Restaurierung eines Meisterwerks

"Wir beseitigen die Missgeschicke der Beatles"

Besser als die alten Platten? Allan Rouse und Steve Rooke haben das Werk der Beatles aufwendig restauriert. Bei ihrer Arbeit passten sie die neuen CD-Versionen den heutigen Hörgewohnheiten an. Auf Morgenpost Online erklären die Toningenieure, warum das unbedingt sein muss.

Foto: picture alliance / empics / picture alliance / empics/PA Wire

Morgenpost Online: Stehen Sie bereits unter Personenschutz?

Allan Rouse: Warum sollten wir? Wir haben nichts verbrochen. Wir bekamen von der Verwaltung der größten Popband aller Zeiten den Auftrag, deren Katalog für die Neuzeit bestmöglich klingen zu lassen.

Morgenpost Online: Das ewige Neuverwerten des Beatles-Katalogs ist für viele ein Verbrechen.

Rouse: Beschwerden bitte an Apple Corps Ltd, die Firma der Beatles, nicht an uns. Aber ich kann potenzielle Nörgler beruhigen, denn wir haben keinen einzigen Song der Beatles neu abgemischt. Wir lassen die Beatles lediglich so klingen, wie man sie immer wahrgenommen hat, nur besser denn je.

Steve Rooke: Wir haben mit den Remasters die Möglichkeit geschaffen, die Alben der Beatles mittels moderner Wiedergabe so hören zu können, wie sich die Vier seinerzeit selbst gehört haben.

Morgenpost Online: Das war bisher nicht möglich?

Rouse: Nein. Weil die Beatles in einer Dekade ihre Alben aufnahmen, als man vom standardisierten Mono- zum Stereosound wechselte. Die Vier waren an den Abmischungen ihrer eigenen Musik, abgesehen von den letzten beiden Alben, kollektiv beteiligt, und hörten ihre eigene Musik, bis einschließlich des so genannten „Weißen Albums“, in feinstem Mono.

Morgenpost Online: Weshalb gibt es dann neben der restaurierten Mono- auch wieder eine Stereo-Edition?

Rouse: Die Beatles waren nicht mehr zusammen, als Anfang der Siebzigerjahre der Stereomix sämtlicher Alben angefertigt wurde. Aber weil sich weder die Beatles selbst noch Abermillionen Käufer ihrer Platten über den Stereomix beklagten, gelten diese seither als die Abmischung ihrer Platten schlechthin. Die Mono-Box richtet sich klar an die Puristen, während der Großteil der Fans vermutlich zur Stereo-Box greifen wird.

Morgenpost Online: Wie viel Aufwand war nötig, um vier Jahrzehnte alte Tonbänder zu restaurieren?

Rouse: Jede Menge! Ein Team von sieben Technikern arbeitete vier Jahre lang hier in den Abbey-Road-Studios an dem Projekt, das ich leiten durfte. Ob es das Auffinden der bestklingenden Bandmaschinen, der bestmöglichen Analog-Digital-Wandler, das zigfache Testen der bisherigen Masters auf Fehler oder die Feinstimmung mit Equalizern oder das finale Erstellen von mehreren Remaster-Versionen der einzelnen Alben war – alles war unglaublich zeit- und energieaufwendig. Die Beatles brauchten acht Jahre zum Aufnehmen ihres gesamten Katalogs, wir brauchten vier Jahre um ihn restaurieren zu können.

Morgenpost Online: Warum haben Sie den Katalog nicht gleich im Remix aufgemotzt?

Rouse: Remixen ist immer nur als Alternative zu den Original-Masterbändern zu betrachten, nie als ihr Ersatz, denn mit einem Remix kann man zwar bestimmte Instrumente oder Stimmen wesentlich deutlicher in den Vordergrund pegeln. Man verändert damit aber gleichzeitig die Wahrnehmung eines Musikstücks. Und über welche Musik reden wir hier, bitteschön? Niemand hat so viele Platten verkauft wie die Beatles. Das Klangspektrum der Original-Mono- oder Stereo-Masterbänder hat sich in unser kollektives Menschheitsgedächtnis eingebrannt. Insofern wollten und mussten wir uns beim Remastern so exakt wie möglich an den Originalen orientieren, die überall auf der Welt zum Allgemeingut gehören.

