Filmporträt

Flake - der Narr von Rammstein

Christian "Flake" Lorenz spielt bei Rammstein das Sorgenkind. Jemand, der nie erwachsen werden durfte unter den großen, starken Männern. Jetzt widmet ihm die Regisseurin Annekatrin Hendel das Film-Porträt "Mein Leben".

Foto: Jakob Hoff

Wenn Flake auf der Bühne steht, mit seiner Rockband Rammstein, wirkt er wie ein Schuljunge. In kurzen Hosen lässt er sich ins Schlauchboot stoßen und über die Arme der Besucher strudeln. Er springt in den Kochtopf, wo Till Lindemann, der muskulöse Sänger, ihn mit Flammenwerfern gart. Während die Band mit heiligem Ernst ihren Teutonenrock in Szene setzt, steht Flake dünnbeinig an wackeligen Tasteninstrumenten und spielt fiepende Melodien. Er bestaunt die brüllenden Kollegen und die rasende Masse durch seine beschlagene Brille. Flake spielt den Laufbuschen bei Rammstein und das Sorgenkind. Ein 44-jähriger, der nie erwachsen werden durfte unter großen, starken Männern.

Wer ihn aus der Nähe und im Alltag trifft, begegnet einem schmächtigen Mann, der älter wirkt als 44. Er ist ein zufriedener Musiker mit zwei Biografien, einer vor und einer nach der Wende 1989/90. Deshalb widmet ihm die Regisseurin Annekatrin Hendel das Porträt "Mein Leben", das in Programmkinos gezeigt wird und am Sonntagnachmittag auf Arte läuft.

Abwendung vom Staat

Christian "Flake" Lorenz wuchs in Ost-Berlin auf, im Prenzlauer Berg der siebziger und achtziger Jahre. Er war 23, als die Mauer fiel. Weil er damals bekannt war durch die Punkband Feeling B, wurde er schon in jungen Jahren zur historischen Figur. Die DDR verschwand in DDR-Museen. Feeling B verloren ihre Existenzgrundlage: einen Staat, der wie geschaffen war für Bohemiens und Aussteiger, die unpolitisch waren und nichts Ordentliches werden wollten. "Wir woll'n immer artig sein", krakeelten Feeling B. Sie kamen aus mit wenig Geld. "Ein Spielzeugland", sagt Flake. Er berlinert eine Welt herbei, die in der heutigen Aufarbeitungs-DDR nicht vorkommt. Ohne Angst und Mangelklagen, finstere Verliese, bärtige Systemgegner und ölige Parteistrategen. Es ist eine Welt, in der sich 14-Jährige vom Staat abwenden, ohne ihn zu hassen. Ihre älteren Brüder sind als Punks noch von der Straße weg verhaftet oder zum Armeedienst einberufen worden.

Feeling B werden als Punkband amtlich anerkannt, sie dürfen in den Jugendklubs der FDJ auftreten und sogar ein Album machen. Andererseits leben sie in besetzten Häusern und fahren im Kleinbus durch die DDR wie Hippies. Man sieht Flake in "Mein Leben" über Ostseestrände tanzen und als Nerd in Schulturnhallen und auf Mittelaltermärkten musizieren. Man muss ihn sich dabei als glücklichen Ostmenschen vorstellen.

Im Film taucht auch Aljoscha Rompe in Archivaufnahmen auf, der Anführer von Feeling B. Der Sänger war 2000 in einem Berliner Wohnwagen gestorben, er war 53 und hatte bereits im Punk der DDR als alter Mann gegolten. Dass er regelmäßig in den Westen reisen durfte, wird im Film erwähnt, nur nicht warum: weil Rompe einen Schweizer Pass besaß durch seinen Vater, einen in der DDR tätigen Physiker und Nationalpreisträger, der als Schutzheiliger auch über der Punkband des missratenen Sohnes schwebte. Rompe stellte die Versorgung seiner Gruppe sicher. "Und er hat uns einen Riesengefallen getan, indem er uns glaubwürdig davon abraten konnte, in den Westen zu gehen wie es unter Halbuntergrundmusikern damals üblich war. Ihm selbst ging es im Osten prächtig. Und er wusste, dass der Westen uns erledigt hätte", erklärt Flake.

Auch die Stasi ist im Film kein Thema. Was ein wenig schade ist, weil der monströse Apparat in der Musikszene der späten Achtziger auch lächerliche Züge offenbarte. Flake gründete die Magdalene-Keibel-Combo und die Spitzel hielten sie für eine Mädchenband (die Polizei saß in der Keibel- und die Stasi in den Magdalenenstraße). Eine weitere Band, bei der sich Flake an die Keyboards stellte, nannte sich Die Firma, weil zwei ihrer Mitglieder gezwungen worden waren, für die Stasi (Volksmund: Firma) zu berichten. Der Verpflichtung kamen sie kaum nach.

Flake lenkt seinen Mercedes durch das heutige Prenzlauer Berg. Er fremdelt mit den frohen Farben und den freundlichen Familien. 1990 sei ein Bruch gewesen, sagt er. Neues Geld und neue Spielregeln. Man kellnerte in Kellerkneipen und verlor sein Geld durch Kettenbriefe. Aus besetzten Häusern wurden Zwischennutzungen, und Punks wurden zu ABM-Kräften, die Formulare ausfüllten, das Tacheles entkernten und in Galerien die Gemälde ehemaliger Punks bewachten.

Hauptberuflich Hausbesetzer

Rammstein war die Gründung eines eigenen Unternehmens unter den veränderten Bedingungen. Der Kern der Band stammte von Feeling B, Aljoscha Rompe wurde hautberuflich Hausbesetzer. Bei den Proben wurde nüchtern musiziert und nicht besinnungslos getrunken. Deutsche Sekundärtugenden wurden grimmig hochgehalten. Nebenbei wurde gehantelt, um das Kapital der Körper zu veredeln. Außer Flake, der ging laufen. Rammstein schmiedeten sich ihr Konzept, Till Lindemann besuchte eine Fortbildung als Brandmeister. So harmlos Feeling B im Osten aufgetreten waren, so gefährlich stellen Rammstein sich seit 1994 in den Westwind. Flake spielt den Narren auf der Bühne und privat einen Ostalgiker in eigener Sache.

Mit den Jahren haben Rammstein auch die Spaltung überwunden: Anfangs war der Westen überfordert mit der Leni-Riefenstahl-Ästhetik und der Programmatik, die in ihrer Strenge eher auf Popkonzepte aus dem Westen hinwies als auf den betulicheren Ostrock. Vorwürfe wurden erhoben; Rammstein, hieß es, wilderten am rechten Rand. "Das war ein Schock", sagt Flake. "Aber wir waren sehr unbeholfen damals mit den Medien. Da tappt man in jedes Fettnäpfchen. Wir wollten ja nur anders sein als alles anderen." Im Film treten sie im Advent 2010 in ausverkauften Madison Square Garden von New York auf. Flake wird wieder geröstet von Till Lindemann. Dann raucht er auf einem Balkon des Chelsea Hotels, wo bereits Sid Vicious, Jimi Hendrix, Patti Smith geraucht haben, und hier hat Flake dieses zweite Leben also hingeführt, als Zugabe.

Da fährt er durch Berlin in edlen Oldtimern, die er aus einem Depot in Moabit vermietet, zu Studentenpreisen. Manchmal reitet er auf einem krummen Pferd durch Brandenburg, das auf den Schlachthof sollte und jetzt seinen Lebensabend fristet mit dem Geld von Rammstein.

Flake - Mein Leben von Annekatrin Hendel. 4.9. um 16.30 Uhr auf Arte