Yahia Yaïch Amnesia

Jaibi prophezeit den arabischen Frühling

Die tunesische Revolte ist in Berlin angekommen: Bei den Berliner Festspielen lässt Regisseur Fadhel Jaibi Kanonenschläge auf das Publikum nieder hageln. Sein Stück "Yahia Yaïch Amnesia" gilt als Vorwegnahme der "Jasminrevolution".

Schauspieler schreiten langsam durch das sichtlich irritierte Publikum. Sie drehen sich zu jedem, starren ihm direkt mit wissenden Lächeln und traurigen Augen ins Gesicht, wenden den Blick erst ab, wenn es für beide qualvoll wird. Auf der Bühne warten die Tunesier dann lethargisch-gelangweilt, schlafen ein, schrecken plötzlich wie aus einem Alptraum auf und verfallen in konvulsivische Zuckungen, winden und wälzen sich, schreien lautlos mit grotesk verzerrtem Gesicht. Dann löst sich das Ensemble nacheinander im Dunkel der Bühne auf.

Was hier auf der Bühne der Berliner Festspiele zu sehen ist, ist die Krankheit eines ganzen Volkes - einer Gesellschaft im Zwischenzustand, die damals noch auf den Umbruch wartete, der jetzt mit voller Wucht eingetreten ist. Der tunesische Regisseur Fadhel Jaïbi nimmt in seinem Stück „Yahia Yaïch Amnesia“ hellsichtig die Ereignisse der „Jasminrevolution“ vorweg. Es feierte noch vor den Umstürzen in Tunesien Premiere. Zusammen mit seiner Frau, Autorin und Schauspielerin Jalila Baccar, zeichnet Jaïbi in dem Stück das Psychogramm eines abgesetzten Herrschers, der aus dem eigenen Land zu flüchten versucht, aber mangels eines Reisepasses dort gefangen bleibt. In einer Psychiatrie soll der streitbare Ex-Diktator schließlich kaltgestellt werden. Unterkühlte Ärzte und steriles Reinigungspersonal erfüllen dabei den intendierten Zweck. HerrscherfigurYahia erfährt das Ausmaß einer politischen Säuberung jetzt am eigenen Leibe.

Metapher des arabischen Frühlings

Auch das Publikum bekommt die Wucht der „Amnesia“ zu spüren. Jaïbi lässt aus dem Dunkeln heraus das Trommelfeuer eröffnen. Kanonenschläge prasseln in einer Klangserenade auf jeden nieder. Sie wirken durch die immense Lautstärke körperlich. Direkt wird der Zuschauer in die Szene der Flüchtenden gezogen, die über die leere Bühne um ihr Leben rennen. Eine süßliche Melodie des Kitsches schiebt sich plötzlich dazwischen und verschmilzt mit den hämmernden Geräuschen des Krieges. „Happy birthday to you“ säuselt da eine Stimme und das Volk folgt und hebt an zur Feier des Despoten, hält nach der Hatz inne und prostet Yahia zu. „Wie spät ist es?“ fragt dieser doppeldeutig.

Dann erwacht die Popkultur. Ein Mix aus traditioneller arabischer Musik und Technobeats erklingt und das Volk verfällt erneut in kollektive Epilepsie. Dasselbe Szenario wiederholt sich am Ende des Stücks und verdeutlicht Jaïbis Diagnose des tunesischen Ist-Zustands. Nach den Umstürzen und Aufständen in Ägypten, Syrien, Libyen, Jemen und Bahrain wurde sie zur Parabel des arabischen Frühlings.

Jaibi diagnostiziert den tunesischen Ist-Zustand

„Das Geld in der Hand der Inkompetentesten. Das Gericht in der Hand der Idiotischsten. Und das Wissen bei den Ignorantesten. Warum glaubt die Jugend an nichts mehr, weder an das Denken noch an die Kunst? Weder an die Moral noch an heilige Werte? Es gibt nur noch Fußball und Fernsehen und Disco“, fragt, klagt und prangert der tunesische Regisseur im Namen aller Betroffenen aus dem Nahen und Mittleren Osten an.

Die Stimme der „Jasminrevolution“ zählte unter Ben Ali jedoch zu den exponierten Künstlerpersönlichkeiten des Landes. Jaïbis Stück zu Yahia Yaïch war zwar vor der Premiere von Zensur bedroht gewesen, konnte aber schließlich doch und sogar in Tunis aufgeführt werden. Jaibi erzählt, dass die Regierung immer um seine Stimme geworben hätte - freilich um sie für eigene Zwecke zu benutzen. „Bekommen haben sie sie aber nie richtig“, sagt er.

Auch die Übergangsregierung beging denselben Fehler. Jalila Baccar erhielt das Angebot, in der Übergangsregierung Kulturministerin zu werden. Die Regisseurin lehnte dankend ab. Sie und Jaïbi würden vielmehr als das gebraucht werden, was sie ohnehin schon seien: eine Gegenmacht, die durch die Kunst wirksam werde. Das nächste Stück des Regieduos wird von der Zeit nach Ben Ali handeln. Sie wollen es mit Jugendlichen zusammen erarbeiten, auch mit Menschen von der Straße. Es soll eine Komödie werden.