Festival

"Über Lebenskunst" – Ideen für die Welt-Rettung

Alles Bio: Das Berliner Festival "Über Lebenskunst" sucht nach Nachhaltigkeit im Alltag und findet Banalitäten in der Kunst.

Ei, was sind denn das für Klänge, die da vom Haus der Kulturen der Welt (HKW) durch den Tiergarten wehen? Haben die dort genug von karibischen Trommlern mit Rasta-Locken und gönnen sich jetzt richtige Blasmusik zum Bier?

Die Blechtöne werden von vier uniformierten Herren erzeugt, dem Bläserquartett des Bundespolizeiorchesters. Das ist ungewöhnlich an einem Ort, an dem man sich sonst bis zur Erschöpfung anstrengt, nur ja nicht bodenständig, volkstümlich oder gar irgendwie heimatverbunden zu sein. Das HKW gilt als Zitadelle der globalen Laptop-Nomaden. Nun also Blasmusik.

Polizeibläser und Percussion-Band

Das Festival "Über Lebenskunst" widmet sich der Frage, was der Einzelne angesichts der drohenden Klimakatastrophe und Ressourcenerschöpfung tun kann, um sein Leben mit den Prinzipien der Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen.

Bis zum Abend des 21. August 2011, kann der Besucher sich diesem Thema praktisch und sinnlich nähern. Es findet zwar auch eine Konferenz statt, aber die Theorie führt bei dieser Veranstaltung angenehmerweise einmal nicht das große Wort.

Getrommelt wird dann doch noch bei der Eröffnungsveranstaltung am vergangenen Mittwoch. Aber die Polizeibläser vereinigen sich hier mit der Percussion-Band "Foriosa" zu gemeinsamer Improvisation, was dann wirklich zu einem eindrücklichen musikalischen Zeichen dafür wird, dass das Haus weit offen ist.

Global vernetzte Eröffnungsfeier

Der Hausherr, Bernd Scherer, spricht darüber, wie wichtig es sei, das "Weiter so" der Wachstumsideologie zu unterbrechen und sich in der Lebenskunst des Verzichts und der Selbstbeschränkung zu üben – spielerisch erst einmal in diesen vier Tagen.

Hortensia Völckers, die Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, sagt etwas Ähnliches, wie auch ein elfjähriger Schüler, der als Aktivist vorgestellt wird, und eine junge Studentin.

Dazwischen jagt die Moderatorin Andrea Thilo in ihrem knallroten Hosenanzug über die Bühne, schnellt wie ein Springteufel immer wieder in Alarmposition und kräht, dass etwas getan werden müsse.

Man hat auch schon etwas getan. Man hat Flugtickets gespart und den CO2-Ausstoß des Festivals klein gehalten, indem man nur wenige internationale Gäste physisch nach Berlin holte. Trotzdem ist man natürlich global vernetzt. In Sao Paulo, Sankt Petersburg, Nairobi und Neu Delhi sitzen Kuratoren, die am Festivalgeschehen via Lifeschaltung teilnehmen.

Trinkbecher des Berlin Marathons

Das Festival ist nur der Schlusspunkt einer langen Vorarbeit. Der Vorwurf, hier würde nur gequatscht, trifft nicht. Es wurde gezimmert, getüftelt, gesammelt, gekocht und geschlachtet. Im Foyer der Kongresshalle stehen Holzhäuser unterschiedlichen Typs, gebaut aus märkischer Kiefer vom Berliner Büro Fat Koehl Architekten.

Sie sind zur Weiterbenutzung gedacht. Nächster Nutzer wird das Hebbel-Theater sein. Eine Künstlergruppe hat eine Filteranlage gebaut, die Spree- in Trinkwasser verwandelt. Der Treppenaufgang zur Terrasse hat ein Plastikdach, das aus weggeworfenen Trinkbechern des letzten Berlin Marathons besteht. Salat-Aquakulturen ziehen als schwimmende Minigärten das Interesse rohkostaffiner Damen auf sich.

Am eindrücklichsten wird die Idee des Festivals vielleicht an dem Projekt "Vorratskammer" des Künstlerinnenkollektives " MyVillages.org " sichtbar. Ein Jahr lang haben die Künstlerinnen Lebensmittelvorräte angelegt und dafür in Berlin und im näheren Umland – regional sollte die Versorgung sein – Partner gesucht und gewonnen.

Das Projekt "Vorratskammer"

Ein Kalb wurde geschlachtet, die Milch seiner Mutter zu Käse verarbeitet. Wie die zwei Sattelschweine der Domäne Dahlem, die gegrillt den Festivalbesucher sättigen, musste es zum Schlachten ziemlich weit nach Brandenburg hinaus gekarrt werden, weil es in Berlin keinen Schlachthof mehr gibt, was eine der Absurditäten ist, auf die man stößt, wenn man sich aus dem näheren Umland ernähren will.

Den Leinsamen für das Leinöl, das zu Kartoffeln und Quark gehört, bauten die Künstlerinnen selbst an. Zwei Berliner Wildschweine sind in Einweckgläsern konserviert. Eingemachtes spielt überhaupt eine große Rolle in der Vorratskammer.

Hier finden angeregte Gespräche statt über praktische Fragen des Einkaufens, Kochens und haltbar Machens, Generationengespräche, denn was die Jungen wieder entdecken, sind die Künste der Großmütter. Die Vorratskammer ist auch eine des Wissens.

Fische aus heimischen Gewässern

Wie weit lässt sich das Prinzip der Regionalität durchhalten? Die Künstlerinnen, die in die Rolle der Caterer geschlüpft sind, bieten nur brandenburgischen Wein an, den es bekanntlich nur in geringen Mengen gibt.

100 Flaschen werden ausgeschenkt. Danach ist er eben alle. Bier aus dem Wedding fließt reichlicher. Doch der Hopfen dafür stammt natürlich nicht aus Brandenburg. Wer Sushi essen will, setzt sich an eine Tafel, auf der kleine Schiffchen auf einer Wasserbahn schwimmen.

Das Sushi stammt von Schleie, Zander, Forelle und Aal aus Berliner und brandenburgischen Gewässern, auch Reh aus der Uckermark kann verkostet werden. Wenige essen, viele schauen zu. Knappheit und Lebenskunst werden in Zukunft innig miteinander zu tun haben.

Die Kunst läuft eher hinterher

Man kann also ein paar interessante, lehrreiche Stunden verleben hinter dem Kanzleramt an der Spree. Es ist auch ein ungemein beruhigendes Gefühl, dass es so viele junge Menschen gibt, die sich so viele Gedanken machen über das richtige Leben.

Was den Ertrag dieser Veranstaltung für die praktische Lebenskunst angeht, fragt man sich doch, ob man nicht besser eine Öko-Messe oder einen Wochenmarkt besucht hätte. Die Kunst, die sich auf diesem Festival ausgesprochen lebensnah und praktisch gibt, bleibt in ihrer Aussagekraft merkwürdig blass im Vergleich zu dem, was es an tatsächlicher Lebenskunst der Nachhaltigkeit schon gibt.

Wer etwa erst hier entdeckt, dass es in Berlin und Brandenburg regional erzeugte und regional vermarktete Lebensmittel gibt, muss die falschen Tomaten auf den Augen gehabt haben. Es ist auf diesem Gebiet der Überlebenskunst nicht die Kunst, die als Kundschafter voran schreitet und in die Zukunft leuchtet. Sie läuft eher hinterher.