Heinz Bude

"Mit einem Abi von 3,3 gibt es kaum Probleme"

Die Bildungspanik deutscher Eltern entbehrt jeder Grundlage, sagt der Soziologe Heinz Bude. Schon die Demografie eröffne ihren Kindern beste Chancen.

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Von der Bildungskatastophe in Deutschland war in den vergangenen Jahren oft zu hören. Viele Eltern haben das Vertrauen in das deutsche Schulsystem verloren. Bildungspanik nennt Heinz Bude das. Für den Soziologen vom Hamburger Institut für Sozialforschung, der gleichzeitig an der Universität Kassel lehrt, sind es Panikreaktionen. Viele Eltern, die ihre Kinder nun auf Privatschulen schicken, hätten Angst, sie könnten an den öffentlichen Schulen keine brauchbaren Abschlüsse mehr machen. Nach seiner Überzeugung sind solche Sorgen überflüssig: Die Chancen für die Jungen seien schon aus demografischen Gründen so gut wie lange nicht mehr, sagt Bude.

Morgenpost Online : Wer hat in Deutschland Bildungspanik?

Heinz Bude : Das betrifft gerade die Bildungsgewinner der 70er und 80er Jahre, die von enormen Ängsten geplagt sind. Sie sind sich nicht sicher, ob ihre Kinder das Bildungsniveau erreichen, das sie selbst haben oder befürchten, dass das nicht mehr viel bedeutet. Und deshalb sind sie vom panischen Gefühl beseelt, ihre Kinder in Sicherheit bringen zu müssen.

Morgenpost Online : Sind die Sorgen nicht berechtigt?

Bude : 90 Prozent der Schüler sind mit dem gegenwärtigen Schulsystem gut bedient. Gerade die Bildungsgewinner brauchen sich um ihre Kinder keine Sorgen machen. Schon aus demografischen Gründen: In den nächsten 20 Jahren wird es auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland eine wahnsinnige Nachfrage geben. Selbst mit einem Abi von 3,3 wird man kaum Probleme bekommen.

Morgenpost Online : Ist das Ende des dreigliedrigen Schulsystems ein Fortschritt?

Bude : Das dreigliedrige Schulsystem mit der Trennung von Haupt-, Realschule und Gymnasium ist Geschichte. Die Abschaffung der Hauptschule allein bringt aber gar nichts. Es gibt Realschulen in Berlin mit einem Drittel funktionalen Analphabeten. Da nützt es nichts, dass die nun nicht mehr auf der Hauptschule sind.

Morgenpost Online : Was muss sich dann ändern?

Bude : Entscheidend ist die Art der Unterrichtsgestaltung. Das ist etwas, das wir tatsächlich von Finnland lernen können. Im Unterricht dort gilt das Tandem-Prinzip. In jeder Klasse gibt es neben dem Lehrer eine zweite Person, die zum Beispiel den Kontakt zwischen Eltern und Schule herstellt. Das brauchen wir in Deutschland auch.

Morgenpost Online : Verschwindet nach der Hauptschule bald auch das Gymnasium?

Bude : Ich kann mir nicht vorstellen, dass es das Gymnasium in absehbarer Zeit nicht mehr geben wird. Aber ob es Gymnasien gibt oder nicht, ist für die Leistungsfähigkeit unseres Bildungssystems zweitrangig. Ich plädiere aber dafür, die Vielgliedrigkeit unseres Bildungssystems aufrechtzuerhalten.

Morgenpost Online : Was läuft schlecht bei der Bildung in Deutschland?

Bude : In den 80er-Jahren war die deutsche Gesellschaft die durchlässigste in Europa. Das ist inzwischen völlig anders. Der Aufstieg durch Bildung gelingt immer seltener.

Morgenpost Online : Wie kommt das?

Bude : Es gab eine erhebliche Verbreiterung der Bildungsbasis. Mitte der 50er Jahre machten acht Prozent eines Jahrgangs Abitur, jetzt sind es rund 40 Prozent. Aber wenn es fünfmal so viele Abiturienten gibt, ist der Abschluss entsprechend weniger wert. Andererseits gilt: Je mehr Menschen einen höheren Bildungsabschluss haben, umso größer ist die Erwartung, dass ihre Kinder das auch schaffen.

Morgenpost Online : Was ist daran schlimm?

Bude : Aus diesem Interesse an Statuserhaltung machen Eltern wahnsinnige Anstrengungen. In einzelnen Bezirken in Berlin beispielsweise fliehen bildungspanische Eltern aus dem öffentlichen Schulsystem. Dabei ist es gerade dort möglich, soziale Vielfalt zu erleben. Die öffentlichen Schulen bleiben dann übrig für die vermeintlichen Verlierer. Das ist eine außerordentlich gefährliche Tendenz.

Morgenpost Online : Was sollen Eltern stattdessen tun?

Bude : Sie sollten sich um die Qualität ihrer Schule kümmern, sich aktiv am Schulleben beteiligen und mit Lehrern und Schulleitung an einem Strang ziehen.