Konzert

George Michael macht O2-World zur Lounge-Bar

Man musste schon ziemlich abgebrüht sein, um beim Auftritt von George Michael in Berlin keine Gänsehaut zu bekommen. Ein Popkonzert und schmusiger Barabend die Harfe, Kontrabässen, Geigen. Dazu diese ungeheuerliche Stimme, die offenbart, warum Superstars so eine knappe Ressource sind.

Foto: AFP

Am Schluss geht es richtig los. Das Publikum hat kurz vor der Zugabe seine Plätze verlassen und ist Richtung Bühne geströmt. Schlussletztendlich wird es so doch noch zu einem Popkonzert und ist nicht nur ein schmusiger Barabend in der ausverkaufter O2 World. George Michael bietet in diesen Minuten das, was er am Anfang des Konzerts versprochen hat: „Ihr werdet auch Songs zum Mitsingen bekommen“. Und so tanzen 11.000 Zuschauer ausgelassen, fast wie befreit nach dem langem Sitzen auf den Klappstühlen, zu seinen Klassikern „I’m your man“ und „Freedom“, der Hymne für alle Frisch-Geschiedenen.

Keiner kann sich beschweren. Angekündigt war im Rahmen seiner Tour durch Europa ein Konzert namens „Symphonica“ mit einem Sinfonieorchester, deren Musiker sich auf die Harfe, Kontrabässen, Geigen und einem Piano verteilten. Da kann man kein Spektakel erwarten. Der rote Vorhang lüftet sich, mit den ruhigen Takten von „Through“ beginnt die Show und gibt die Tonlage des Abends vor: Pathos und Wärme. Die Bühne ist zumeist erstrahlt in kuschelig roten oder orangen Licht und gibt der Mehrzweckhalle, das muss man auch erst einmal schaffen, ein klein wenig - in den verträumten Momenten - die Atmosphäre einer Lounge-Bar. Vorne swingt der Engländer nach „My baby just cares form me“ oder „Brother can you spare a dime“, einem Broadway-Song aus der Großen Depression Anfang der dreißiger Jahre. Oder er sitzt auf dem Barhocker und singt sein neues Lied, sein einziges neues Lied, „Where I hope you are“ und der schönen Schnulze „A different corner“. Alles sehr gefühlig und ja: Auch kitschig. Aber man muss ziemlich abgebrüht sein, um bei den Zeilen „People, You can never change the way they feel” in „Kissing a fool“ keine Gänsehaut zu bekommen.

George Michael ist einer der sehr wenigen Sänger, dessen Stimme auf der Bühne genau das hält, was sie auf CD verspricht. Da ist kein Kiekser, der da nicht hingehörte, kein Wackeln in der enormen, dieser ungeheuerlichen Stimme. Die Bewegungen, zwar eher sparsam, sind die eines Veteranen, der es vor dreißig Jahren gelernt hat, oben zu stehen und wenn er die Treppe heruntertänzelt, dann sitzt jeder Takt. Man erkennt in diesen Momenten, warum Superstars so eine knappe Ressource sind. Da vorne steht jemand, der hochprofessionell und konzentriert mit der Gabe einer perfekten Stimme sich gut 90 Minuten zu präsentieren weiß. So etwas erlebt man verdammt selten. Und dann ist es auch schon fast niedlich, wenn ausgerechnet Mr. Perfect eine Coverversion von Terence Trent D’Arby ankündigt und, nach kurzer Verwirrung im Orchester, eingestehen muss, dass er die Setlist durcheinandergebracht hat.

Und so konnte man in der Veranstaltung auch als weiteren Beleg für die Weisheit der ­ in diesem Fall: schwer begeisterten - Massen nehmen. Während George Michael in Interviews nach seinem Zwangs-Outing nahezu zwanghaft immer und immer wieder über seine Homosexualität redet oder sich auf recht infantile Weise über George W. Bush und Tony Blair lustig machte und sich viele Medien, genauso zwanghaft, mit seinem Drogeneskapaden und diversen Schicksalsschlägen beschäftigt, ist dem Publikum der O2-World das ganze Tamtam um den Privatmann Georgios Kyriacos Panayiotou schnurz. Es schätzt den Ausnahmekünstler George Michael und sein Werk und singt bei Freedom lauthals mit „ Now I'm gonna get myself happy“.