Morgenpost Online: Wird die Wahrnehmung einer Tonaufnahme beim Remastern im Vergleich zum Remixen nicht auch verändert?

Rouse: Im Hinblick auf Zischgeräusche, ungenaues Editieren und andere technische Fehler, haben Sie Recht. Es herrschte in unserer Arbeitsgruppe allerdings Einigkeit darüber, dass wir keineswegs ins Spiel der Beatles eingreifen wollten. Ob es Ringos Pedal oder der knarrende Stuhl am Ende von „A Day In The Life“ war, dessen Geräusch jeder kennt und erwartet – all das sollte auf jeden Fall weiterhin hörbar bleiben. Alle anderen unglücklichen technischen Missgeschicke auf den ursprünglichen Bändern haben wir allerdings eliminiert.

Morgenpost Online: Wie haben Sie verhindert, dass die Beatles im Vergleich zu anderen heute restaurierten Aufnahmen weniger digital und eindimensional klingen?

Rooke: Die digital überarbeiteten Bänder wurden mir in hoch auflösenden Digitalformaten gegeben, die ich dann wiederum mit analogen Soundboards bearbeitete. Mein Hauptwerkzeug war die alte EMI-TG-Konsole, die uns fürs finale Equalizing am Idealsten erschien, weil wir die Ansichten vieler Beatles-Fans teilen, nach denen die Band am Besten auf ihren alten Vinylplatten klang. Mein Tontechniker und ich hörten uns die gereinigten, aber ansonsten unbearbeiteten Versionen der alten MasBänder an, hoben Bass oder Stimmen mittels Equalizern an und schnitten daraus neue Matrizen.

Morgenpost Online: Sie reden die ganze Zeit vom tontechnischen Verbessern des Katalogs, obwohl längst bekannt ist, dass modernes Remastern das Klangspektrum eines Tonerzeugnisses mittels Kompressoren massiv verflacht. Damit die jeweilige Aufnahme im Radio, im iPod und im Auto toll klingt. Haben Sie, ganz ehrlich, den Beatles-Katalog wirklich klanglich verbessert?

Rouse: Das ist vielleicht sogar der interessanteste Aspekt dieser Arbeit. Wir haben Kompressoren für die Stereo-Remasters eingesetzt, aber das sollte lieber mein Kollege erzählen.

Rooke: Die Diskussion, ob wir beim Remastern der Beatles Kompressoren einsetzen, wurde ganz zu Beginn des Arbeitsprozesses laut und heftig geführt. Letztlich mussten wir die neuen CD-Versionen den heutigen Hörgewohnheiten der breiten Masse anpassen, die vor allem alles unglaublich laut und weniger differenziert hören will. Wir haben die Kompressoren so subtil wie möglich genutzt, denn viele Leute kennen die Beatles-Platten im Originalsound in und auswendig. Wenn beim üblichen Remastern heute mit Acht-Dezibel-Kompressoren gearbeitet wird, haben wir höchstens vier Dezibel genutzt.

Morgenpost Online: Sind Kompressoren für geschulte Ohren wie Ihre nicht der Todesstoß für die Filigranarbeit, die Sie leisten?

Rouse: Tja, warum mögen die meisten Tontechniker wohl keine Kompressoren? Wir arbeiten den Erwartungen der Platten kaufenden Öffentlichkeit zu. Für die Mono-Remasters, die jetzt ebenfalls erhältlich sind, haben wir keinerlei Kompressionen vorgenommen. Letztlich haben die meisten Leute in England in erster Linie die Platten der Beatles in Mono gekauft, weil es einfach keine Anlage gab, mit denen man sie in Stereo abspielen konnte.

Morgenpost Online: Also bestünde das ideale Beatles-Box-Set der neuen Remasters aus Mono-CDs, zu denen sich lediglich „Abbey Road“ und „Let It Be“ als Stereo-Versionen gesellen?

