Bibel-Forschung

Was Adam und Eva nach dem Sündenfall so trieben

Christfried Böttrich, Beate Ego und Friedmann Eißler haben die teils kuriose Geschichte der ersten Menschen religionsübergreifend zusammengefasst.

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"Montag. Dieses neue Geschöpf mit langen Haaren ist ganz schön lästig. Ständig treibt es sich hier herum und folgt mir überall hin nach. Das behagt mir gar nicht, Gesellschaft bin ich nicht gewohnt. Wenn es doch bloß bei den anderen Tieren bliebe. Es ist bewölkt heute, der Wind bläst von Ost. Wir werden Regen bekommen. Wir? Wo habe ich dieses Wort her? Jetzt fällt es mir ein – das neue Geschöpf hat es gebraucht."

Das "neue Geschöpf" hieß übrigens Eva, und derjenige, welcher Platz nimmt, um seinem Tagebuch die eigene Trübsal kundzutun, ist der erste Mensch. Mark Twain hat Adam die Worte in den Mund gelegt und sie als "Tagebücher von Adam und Eva" veröffentlicht.

Woher der Schriftsteller seine Kenntnisse nahm, wusste nur er allein. Doch sollte man Adams Geständnis deswegen nicht leichtfertig als erfunden beiseite schieben. Schließlich besitzt es denselben historischen Wert wie die zahllosen Geschichten um Adam und Eva, welche die drei monotheistischen Religionen den Menschen seit Jahrtausenden erzählen. Alle drei gehen von ein- und demselben Text aus, nämlich von Genesis zwei bis vier.

Doch Juden, Christen und Muslime begnügten sich nicht mit den spärlichen Angaben aus dem ersten Buch der Bibel. Sie wollten mehr über ihre Verwandten wissen, betrieben Familienforschung und wurden nicht müde, weitere Erkenntnisse zusammenzutragen. Welche Quellen diese Hinweise lieferten, bleibt ein Geheimnis, das wohl nur einer enthüllte – eben Mark Twain, und der hat sein Wissen 1910 mit ins Grab genommen.

Schon den Apfel wird man vergeblich in der Bibel suchen. Dort ist nur von der "Frucht" die Rede. Die Juden stellten sie sich als eine Feige oder Trauben vor. Doch als sich das Christentum gen Norden ausbreitete, da sprach die Kirche plötzlich vom Apfel. In ihn hatte schon jeder Germane, Slawe oder Angelsachse gebissen, soweit er Zähne besaß, und wusste somit, worum es ging. Ist die Apfel-Geschichte deshalb geflunkert? Mitnichten! Es könnte so gewesen sein.

Christfried Böttrich, Beate Ego und Friedmann Eißler haben nun alle Geschichten über die ersten Menschen im Judentum, Christentum und dem Islam zusammengetragen und ein kenntnisreiches, nicht immer leicht zu lesendes, oft aber amüsantes Buch über Adam und Eva veröffentlicht: "Adam und Eva in Judentum, Christentum und Islam". Es verrät uns so gottesfernen wie ahnungslosen Zeitgenossen einiges über unsere Vorfahren. Im Judentum etwa gibt es Quellen außerhalb der Bibel, welche die Verführung Evas durch die Schlange wörtlich nehmen. Mindestens einmal liebten sie sich – wahrscheinlich in Schluchten und Schneisen, damit Adam nichts mitbekam.

Vielleicht hätte er sogar Verständnis gehabt. Immerhin soll Adam der eigenen Lendenkraft zumindest einmal erlegen sein. Der Midrasch Bereschit Rabba 22,7 spricht von Adams "erster Eva", die wieder zu Staub zerfallen sei. Andere Quellen aus dem Mittelalter wissen, dass Adams "erste Eva" Lilith geheißen haben soll, eigentlich ein Dämon war, mit ihrem Mann in Streit geriet, davonflog und seither neugeborene Kinder mit Krankheiten peinigt, sofern sie kein Amulett mit den Namen der Erzengel tragen. Der Dämon also ist ein Weib!

Zwar brachte die "Männin", wie Eva in der Bibel auch heißt, nach jüdischem Verständnis nicht die Erbsünde auf die Welt, auf Eva verlassen konnte sich Adam nach mosaischer Überzeugung dennoch nicht. Und weil wir gerade dabei sind: Das Judentum kennt keine Erbsünde. Im Unterschied zum Christentum ist es davon überzeugt, dass Gott dem Menschen die Freiheit geschenkt habe, zwischen gut und böse zu wählen.

Die Erschaffung dieses Wesens "Mensch" mit einem solchen Maß an Freiheit bedeutet demnach, dass Gott bewusst Raum schuf für eine mitbestimmende Kraft neben sich selbst. So besteht die Strafe nach dem "Sündenfall" für Adam und Eva nach jüdischer Überzeugung letztlich nur darin, menschlich zu werden.

