Pop

Cat Power hat das Herz eines Backstage-Girls

Wirf eine Münze in die Jukebox, Baby: Die Sängerin Cat Power huldigt auf ihrem zweiten Cover-Album musikalischen Heroen wie Bob Dylan, James Brown oder Hank Williams. Auch der Bühne singt sie auch schon mal "House of the Rising Sun" – oder widmet sich der weiblichen Dreifaltigkeit.

Foto: Beggars Group

Bob Dylan wird im Augenblick am überzeugendsten von Frauen verkörpert. Von Cate Blanchett im Porträtfilm „I’m Not There“ als junger Mann mit Storchenbeinen, explodierender Frisur und Sonnenbrille. Für das glaubwürdigste Näseln im dazugehörigen Soundtrack sorgt Cat Power. Sie singt „Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again“ von 1966.

1972 kam Cat Power in Georgia als Chan Marshall auf die Welt. Einen gewissen Ruf als Feministin hat sie ihrem kämpferischen Künstlernamen zu verdanken. Und wenn nun Bob Dylan derart offensiv verweiblicht wird, dann geht es wieder einmal um die Rache an der Rockmusik und an den Männern, die sie machen und erklären, dass sich die Frequenz von Frauenstimmen mit den Aufnahmegeräten schlecht vertrage. Aber darum geht es diesmal eben nicht. Denn auch das Problematisieren der Geschlechterrollen in der Rockmusik ist Männersache. Frauen musizieren lieber.

Das Backstage-Girl verschenkt sein Herz hinter der Bühne


Auf Cat Powers neuem Album „Jukebox“ findet sich ein weiterer Song Bob Dylans und der selbst verfasste „Song To Bobby“. In der Hymne wendet sich Cat Power an Bob Dylan, und zwar feministisch unkorrekt als schwärmendes Mädchen. Es reist seinem väterlichen Vorbild hinterher und haucht: „Backstage pass in my hand/ Giving my heart to you was my plan.“ Eine gestandene Sängerin von 35 Jahren setzt es sich zum Ziel, ihr Herz hinter der Bühne an den 31 Jahre Älteren zu verschenken.

In der Interpretation von „I Believe In You“ geht sie noch weiter. Dylan hatte das Lied 1979 aufgenommen, auf dem Gipfel seines Christenglaubens. Auch die nachsichtigsten Dylanologen würden diesen Lebensabschnitt ihres Heiligen gern ungeschehen machen. Doch Cat Power jubiliert: „Please don’t let me drift too far/ Keep me safe and sane where you are/ So I can always be renewed.“ Allerdings richtet die Interpretin ihre Fürbitte um immerwährende innere Erneuerung an ihren Hausgott. An Bob Dylan.

„Jukebox“ ist Cat Powers zweites Coveralbum, nach „The Covers Record“ vor acht Jahren. Füllen Songautoren ganze Platten ausschließlich mit Liedern fremder Leute, geben sie entweder Schaffenskrisen zu, Vertragsprobleme oder jene Phase der Erneuerung, für die Cat Power zu Bob Dylan heute betet. Dylan selbst erlebte diese Phase in den frühen Neunzigerjahren mit dem Einsingen traditioneller Folksongs.

Das vernachlässigte Kind musizierender Hippies

Für seine Bewunderin lief es während der letzten beiden Jahre prächtig. Die 2006 erschienene Soulplatte „The Greatest“ löste das Versprechen ihres Titels ein. Eine verhuschte Folkloristin wurde plötzlich weltweit als Erlöserin der Popmusik und Rollenmodell gefeiert. Ein Kosmetikhersteller verwendete den Titelsong zur Werbung. Modemacher kleideten Cat Power ein. Sie spielte eine Nebenrolle in Wong Kar-Wais „Blueberry Nights“, auch da lief ihr Song, lustigerweise zum Kinodebüt der Milchkaffee-Sängerin Norah Jones.

