ARD-Film "Dreileben"

Anspruchsvolles Krimi-Experiment in Superlänge

Eine spannende Geschichte – drei ineinander verzahnte Filme: Den Viereinhalb-Stunden-Krimi "Dreileben" inszenierten Top-Regisseure aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Es gibt Filme, da sind schon die ersten Minuten eine Verheißung und machen glücklich, weil man weiß, das wird gut, richtig gut. „Dreileben“ ist so ein Film. Ein Krankenhaus ist da zu sehen, mit leeren Fluren, eine Überwachungskamera, diffuse Bilder in Schwarzweiß und nasse Fußspuren auf dem Boden.

Die Sorte Krankenhaus, in denen gleich noch tote Mädchen im Nachthemdchen durch die Gänge huschen müssten, weil es um das Leben und den Tod geht und alles, was dazwischen liegt, und vor allem für das Dazwischen ist das Krankenhaus ein guter Ort. Doch dann lässt jemand eine Türe offen, und das, was hätte eingesperrt sein müssen, huscht hinaus. In den Wald.

Oh, dieser Wald. Kein Forsthaus-Falkenau-Wald, sondern ein Christian-Petzold-Wald. Dunkel auch am helllichten Tag, voller Schatten und Gestalten, die man ahnt und Geräusche, die man fühlen kann. Dieser deutsche Wald ist für das Dazwischen ein noch besserer Ort. Im Wald sucht und findet sich die deutsche Seele gern, flieht durch Fichten streifend die Gegenwart, preist die Freiheit, versichert sich in alten Sagen ihrer Geschichte. Wer die Gesellschaft nicht erträgt oder von ihr nicht ertragen wird, der findet hier eine Zuflucht.

Doch erst einmal ist da die Tür, die der Zivildienstleistende Johannes auf der Suche nach einem verschwundenen Patienten im Krankenhaus offen gelassen hat. Durch sie kann der Sexualstraftäter Frank Molesch fliehen, der im Sterbezimmer eigentlich nur kurz von seiner verstorbenen Pflegemutter Abschied hätte nehmen dürfen.

Das große Krimi-Experiment

Die Suche nach Molesch verbindet die drei Teile von „Dreileben“, benannt nach dem Schauplatz, einem fiktiven Ort im Thüringer Wald. Drei große deutsche Regisseure einigten sich auf einen Kriminalfall, auf einen Ort und eine Zeit. Dann schrieb jeder sein eigenes Drehbuch und filmte seinen eigenen Film. Drei Zeugen, so erklärt Petzold das Verhältnis zueinander, die am Tatort „alle dasselbe gesehen haben, aber eben doch nicht oder doch ganz anders“. Die ARD, die völlig zu Recht stolz ist auf ihre Produktion, zeigt alle drei Teile an einem Abend und hat so ein Fernseh-Event geschaffen, das diesen Namen verdient.

Petzold folgt Johannes (Jacob Matschenz), der vielleicht zum Medizinstudium nach Los Angeles will, vielleicht aber auch nicht. Am Tag von Moleschs Flucht lernt er Ana (Luna Mijovic) aus Bosnien kennen, die im Sporthotel als Zimmermädchen arbeitet. Anders als der lethargische Johannes ist Ana voller Lebenslust und arbeitet sofort an der gemeinsamen Fahrt nach Amerika: „Wir schlafen miteinander, dann lernst du. Dann schlafen wir wieder miteinander, dann lernst du wieder, undsoweiterundsoweiter.“

So einfach wird das natürlich nicht, diese Liebe dieses ungleichen Paars. Unter Petzolds Beobachtung sorgt nicht nur der in den Wäldern lauernde Molesch für ein Grundgefühl der Bedrohung.

Es wird sehr, sehr wenig geredet in dieser Episode, und plötzlich lädt sich alles mit Bedeutung auf. Der Weg vom Krankenhaus und zum Hotel und durch den Wald, die blaue Brücke übern Fluss – wohin gehen wir, und warum?

Petzold hat Dreileben völlig leer geräumt und seine Episode „Etwas Besseres als den Tod“ genannt, aber wer jetzt den sozialromantischen Zeigefinger auf die entvölkerte ostdeutsche Provinz erwartet, liegt völlig daneben. Bei Petzold wird nie gezeigt, da wird geschaut, und je weniger Statisten durchs Bild laufen, desto mehr kann man erkennen. Wunderbar ist diese Stille, endlich kann man beim Fernsehen mal in Ruhe denken. Dann plappert jedoch Dominik Graf los.

Die Idee mit der Autobahnbrücke

Wie es zu diesem Dreiklang der Regisseure kam? Sie haben einen Emailverkehr geführt im Sommer vor fünf Jahren, ein Werkstattgespräch, in dem sie die Einsamkeit des deutschen Filmemachens beklagten. Sie schrieben sich viele lange Sätze, und irgendwann ging ihnen wohl auf, dass eine Emailkonversation über die Einsamkeit eine recht absurde Sache ist.