Adam will trotzdem zurück in seine Heimat. Nach jüdischen Quellen bemüht sich der erste Mensch, seinen Schöpfer durch ein Brandopfer zu versöhnen. Den Tieren verschlägt es darüber die Sprache, was nicht verwundert. Schließlich waren sie die Betroffenen der neuen Gottesdienstform, die zu allem Überfluss nicht einmal etwas brachte. Trotz Bratenduft – der Herr blieb verstockt. Adam drängt Eva deshalb, sich direkt an Gott zu wenden und ihre Sünden zu bekennen. Immerhin hat sie ihm die Erdensuppe eingebrockt – und nicht nur das: Adam wird täglich hässlicher.

Der erste Mann, dessen Kopf Gott aus dem Sand Palästinas, dessen Rumpf ER aus der Erde Babylons geformt, war dem Ewigen nach jüdischer Ansicht ähnlich und daher wohl noch schöner, als es George Clooney heute ist. Der Sündenfall veränderte die Wohlgestalt. Auch Eva bot längst nicht mehr den Anblick der Schöpferzeit. Der paradiesische Engel hatte sich auf Erden in eine hüftenstarke Gans verwandelt, deren Brust schon lange der Schwerkraft erlegen war (Babylonischer Talmud Baba Bathra 75a).

Kurzum, Adam hatte genug und wollte nach Haus. Er bittet Eva und seinen Sohn Seth am verschlossenen Gartentor zu rütteln und Gott um Gnade zu bitten. Doch DER schweigt. Dafür spricht Erzengel Michael. Er erklärt den Weinenden, Jammern sei sinnlos. Erst am Ende der Tage soll allen Menschen, Adam eingeschlossen, die Wonne des Paradieses geschenkt werden. Adam stirbt kurze Zeit später. Ob vor Gram, ist nicht bekannt.

Jedenfalls berichtet Seth nach jüdischen Quellen von der dem ersten Menschen durchaus angemessenen Bestattung: Engel bringen Adams Leichnam zum Acherusischen See (wo immer der auch liegen mag), wo ein Seraph den Körper reinigt. Nach der Waschung wird Adam vor den Thron des Ewigen getragen. Gott selbst übergibt die sterblichen Überreste dem Erzengel Michael, der sie ins Paradies fährt. Als der Wagen den Garten Eden durchquert, verströmen die Pflanzen ihren Duft und versetzen alle Menschen außer Seth in einen Tiefschlaf.

Michael wickelt Adam in wohlriechende Tücher. Auch bestattet er Abels Leichnam, der bisher nicht begraben war, weil die Erde ihn nicht aufnehmen wollte. Schließlich verheißt Gott Adam die Auferstehung und versiegelt sein Grab. Sechs Tage später stirbt Eva. Die Geschichte endet mit Michaels Auftrag an Seth, künftig alle Menschen nach ihrem Tod zu begraben. Auch ermahnt der Erzengel Seth, nur sechs Tage lang um einen Verstorbenen zu weinen. Am siebenten müsse er sich wieder am Leben erfreuen.

Christliche Quellen haben das Grab Adams dagegen am Mittelpunkt der Erde ausgemacht – genau dort, wo Gott sich den Staub nahm, um den ersten Menschen zu formen. Als Adam starb, habe sich der Erdenschlund an dieser Stelle in Kreuzform geöffnet und den Leichnam des Ersterschaffenen verschluckt. Der Ort wird später Golgatha heißen und der Boden sein, auf dem Jesus gekreuzigt werden wird, womit klar ist, worauf die Christen hinauswollen: Es ist Jesus, der "zweite Adam", der das Bild Gottes im Menschen zum Vorschein bringt.

"Eine Frau soll in der Stille lernen, mit aller Unterordnung"

Jesu Selbsthingabe gleicht Adams Verfehlung aus. Alles, was das Neue Testament also über den Menschen – sei es Adam oder einen anderen – schreibt, ist ausschließlich von Christus her gedacht. Nur Maria nimmt in diesem Gedankengebäude eine Sonderstellung ein. Nach christlichem Verständnis ist sie die "neue Eva": "Die Klugheit der Schlange (ist) durch die Einfalt der Taube" besiegt" (Mt.10,16).

Das heißt freilich nicht, dass Mann und Frau nach christlicher Überzeugung fortan gleichwertig durchs Leben gehen. Im Gegenteil. Aller Keuschheit zum Trotz hat selbst das Täublein des Vollweibes Sünde nicht beseitigen können. "Denn Adam wurde zuerst geschaffen, danach Eva. Und Adam wurde nicht verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und geriet in die Übertretung" (1Tim 2,13 – 14). Die Folge daraus lautet: "Eine Frau soll in der Stille lernen, mit aller Unterordnung.

