Retrospektive

Lars von Trier spielt die "Persona non grata"

Bei der Eröffnung seiner Retrospektive dreht Lars von Trier im Babylon Berlin richtig auf. Barack Obama, Wolfgang und Richard Wagner, Frauen an sich und seine Mutter beleidigt der düstere Däne in gewohnter Manier. Sein ganzer Stolz: Er ist endlich eine "Persona non grata".

Auf den Plakaten und Programmheften des Babylon zur Retrospektive von Lars von Triers Werken prangt ein König. Auf einem schweren Sessel logiert er, sein Blick ist ernst, zielgerichtet, geht nachdenklich in die Ferne. Zu seinen Füßen liegt ein toter Rabe als Insignie. Jedem wird bei Betrachtung des Bildes klar, dass es ein außergewöhnlicher Anlass ist, zu dem das Babylon Kino am Sonnabend geladen hat. Alle Kinofilme, auch "Medea", zwei Kurzfilme und seine Fernseharbeiten werden bis 24. September zu Ehren des Regiekünstlers gezeigt. Der hatte sich nach dem Cannes-Eklat noch rarer als sonst schon gemacht und bewusst Pressekonferenzen gemieden. Umso erstaunlicher, dass er dann doch am Samstag Berlin beehrt: Lars von Trier ist tatsächlich gekommen und gibt eine exklusive Audienz.

Maulwurf und Majestät in Einem

Im Babylon wartet das Moderatorentrio Friedemann Beyer, Timothy Grossmann und Hanns-Georg Rodek auf den großen Gast. Plötzlich taucht von unten aus dem Treppenaufgang ein Kopf auf und schnellt beim Anblick der Menschenmasse sofort wieder zurück. Dann lugt ein bebrilltes Augenpaar, das vorsichtig nach links und rechts schielt, hervor. Keine Königsgestalt kommt da die Treppe empor geschritten, sondern ein verschreckter Maulwurf, der aus dem Untergrund gerissen worden scheint, tapst etwas gequält und desorientiert ans Licht.

Auf seinem Stuhl nimmt er die majestätische Pose wie auf dem Plakat ein, wirkt dabei aber noch wenig gefestigt, stammelt zur Begrüßung, er sei überwältigt hier zu sein, aber er hätte nicht kommen sollen. Als das erste Lacher erntet, wird ihm seine Position schnell wieder klar. Majestätisch erhebt er das Wort und berichtet mit einem maliziösen Lächeln von seinem letzten Deutschlandbesuch: "Das letzte Mal, als ich in Berlin war, habe ich auf den Teppich im Adlon gekotzt. Es war ein sehr weißer Teppich, die Reinigung war teuer." Jetzt hat er in seine Rolle gefunden: Das enfant terrible der Filmemacher begrüßt Berlin auf seine persönliche Weise.

Von Trier beleidigt in gewohnter Manier

Die Liste der von Majestät Geschassten ist lang. "Böse Dinge kommen aus Amerika. Außer von Donald Duck. Wenn Barack Obama über die großartigste Nation der Welt` spricht, dann muss ich kotzen.", ätzt von Trier in bekannter Manier. Hoffentlich nicht wieder auf den Teppich im Adlon. Auch Wolfgang Wagner sowie Großmeister Wagner selbst - "er war so ein Arschloch, aber interessante Musik" - werden von ihm abgestraft. Zu seinem Ring-Inszenierungsversuch lässt er verlauten: "Ich wollte es auf die alte Art machen, so wie Wagner es geschrieben hat, aber für Wolfgang Wagner war das Skript ent-art-et. Ich war also zu ent-art-et und zu ehrgeizig für den Ring." Er habe aber auch Spaß in Bayreuth gehabt.

Obama, die Wagners - Lars von Trier sucht nach einer Beleidigungshybris und das funktioniert in allen Kulturen durch die Beschimpfung der Mutter. "Ich gebe der Schlampe viel zu viel Kreativität.", erklärt er, "sie kontrolliert mein Leben von ihrem Grab aus." Von Triers Rache ist perfide. Die Mutter wollte nie den Nachnamen des Vaters annehmen. Von Trier ließ sie 20 Jahre unter genau diesem Namen unter der Erde. "Sie hätte das gehasst", freut er sich. Dann würzt er seine Schimpfserenade noch mit einer Portion Cannes. Wie stolz er und seine Familie doch auf seine neueste Auszeichnung wären: Persona non grata. Das könne nicht jeder gewinnen. "So habe ich mich eigentlich schon immer gefühlt.", erklärt er und führt dabei ganz unbewusst die Hand aufs Herz.

Er erläutert das Prinzip der Provokation. "Ich schreibe Skripte die komplett übertreiben. Dabei frage ich mich: Wie weit kann ich gehen und wie weit kann ich mit dem Publikum gehen? Die besten Filme sind die in denen du lebst und dich einen Tag später fragst: Was zum Teufel war das?"

"Ich habe mich selbst jetzt lang genug gespielt"

Für ihn ist Provokation etwas Produktives. Sie wecke die Menschen auf, zeige alle Meinungen. Er liebe gerade Filme bei denen er nicht einverstanden sei. Grenzgänger ist er mit seiner ganz eigenen Theatralik schon lange, seine Filme experimentieren geradezu mit der Realität, wie beispielsweise "Idioten". "Die Filme davor waren zu leicht", bemängelt er, "ich wollte Härte dazu geben, Dogmen kreieren, die es einem nicht einfach machen."

Nicht einfach hat es auch das Volk, als seine Majestät die Audienz erlaubt. Lars von Trier beantwortet die erste Publikumsfrage zu seiner spirituellen Beziehung zu Frauen schüchtern stammelnd: "Ich mag Frauen wirklich, ich sag's aber keinem." Er blickt auf seine Beobachter, sie scheinen ihn nett zu finden, alle lächeln. Das gefällt ihm nicht. "Spirituell muss man nur sein, um den Schwanz rein zu kriegen.", platzt es touretteartig hervor. Die Kinnladen fallen wieder und der König ist zufrieden. Gegen Schluss winkt er ab, ist den Fragen überdrüssig und erklärt augenzwinkernd: "Ich habe mich selbst jetzt lang genug gespielt." Falls der Maulwurf auch zu seinem Repertoire gehört, ist er wirklich gut.