Sie hatten die Idee zu einem Mord, sie trafen sich in München im Garten von Hochhäuslers Eltern und malten ein paar Gebäude auf eine Serviette, einen Wald und eine Autobahnbrücke. Dreileben.

Die Autobahnbrücke ist wichtig, weil es bei Petzold, Graf und Hochhäusler immer auch darum geht, ein Deutschland zu zeigen, dem es nicht peinlich ist, in einem deutschen Film aufzutreten. Das gelingt zum Beispiel, indem man Deutschland lauter Überraschungsauftritte verschafft, die ausrufen lassen: „Ach, ich wusste ja gar nicht, dass es in Thüringen solche Flusslandschaften gibt! Wo liegt eigentlich Thüringen?“ Oder „Mensch, ist der unheimlich, der Wanderweg. Wir sollten auch mal wandern gehen.“ Oder eben: „Cool, diese Brücke! Sieht aus wie ein Kunstwerk.“ Heimatfilme, die Lust auf Heimatgefühle machen.

Dominik Graf allerdings scheint sich in der Serviette geirrt zu haben. Seine Episode „Komm mir nicht nach“ wirkt, als habe er in der Schublade noch einen alten Entwurf gefunden und ihn einfach verpflanzt: Die impulsive Vera (Susanne Wolff) hat mit ihrem Mann Bruno (Misel Maticevic), einem Erfolgsschriftsteller mit Talent zum Bonmot, ein altes Gemeindehaus in der Provinz gekauft.

Veras alte Freundin Jo (Susanne Wolff) besucht sie. Beim lustigen Beisammensein und Schwelgen in Erinnerungen stellt sich heraus, dass beide Frauen vor 15 Jahren denselben Mann liebten. Alte Wunden brechen auf. Und das mit dreihundertmal so vielen Worten wie in den beiden anderen Teilen zusammen.

Verdutzt findet man sich plötzlich mitten in einem französischen Film wieder. Im Landhausstil gedeckte Tische mit Brot, Oliven und viel Wein? Alles da. Schöne Frauen, die sich ihrer innigen Freundschaft durch regelmäßiges Umarmen und Küssen versichern? Selbstverständlich. Spontanes Nacktsein in lauer Sommernacht? Aber hallo. Was das nur mit „Dreileben“ zu tun hat? Graf macht Jo zur Polizeipsychologin, die nicht nur wegen Molesch, sondern auch wegen eines Korruptionsfalles nach Dreileben kommt. Wenigstens gibt es hübsche Einblicke in das Provinzpolizeiwesen.

Die Motive Mensch, Wald und Tier

„Dreileben“ könnte man auch aufteilen in den Wald, den Mensch, das Tier. Drei Leben. Deutsche Dreifaltigkeit. Petzold geht in den Wald, Graf widmet sich den Menschen, und bei Christoph Hochhäusler wandelt sich der Mensch zum Tier: „Eine Minute Dunkel“ widmet sich dem ermittelnden Kommissar und Frank Molesch, und nicht nur, weil der sich nur im Walde sicher fühlt, wird es wieder schön düster. Nach dem Graf’schen Intermezzo fühlt sich „Eine Minute Dunkel“ an, als kehre man wieder nach Hause zurück. Nach den Wortschwallen der Bohème empfindet man schon deshalb Sympathie für Molesch, weil der kaum einen Ton sagt.

Hochhäusler hat die undankbare Pflicht, sich der Zuschauererwartung stellen zu müssen, die zum Ende zumindest ein paar der offenen Krimifragen beantwortet sehen will. Er macht das mit Bravour und sich selbst genauso wenig zum Sklaven des Kriminalfalls wie seine Vorgänger. Stillleben mit der Kamera spiegeln eine akribische Spurensuche wieder.

Hier, zum Schluss geht es noch mal ans Eingemachte, tief hinein in die Wälder, Höhlen, Häuser – und natürlich könnte man genauso gut sagen: in die Köpfe. Unappetitliches kommt ans Licht, und damit ist nicht nur Molesch gemeint. Wenn Molesch rennt, dann rennt da nicht ein Bösewicht vor seinen Verfolgern weg, sondern flieht ein Getriebener seine Dämonen. Seiner Verwilderung gibt ein herausragender Stefan Kurt anrührende und komische Züge, die für etwas Wärme sorgen.

Zum Schluss von „Dreileben“ werden nicht alle Erzählstränge zu Ende geführt. Das ist nicht immer befriedigend, aber verzeihlich. Denn eine Frage lässt sich leicht beantworten: Was bleibt von „Dreileben“? Dreileben. Ein neuer Ort auf der Karte des deutschen (Fernseh-)Films. Und auch wenn dort gemordet wird: Es ist ein schöner Ort. Mit Wald und Autobahnbrücke.

„Dreileben“ am 29.8. in der ARD: „Etwas Besseres als den Tod“, 20.15 Uhr. „Komm mir nicht nach“, 21.45 Uhr. „Eine Minute Dunkel“, 23.30 Uhr.