Rouse: Ganz objektiv gesehen, ja. Die Beatles haben nicht nur Stunden damit verbracht, diese Mono-Versionen einzuspielen, sondern das Material auch zu remixen. Sie selbst haben ihre Alben in Mono gehört. Deswegen haben wir folgenden Kompromiss gewählt: Die Mono-Versionen sind für all jene neu gemastert wurden, die Kompressoren überhaupt nicht akzeptieren.

Morgenpost Online: Mussten Sie etwa testen, ob die Remasters im iPod gut klingen?

Rouse: Wir haben hier im Studio verschiedene Räume, in denen die Remasters über diverse Anlagen getestet wurden. Einige Leute nahmen auch CDs mit nach Hause, um sie über ihre Heimanlage zu testen. Aber unsere Remasters über einen iPod zu testen wäre, gelinde gesagt …

Morgenpost Online: … sinnlos gewesen?

Rouse: Ganz ehrlich, ja. Okay, ich zog mir die analog-digital-gewandelten Versionen auch auf meinen iPod, nutzte allerdings richtig teure Studiokopfhörer zum Überprüfen, und dabei konnte ich feststellen, dass beispielsweise die Bässe mehr Tiefe besaßen als vorher. Aber diese dummen, kleinen Ohrstecker, die Apple, also die Computerfirma, mitliefert, sind offen gesagt völliger Schrott.

Morgenpost Online: Deprimieren Sie moderne Hörgewohnheiten?

Rooke: Ja. Aber damit müssen wir leben und gleichzeitig müssen wir immer wieder versuchen, das Bestmögliche für alle Hörformate zu kreieren.

Rouse: Die Philosophie dieses Studios lautete immer, die bestmögliche Soundqualität zu schaffen, unabhängig davon, worüber die Musik letztlich gehört wird. Die Qualität unserer Arbeit nimmt schon ab, wenn die Aufnahmen dieses Gebäude verlassen. Denn kaum jemand hört die Alben so wie wir sie hier hören können, es sei denn, man investiert ein zehntausende Pfund in ein paar Lautsprecher.

Morgenpost Online: Auf der anderen Seite musste man den Beatles-Platten aber auch schon in ihren Urversionen attestieren, dass sie keinesfalls schlecht aufgenommen worden waren.

Rouse: Das ist einer der Gründe dafür, dass wir uns Remixen und vieles Andere sparen konnten. Wenn man sich die alten Originalbänder über unsere Anlage hier im Studio anhört, stellt man fest, dass man teilweise sogar auf Equalizer verzichtet hatte, weil es an den Aufnahmen einfach nichts zu verbessern gab.

Morgenpost Online: Trotzdem besitzen die meisten Instrumente in den Remasters jetzt eine viel deutlichere Abtrennung voneinander.

Rooke: Ich bin froh, dass Sie so was hören, denn damit haben wir uns beim Mastering lange beschäftigt. Durch ein bisschen mehr Equalizing konnten wir viele Spuren sehr viel präziser ins Gesamtklangbild holen.

Morgenpost Online: Haben sich Paul und Ringo während Ihrer Arbeit blicken lassen?

Rouse: Nein, und ich kann Ihnen auch sagen warum die nicht hier waren. Für den Monomix des „Sgt. Pepper“-Albums brauchten George Martin und Geoff Emrick ein paar Wochen, während sie für den Stereomix des Albums zwei Tage benötigten. Wir waren zwei Tage beschäftigt, um einen einzigen Song des Albums zu mastern. Paul und Ringo sind zwar auch nicht mehr die Jüngsten, aber die beiden hätten verständlicherweise nicht ihre kostbare Zeit damit vertrödelt, uns bei der langwierigen Fummelei zu beobachten, die wir für ihre Musik leisteten.

Morgenpost Online: Können Sie die Songs der Beatles eigentlich noch genießen?

Rouse: Ich arbeite seit 20 Jahren fast ausschließlich an der Pflege und Aufwertung der Beatles-Bänder, womit ich mehr Zeit mit ihrer Musik verbrachte als die Beatles selbst. Deren Songs sind, subjektiv und objektiv betrachtet, immer noch überwältigend. Aber ich glaube, dass keiner unserer Teams am Abend, auf dem Heimweg, eine Beatles-CD ins Auto schiebt.