Vergnügungspark

Was Hitler für den Flughafen Tempelhof plante

Einen Freizeitpark planen Architekten auf dem stillgelegten Berliner Flughafen Tempelhof. Neu ist das freilich nicht.

Foto: picture-alliance / IMAGNO/Austri / picture-alliance / IMAGNO/Austri/IMAGNO

Ausgerechnet der rot-rot Senat von Berlin vollzieht, was schon die Nazis mit dem Flughafen Tempelhof planten. Es ist wahrlich ein Treppenwitz der Stadtgeschichte: Klaus Wowereit setzt Ideen um, die Hitlers Leibarchitekt Albert Speer vor rund 70 Jahren erstmals formulierte. Das Problem war dasselbe wie heute: Was tun mit dem riesigen Areal in direkter Nähe zur Innenstadt, das man als Flugplatz nicht mehr brauchte? Entsprechend unterscheiden sich die Lösungsvorschläge, die jetzt sechs Architekturbüros vorgelegt haben, im Kern wenig von den Ideen des einstigen „Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt“.

Der künftige Flughafen-Terminal auf dem Tempelhofer Feld war gerade erst in den abschließenden Planungen, als Speer dessen Architekten Ernst Sagebiel am 19. September 1937 mit einer überraschenden Entscheidung konfrontiert: Tempelhof solle nur begrenzte Zeit der Flughafen der Reichshauptstadt sein – etwa für zehn Jahre nach der Fertigstellung. Danach sollte der Flugverkehr auf gleich vier andere Airports verlagert werden, je einen im Norden und im Süden sowie im Osten und im Westen der neu gestalteten Reichshauptstadt.

Für das damit frei werdende Areal, nicht weit von der vorgesehenen gigantischen Nord-Südachse und auf einer Höhe mit dem von Hitler persönlich konzipierten Triumphbogen, hatte Speer schon klare Vorstellungen: „Der Tempelhofer Flugplatz, zu sehr im Zentrum der neuen Stadtentwicklung gelegen, sollte stillgelegt und in einen Vergnügungspark nach dem Muster des Kopenhagener Tivoli verwandelt werden.“

Nichts anderen als einen „Volkspark Tempelhof“ hatte Albert Speer also im Sinn. Im Gegensatz zum Vorhaben des Wowereit-Senates stand für den NS-Architekten jedoch fest, wer das Areal betreiben sollte. In einem Brief der „Generalbauinspektion“ vom 17. September 1941, fast genau vier Jahre nach dem ersten Gespräch zwischen Speer und Sagebiel über das Thema, ist „Betreffend Freizeit-Festpark-Anlage“ zu lösen, dass die Deutsche Arbeitsfront“, die Einheits-„Gewerkschaft“ des Dritten Reiches, der Betreiber dieser Anlage sein sollte.

In einem weiteren Brief an Propagandaminister Joseph Goebbels, der zusätzlich als NSDAP-Gauleiter von Berlin der eigentlich starke Mann in der Reichshauptstadt war, schrieb Speer ein weiteres knappes Jahr später, der „jetzige Flughafen auf dem Tempelhofer Feld“ solle „zu einem späteren Zeitpunkt der Neugestaltung in einen großen Vergnügungspark verwandelt werden“.

Zu diesem Zeitpunkt, im August 1942, war Ernst Sagebiels neuer Terminal immer noch unvollendet, weil nur an „kriegswichtigen“ Gebäudeteilen weiter gebaut werden durfte. Der Flugverkehr wurde über das längst zu kleine erste Tempelhofer Flughafengebäude von 1926 abgewickelt. Dennoch schaute Speer bereits weit in die Zukunft und befand die noch nicht einmal in Betrieb gegangenen Hallen von Sagebiel gnädig für durchaus zukunftstauglich: „Die vorhandenen Gebäude sollen für die Zwecke des Vergnügungsparks verwandt werden.“

Wie Ernst Sagebiel auf die Entscheidung Speers reagierte, ist nicht bekannt. Da Architekten grundsätzlich in Generationen denken, dürfte ihm die Mitteilung kaum gefallen haben, dass der größte Bau seiner Karriere nur ein Jahrzehnt oder wenig mehr seinem eigentlichen Zweck dienen sollte. Gut möglich ist daher, dass sich Sagebiel im Stillen freute, als mit dem von Hitler begonnenen Zweiten Weltkrieg Stück für Stück die gewaltigen Umbaupläne begraben wurden. Als sein immer noch nicht vollständig fertiger Terminal am 1. Juli 1950 auch offiziell als West-Berlins Zivilflughafen in Betrieb ging, hatte Sagebiels Entwurf über Speers Vergnügungspark-Idee gesiegt.

Allerdings nur auf Zeit, denn zum 30. Oktober 2008 schloss der Senat den Flughafen Tempelhof, ohne eine konkrete Vorstellung für die künftige Nutzung zu haben. An seine Stelle und die des im Moment einzigen Berliner Flughafens Tegel soll im Frühjahr 2012 der stark erweiterte Airport BBI in Schönefeld treten. Er liegt, was nur ein historischer Zufall ist, gerade einmal zehn Kilometer östlich von Speers geplantem Süd-Airport.