"Wetten, dass..?"

Der aussichtlose Kampf des ZDF gegen den Niedergang

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Antje Hildebrandt

Der Kampf um junge Zuschauer ist für "Wetten, dass..?" nicht zu gewinnen. Riskantere Wetten sind keine Lösung im Quoten-Krieg.

Ein Wettkandidat, der nach einer Notoperation ins künstliche Koma versetzt wurde. Ein Programmschef, der sich beeilt, Nachbesserungen bei den Sicherheitsstandards für „Wetten, dass ...?“ anzukündigen. Und ein erschütteter, aber gefasster Moderator, der noch am späten Samstagabend eine Frage aufgeworfen hat, von der jetzt die Zukunft von Deutschlands beliebtester Unterhaltungsshow abhängen könnte: Hätte das ZDF das Unfallrisiko für die Wette eines Hobby-Stuntmans nicht besser einschätzen müssen? Und: Wie wolle man jetzt den Verdacht ausräumen, dass es keinen Zusammenhang zwischen der spektakulären Wette und dem Quotenduell gibt, das sich „Wetten, dass..?“ mit der zeitgleich gesendeten Casting-Show „Das Supertalent“ (RTL) liefert?

Das sind die Fakten, zwei Tage nach dem folgenschweren Unfall des Sportstudenten Samuel Koch in der jüngsten Ausgabe von „Wetten, dass..?“. Deutschlands beliebteste Unterhaltungssendung vorzeitig abgebrochen – zum ersten Mal in ihrer 29-jährigen Geschichte. Es war genau 20.39 Uhr, als der 23-jährige Freiburger bei dem Versuch, auf Stahlfedern im Salto über ein entgegenkommendes Auto zu springen, mit voller Wucht auf den Boden geprallt war.

Moderator Thomas Gottschalk sei erschüttert gewesen, habe aber souverän reagiert und angekündigt, dass er nicht weitermoderieren würde, solange nicht fest stehe, wie schwer sich der Kandidat verletzt habe, berichten Zuschauer, die die Show live in der Düsseldorfer Messehalle verfolgten. Einige Besucher seien vor Schreck kollabiert, doch Gottschalk sei es gelungen, die Zeit zu überbrücken, bis ZDF-Programmchef Thomas Bellut telefonisch das Signal zum Abbruch gegeben habe.

Konkurrent RTL hat von dieser Entscheidung profitiert. Während die Casting-Show „Das Supertalent“ 8,34 Millionen Zuschauer erreichte, waren es bei „Wetten, dass..?“ bis zum Abbruch der Sendung nur 8,13 Millionen Gesamtzuschauer. Zum ersten Mal in der Geschichte, das ist die bittere Pointe dieser Geschichte, hat RTL den ZDF-Klassiker damit überholt. In der von der Werbewirtschaft umgarnten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen ist das „Supertalent“ dagegen schon längst Marktführer.

Wurde Samuel Koch zum Opfer in diesem aberwitzigen Duell um die die Aufmerksamkeit der jungen Zuschauer, das damit begann, dass das ZDF seinem Publikumsliebling Thomas Gottschalk 2009 die jüngere Moderatorin Michelle Hunziker als Assistentin zur Seite stellte? Bislang wurden Fragen nach dem Sinn der Wetten und der Auswahl der Gäste nur von Medienkritikern thematisiert.

So sagt etwa der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz, es sei erbärmlich, wie das ZDF versuche, aus einer ehemals seriösen Unterhaltungsshow eine „Proletenshow“ à la RTL zu machen, um die Quote anzukurbeln. Ausgerechnet ein öffentlich-rechtlicher TV-Sender beschleunige damit den Trend „zu immer extremeren und immer absonderlicheren Darbietungen“ der Casting-Gesellschaft. „Wenn es dem ZDF ernst wäre mit seinem Bildungsauftrag, müsste es völlig auf Shows wie, „Wetten, dass..?“ verzichten“, fordert Bolz.

Seit dem folgenschweren Sturz des Hobby-Stuntmans ist die Zukunft von „Wetten, dass..?“ aber auch zum Politikum geworden. Prompt erinnerte ZDF-Verwaltungsratschef Kurt Beck den öffentlich-rechtlichen Sender gegenüber Morgenpost Online daran, er dürfe die Grenzen des Verantwortbaren nicht überschreiten. Der medienpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Martin Doerner ging noch einen Schritt weiter und forderte ein neues Konzept der Sendung. „Bestimmte Risikowetten sollten in Zukunft nicht mehr stattfinden.“

Dagegen will das ZDF auch weiterhin an seinem Quotenbringer festhalten. In einem Radio-Interview hat Programmchef Thomas Bellut gesagt, ein Unfallrisiko bei den Wetten könne man auch in Zukunft nicht ausschließen. Das ZDF werde aber seine Sicherheitsstandards erhöhen.

Die gelten schon jetzt als überdurchschnittlich hoch, heißt es beim Bundesverband deutscher Stuntleute. Ihr Geschäftsführer, René Ley, ist selber schon einmal mit einem „brennenden Kollegen“ vor zwei Jahren als Überraschungsgast in der Sendung aufgetreten.

Er sagt: „Wir haben solche Auftritte schon hunderte Male gemacht, doch kurz vor der Sendung ist ein Sicherheitsingenieur mit uns noch einmal die Gefahrenliste durchgegangen und hat auf größere Abstände gepocht. Das ZDF geht sehr verantwortungsvoll mit Unfallrisiken um.“

Dass das ZDF jetzt ausgerechnet in diesem Punkt nachbessern will, vermag die Kritiker der Sendung jedoch nicht zu besänftigen. Wieder werde nur an Symptomen herumgedoktert, sagen sie. Doch das eigentliche Problem der Sendung werde dieser Schritt nicht lösen. Weder könne damit die Talfahrt der Quoten gestoppt, noch die Sendung verjüngt werden.