Zu lehren aber erlaube ich einer Frau nicht, auch nicht über einen Mann zu herrschen. Sie soll sich vielmehr still verhalten" (1Tim 2,11 – 12). Ansonsten schreibt das Neue Testament nicht viel über die ersten Menschen: Adam begegnet man dort nur neunmal, vor allem bei Paulus. Eva kommt zweimal vor, ihre Söhne Kain werden dreimal, Abel viermal und Seth einmal erwähnt. Doch es gibt populäre christliche Schriften wie das "Buch der Schatzhöhle" aus dem sechsten Jahrhundert, das sich ausmalt, wie es mit Adam und Eva nach dem Sündenfall weiterging.

Demnach liegt das Paradies im Himmel. Als die beiden ersten Menschen vertrieben werden, steigen sie "auf dem Seil des Windes auf den Paradiesberg hinunter", wo sie eine Höhle finden, von der aus sie den Gesang der Engel im Garten Eden hören.

Nach islamischen Quellen hat Adam hingegen anderes zu tun, als mit Eva Harfenklängen zu lauschen. Nachdem der erste Mensch von der verbotenen Frucht gegessen hat, muss er zehn Prüfungen bestehen. Eine beinhaltet, für einhundert Jahre von Eva getrennt zu sein. Adam lebt in Indien, Eva in Dschidda. Die beiden Eheleute sehnen, suchen und finden sich und "erkennen einander", wie es züchtig heißt.

Im Rausch des Wiedersehens vergessen sie, die Fortpflanzung zu überlisten oder wissen noch gar nichts von ihr. Jedenfalls werden sie neun Monate später klüger geworden sein. Aber das ist eine andere Geschichte. Wichtig ist: Die Muslime kennen den Ort der Wiedervereinigung von Adam und Eva genau. Es ist Mekka, das spätere Ziel der großen Pilgerfahrt (Haddsch).

Der heilige Ort und Adams Wiederkehr machten Eva und ihren Töchtern das Leben keineswegs einfacher. Waren dem Mann zehn Prüfungen auferlegt, mussten Eva damals und all ihre Enkelinnen bis heute fünfzehn Lasten tragen. Der Schmerz während der Wehen gehören genauso dazu wie der Mangel an Verstand, von der Unterordnung unter Adams Knute zu schweigen.

Der Koran weiß stets genau Bescheid

Seltsam ungerecht sind diese Strafen. Eva, die der Koran nur als "Gefährtin" bezeichnet, kann nach muslimischem Verständnis nämlich nichts für den Sündenfall. Gott habe Adam geschaffen. "Hierauf haben wir den Engeln gesagt: 'Werft euch vor Adam nieder!’ Da warfen sie sich nieder, außer Iblis" (Sure 7,11-18). Er war Anführer der Scheitane (Satane) und versuchte den ersten Menschen erfolgreich. "So widersetzte Adam sich seinem Herrn, und da fiel er in Verirrung". Kurz: Adam steht im Koran für den Menschen an sich. Er versinnbildlicht dessen Verhältnis zu Gott in der Spannung zwischen höchster Würde und tiefster Fehlbarkeit.

Der Islam kennt nicht einen, sondern viele Sündenfälle. Tag für Tag. Er weiß zudem genau, wie Gott den ersten Menschen schuf. Zunächst habe der Schöpfer den Erzengel Gabriel ausgeschickt, eine Handvoll Erde zu bringen, um daraus Adam zu bilden, doch diese verweigerte sich. Daraufhin habe Gott Michael beauftragt. Dem erging es nicht anders. Gott greift zum Äußersten und fragt den Todesengel.

Der überhört das Geschrei der Erde, nimmt eine Handvoll roten, braunen und weißen Sandes von ihren vier Enden und bringt sie zu Gott, der daraus den Menschen formt. "So kommt es, dass in der Nachkommenschaft Adams alle Farben, Formen, Sprachen und Charaktere vorhanden sind", heißt es im Islam (Koran Sure 30,22). Er berichtet ferner, dass Adam als bester Freund des Barmherzigen starb. Zusammen mit den Engeln habe Seth seinen Vater östlich vom Paradies begraben. Andere muslimische Quellen besagen, Adam sei in der "großen Höhle" zu Mekka beerdigt worden.

Wann Adams "Gefährtin" starb und wo sie begraben liegt, erfährt man im Koran allerdings nicht. Immerhin wusste Mark Twain, dass Eva vor Adam gestorben war. Auf ihrem Grab fand Twain eine Inschrift, die nur von Adam stammen konnte: "Wo immer sie war, da war Eden".