrei – mit Recht. Der Jubel verhallte schnell und wich der Trauerstimmung. Vorherrschend wurden auch dort Beileidsbekundungen an die Hinterbliebenen in Amerika.

Beinahe zehn Jahre später stürmte ein amerikanisches Spezialkommando in einem Vorort von Islamabad das Versteck Osama bin Ladens. Zumindest in der Meldung hörte sich alles nach einer Hollywoodfilmszene an.

Die Amerikaner töteten den meistgesuchten Terroristen offensichtlich in einer juristischen Grauzone, oder wenn man so will: sie ermordeten ihn. Niemand wird außer den direkt Beteiligten genau rekonstruieren können, was sich im Haus von Bin Laden genau abgespielt hat.

Reaktionen auf Bin Ladens Tod

Ohnehin stellte der militärische Überfall in einem anderen Land einen klaren Verstoß gegen die völkerrechtlichen Gepflogenheiten dar. Wobei ich zugeben muss, dass man durchaus vernünftig darüber diskutieren kann, ob und wieweit sich in einem solchen Fall ein „Commander in Chief“ über die gewohnte internationale Regeln hinwegsetzen kann.

Man musste ja vermuten, dass zwischen gewissen Kräften der pakistanischen Regierung und den Talibankreisen – gelinde gesagt – rege Kommunikation stattfindet. Aber schon die Klugheit gebietet, dass die Regierungsspitze von Pakistan hätte informiert werden sollen, selbst wenn das ein Entkommen Bin Ladens ermöglicht hätte.

Was sich aber nach der Verkündung des gelungenen Sondereinsatzes durch Präsident Obama in New York am sogenannten Ground Zero abspielte, wirkte peinlich und erschien wie die Wiederholung dessen, was sich am 11. September 2001 für eine kurze Zeit in Palästina ereignete.

Demokratie verliert Selbstkontrolle

Viele Amerikaner, nicht nur leichtsinnige Jugendliche, jubelten vor lauter Freude, tanzend, wild und frei gestikulierend. Die „international community“ zeigte sich, seltsam genug, kaum verstimmt darüber. Es spricht für die Sensibilität der deutschen Öffentlichkeit, dass die Bundeskanzlerin ihre spontan geäußerte Freude später relativieren musste.

Der 11. September war eindeutig eine moralische Katastrophe der militanten Islamisten. Doch er löste die bedauerliche Folge aus, dass die USA immer mehr an Reputation einbüßten. Die älteste konstitutionelle Demokratie, die schon seit langem nicht mehr in der Lage schien, ihr militärisches Übergewicht im Spannungsverhältnis zum Geist der Demokratie zu sehen, verliert allzu oft die Kontrolle über sich selbst.

Guantanamo und der Einmarsch in Irak sind die jüngsten Beispiele. Natürlich tut mir Präsident Obama leid, weil er mit dem Scherbenhaufen, den sein Vorgänger hinterlassen hat, zu kämpfen hat. Andererseits ist die Liste der Regelverstöße, die die amerikanische Außenpolitik in den Dekaden seit 1945 begangen hat, sehr lang.

Diktaturen, die mit den USA kooperierten

Nicht nur die Landung auf Kuba, nicht nur Vietnam, sondern auch der Raketenüberfall auf den Sudan, auch das tatenlose Zusehen bei der Unterdrückung der aufständischen koreanischen Demokraten in Südkorea im Mai 1980, als der Oberbefehlshaber des dort stationierten amerikanischen Militärs eindeutig ein Kommandorecht über die gegen das eigene Volk Terrorakte ausübenden koreanischen Militäreinheiten innehatte.

Die Liste ließe sich verlängern bis hin zum Sondereinsatz in Pakistan. Auch die Liste der Diktaturen und autoritären Regime, mit denen die USA „zusammenarbeiteten“ geht über das für ein normales Fassungsvermögen Zumutbare hinaus.

Dabei dienten viele Nationen wie Schachfiguren der amerikanischen Weltpolitik. Verschont blieben von dieser Rolle die meisten westeuropäischen Nationen, die sich wohl auch deswegen schwer tun, wenn sie die Perspektive rekonstruieren müssen, die dem „Rest der Welt“ gegenüber der Schutzmacht der Freiheit zugewachsen ist.

Die unsympathische Seite der USA

Diese andere Sichtweise ist vielen Nationen längst in Fleisch und Blut übergegangen. Sympathie gegenüber der großen Demokratie kann leicht in Antipathie gegen das Unsympathische an der amerikanischen Außen- und Militärpolitik umschlagen.

Diese unsympathische Seite ist aber schwer benennbar und schwer beschreibbar. Das dumpfe Gefühl kann schnell die differenzierte Sicht trüben und sich zur falschen Emotion entwickeln. Antiamerikanismus ist das Wort dafür.

Ihm wohnt zwar, zumindest in Korea und Japan, anders als in Europa, aus historischen Gründen keine Neigung zum Antisemitismus inne. Jedoch: Die eigenartig irrationale Nähe der linken Emotionen zur nationalistischen Regung, die man hier in Japan oft erlebt, hat einen ihrer Gründe in eben diesem Antiamerikanismus.

Die Gefahr von Rechthaberei

Noch ein Jahr vor der moralischen Katastrophe der militanten Islamisten und der darauffolgenden normativen Katastrophe der amerikanischen Weltpolitik habe ich im August 2000 in Wochenblatt „Die Zeit“ folgende Sätze geschrieben (der Anlass war das hundertste Todesjahr von Nietzsche): „Mit seiner unangenehmen Rhetorik hat uns der Pastorensohn aus Sachsen immer wieder souffliert, es gebe, sobald es um große Interessen geht, für normative Überlegungen und moralische Entscheidungen keinen Spielraum mehr.“

Leider erwies sich dieser Zynismus immer wieder als mächtiger als die rechtlichen Konstruktionen, mit denen die in der UNO organisierten Nationen seit 1945 die gewaltfreie Bewältigung der Konflikte versuchen.

Dennoch: Wir müssen gemeinsam versuchen, Nietzsche in dieser Hinsicht zu widerlegen. Vielleicht hilft dabei auch die beste Seite von Nietzsche, nämlich die Entlarvungskunst. Nietzsche schrieb einmal: „Zum Beispiel nennt es der deutsche Kaiser seine ‚christliche Pflicht‘, die Sklaven in Afrika zu befreien.“

Wir müssen behutsam unterscheiden können, zwischen dem Recht, das wir vor allem den Opfern widerfahren lassen müssen, und der Rechthaberei, die inmitten von kollektivem Wahnsinn oft im Namen der allgemein akzeptierten Werte und Normen praktiziert wird. Und eben diese Unterscheidungskunst kam uns in letzter Zeit immer wieder abhanden.