Die Stimme war der Menschheit schließlich so vertraut, dass jeder einen Werbewitz verstand, den sich ein Edelstein-Großhändler leistete: Cat Power sang „How Can I Tell You“ von Cat Stevens. Von Katze zu Katze sozusagen. Der Konzeptkünstler Doug Aitken projizierte sie sogar auf die Fassade des New Yorker MoMa, als Postangestellte in der Videoserie „Sleepwalker“.

Man weiß nicht, ob Cat Power das alles so wollte. Das vernachlässigte Kind musizierender Hippies, die Schulabbrecherin, die kapriziöse Folknomadin, die Mitte der Neunziger vom Sonic-Youth-Schlagzeuger Steve Shelley ins Vorprogramm der Furie Liz Phair auf eine New Yorker Bühne gestellt wurde.

Als Zugabe renoviert sie schlimme Gassenhauer

„Jukebox“ rückt diese Geschichte wieder gerade. Es ist schön, dass es das Album gibt - wie jedes Album von Cat Power. Was man hat, das hat man: Bei ihren Konzerten bleibt stets ungewiss, ob sie erscheint, wann sie ein Lied oder das ganze Gastspiel abbricht, oder ob sie statt der Lieder unverständliche Berichte aus dem Alltag murmelt und dazu gelegentlich in die Gitarre greift. Ihr Lampenfieber ist so legendär wie ihre Launen und ihr Satz: „Emotional bis ich auf dem Stand eines Kleinkinds.“

Was in glücklichen Momenten aber auch zu Offenbarungen führt wie beim Besuch in der Berliner Volksbühne zuletzt. Da sang sie stundenlang, und als die eigenen Lieder alle waren, renovierte sie so schlimme Gassenhauer wie „House Of The Rising Sun“ und „Hit The Road Jack“. Dass Cat Power sich dabei über das Spiegelbild im Lack ihres Klaviers beschwerte, ließ das Künstlertum nur umso wahrer wirken. Nicht nur wegen der authentischen Neurosen, sondern weil bereits ihre belegte Stimme fatalistisch von der Einsamkeit im Pop erzählt. Auf ihrem besten Album „You Are Free“ verkündete die Stimme: „We have nothing to win, so we have nothing to lose.“ Wenn das kein Trost ist.

„Jukebox“ will noch mehr. Das Album dient Cat Power als Art Legitimation eines sich selber auferlegten Bildungsauftrags. „Dieses Coveralbum ist mein Beitrag dazu, alte Songs jungen Leuten, die sich tatsächlich noch danach sehnen, Musik zu hören, die etwas bedeutet, nahe zu bringen“, sagt sie. „Wenn mir solche jungen Leute erklären, sie haben noch nie etwas von Nina Simone gehört, denke ich: Woah! Dann sollte ich ihnen diesen Song von James Brown vorspielen.“ Dieser Song heißt „Lost Someone“, er stammt von 1961, und Cat Power singt ihn, als sei überhaupt nichts mehr zu retten.

Weibliche Dreifaltigkeit – Janis, Billie, Joni

Jedes Lied wird ehrfürchtig und sorgfältig dekonstruiert, mithilfe einer wiederum illustren Studioband. „New York“ findet sich in Cat Powers Jukebox nicht mehr als Triumphgesang sondern als rüde Trotzgebärde wieder. Es geht nicht nur darum, die Generation des Myspace-Folk wieder an Traditionen anzubinden. Um die Umwidmung von musealisierten Songs geht es. Darum, sie zu entstauben, bis man sich wieder in ihnen spiegeln kann.

Hank Williams wird dafür verweiblicht, „Ramblin’ (Wo)Man“ knurrt Cat Power. Und wenn sie ihr Album mit der weiblichen Dreifaltigkeit beschließt, mit Janis Joplin, Billie Holiday und Joni Mitchell – mit drei Songs, die älter als Chan Marshall selber sind, wird die Geschlechterfrage noch einmal geklärt. Aber nur nebenbei.