Wilder Westen

Wie man Billy the Kid seine Morde andichtete

Er ist der populärste Gesetzlose des Wilden Westens: Doch von den 21 Morden die Billy the Kid begangen haben soll, kann man gerade mal vier nachweisen. Zahlreiche Anekdoten über ihn sind schlicht Legenden. Vor 150 Jahren wurde Billy the Kid geboren. Aber selbst dieses Datum ist mehr als zweifelhaft.

Der Wilde Westen der USA war eigentlich ein wilder Süden. In Texas, New Mexico und Arizona ritt, raubte und tötete die große Mehrheit der Männer, die der Historiker Bill O'Neal in seinem Standardwerk "Billy the Kid und seine Brüder. Alle Revolverhelden des Wilden Westens" gezählt hat.

Die Hauptgründe dafür sind die nahe mexikanische Grenze, über die man sich leicht dem Arm des Gesetzes entziehen konnte, und die massenhafte soziale Entwurzelung in Folge des Bürgerkriegs 1861-65. Wer von dessen Schlachtfeldern zurückkehrte, hatte oft nichts anderes gelernt, als zu töten, und kam in eine zusammengebrochene Südstaaten-Gesellschaft und ein wildes Grenzland, wo friedlichere Fähigkeiten oft gar nicht gefragt waren.

Zwar war Billy the Kid, der möglicherweise vor 150 Jahren geboren wurde, noch ein Kind, als der Bürgerkrieg 1865 zu Ende ging, aber viele seiner älteren Freunde und Gegner hatten daran teilgenommen, und sie machten einfach weiter mit dem, was sie konnten: Krieg führen.

Im so genannten "Lincoln County War" zwischen rivalisierenden Grundbesitzern und deren brutalem Personal hat William Henry McCarty (so hieß Billy the Kid vermutlich mit richtigem Name) die meisten seiner Opfer erschossen. Er stand dabei auf Seiten der Verlierer: Sein erster Boss, der englische Rancher John Tunstall wurde in einen Hinterhalt gelockt und ermordet, sein zweiter Anführer, der Anwalt Alexander McSween, von Kugeln durchsiebt, als er lediglich mit einer Bibel vor der Brust aus dem Haus trat, das seit fünf Tagen von einer gegnerischen Truppe belagert wurde.

Das war 1878. In den drei Jahren, die ihm danach noch zu leben blieben, war Billy vor allem damit beschäftigt, vor dem Gesetz zu fliehen. Wobei das "Gesetz" in diesen Zeiten meist nicht als anderes war, als durch Metallsterne legitimierte Verbrecher: Der Sheriff William Brady, den Billy zusammen mit anderen Männern erschoss, war zuvor an der Ermordung Tunstalls beteiligt.

Dementiert werden muss allerdings, die durch Sam Peckingpahs grandiosen Western "Pat Garrett jagt Billy the Kid" propagierte Legende, auch Garrett, der Billy am 14. Juli 1891 ohne Vorwarnung aus einem dunklen Zimmer heraus abknallte, sei nur ein Halunke gewesen, der rechtzeitig die Seiten wechselte.

Garrett kannte zwar Billy flüchtig aus alten Zeiten, doch hatte der ältere Mann danach eine einigermaßen seriöse Karriere als Gesetzeshüter begonnen. Diese endete erst, als Garrett von der Republikanischen Partei nach dem Tod Billys nicht zur Wiederwahl fürs Amt des Sheriffs von Lincoln County nominiert wurde. Denn Billy war im Staat New Mexico sehr populär gewesen, und deshalb galt Garrett bei den opportunistischen Politikern plötzlich als Wählerschreck.

Um sich vom Ruch des hinterhältigen Volksheldenschlächters rein zu waschen, schrieb Garrett mit dem Journalisten Ash Upton das erste Buch über Billy the Kid. Es trug den schönen Titel "The Authentic Life of Billy the Kid, the Noted Desperado of the Southwest, whose Deeds of Daring and Blood Have Made His Name a Terror in New Mexico, Arizona and Northern Mexico" und katapultierte den bis dahin nur in der Provinz bekannten Toten in die Unsterblichkeit.

Upton und Garrett dichteten Billy the Kid 21 Morde an weißen Männern an, sowie zahlreiche getötete Schwarze, Mexikaner und Indianer, die nicht richtig zählten. Damit wäre Billy so etwas wie der blutige Rekordhalter des Wilden Westens gewesen, weit vor Kollegen wie Jim "Killer" Miller (12 Morde), John Wesley Hardin und Bill Longley (je 11 Morde).

Doch die Zahl 21 ist märchenhaft. Erwiesen sind nur vier Morde Billys: Zwei Männer erschoss er in Notwehr und zwei bei einem Gefängnisausbruch. Auf fünf weitere ballerte er in wilden Schießereien. Vielleicht hat er sie auf dem Gewissen, vielleicht auch nicht.

Sogar Billys Geburtstag, den wir heute begehen, ist wahrscheinlich eine Erfindung von Garrett und Upton. Ihr Buch ist die einzige Quelle für dieses Datum. Aber nie hat sich in New York, wo Billy angeblich geboren sein soll, ein amtliches Schriftstück gefunden, dass die Geburt eines William Henry McCarty, William Bonney oder Henry Antrim - so weitere Namen, unter denen er auftrat - belegt.

Dafür ist der 23. November der Geburtstag des Journalisten Upton. Und für das Geburtsjahr 1859 haben sich die beiden Autoren wohl nur deshalb entschieden, weil Billy dann zum Zeitpunkt seines Todes schon 21 gewesen wäre. Das korrespondiert erstens schön mit der Zahl seiner angeblichen Mordopfer, und zweitens hätte Garrett dann wenigstens keinen Minderjährigen erschossen.

Dagegen erzählten Billys Jugendfreunde aus der Stadt Silver City, sie hätten ihn 1873 als Zwölfjährigen getroffen. Seine Mitstreiter im "Lincoln County War" George und Frank Coe meinten, er sei 1878 17 Jahre alt gewesen. Und seine Freundin Lily Casey behauptete, sie habe ihn 1877 als knapp Sechzehnjährigen kennengelernt. Also müsste er 1860 oder 1861 geboren sein.

Unklarer Hintergrund

Genauso unklar ist Billys nationaler Hintergrund. Garrett und Upton bezeichnen seine 1874 gestorbene Mutter Catherine McCarty, verwitwete Mrs. Bonney, wiederverheiratete Mrs. Antrim, als Irin. Aber neuerdings behauptet der Historiker Herman P. Weisner, der Kid sei teilweise hispanischer Abkunft gewesen. Das würde erklären, warum er fließend spanisch sprach.

Mythen über Mythen. Zu den hartnäckigsten gehört die Legende vom Linkshänder Billy. Darauf spielt noch Michael Ondaatje (später weltberühmt als Autor von "Der Englische Patient") an, der 1970 einen Roman mit dem Titel "The Collected Works of Billy the Kid. Left Handed Poems" veröffentlichte. In Wahrheit wurde nur das einzige überlieferte Foto Billys lange seitenverkehrt gedruckt.

Als Ondaatje sein Buch schrieb, war Billy auf der Höhe seines Nachruhmes. Niemand, nicht einmal Jesse James, entsprach so sehr den Identifikationsbedürfnissen der Hippiejugend wie dieser Teenager, von dem alle sagen, er sei von großem persönlichem Charme gewesen.

Der junge Sänger Kris Kristofferson, der ihn 1973 in Peckinpahs Film spielte, war eine Idealbesetzung. Bereits den Zeitgenossen galt der Kid ja als eine Art Robin Hood, der nur um der Gerechtigkeit willen tötete. Ondaatje machte Billy sogar zum Dichter, einer Art Lord Byron des Westens.

Sicher ist nur, dass er im Gegensatz zu den meisten seines Standes schreiben konnte: Billys Briefe an den texanischen Gouverneur Lew Wallace (übrigens der Autor von "Ben Hur"), mit dem er über eine Begnadigung verhandelte, sind eloquent, und seine Schrift ist so schön, dass man davon träumen darf, was dieser Jüngling vielleicht hätte werden können, wenn er nicht frühzeitig elternlos in eine gewalttätige, rohe und unzivilisierte Welt geschleudert worden wäre.