Vorabdruck aus "Loriot. Biographie"

Wie der Humor mit Loriot nach Berlin kam

In dieser Woche starb Loriot. Seine Kindheit und Jugend hat er in unserer Stadt verbracht. Sie hat ihn geprägt. Vielleicht ist er deshalb auch im Alter zurückgekehrt. Eine Spurensuche.

Foto: Reto Klar

Am 9. November 1923 saß Charlotte von Bülow in ihrer Wohnung in der Magdeburger Straße im sehr beschaulichen, von viel Grün und Wasser umgebenen Brandenburg an der Havel und wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis ihr erstes Kind zur Welt kommen wollte. Ein paar Tage noch, dann würde es so weit sein.

Derweil war 600 Kilometer südlich der Teufel los. Da zogen die Horden durch München, startend am Bürgerbräukeller, wo ein gewisser Hermann Göring, am Morgen noch eine Rede gehalten hatte. Und obwohl die geplante Machtübernahme am Vorabend so jämmerlich gescheitert war, grölten und feierten sie, sangen deutschnationale Lieder und verbreiteten Unbehagen. Der Zug endete erst am Odeonsplatz. Vor der Feldherrenhalle. Eine wilde Schießerei folgte den Tumulten und Handgemengen, es starben vier Polizisten und 16 Putschisten. Das alles stand für die 24 Jahre alte Charlotte von Bülow, geborene von Roeder, in diesen Tagen an nachrangiger Stelle. Sie war vor allem froh, als am 12. November ihr erster Sohn Bernhard Victor Christoph-Carl gesund zur Welt kam. Exakt um 21.50 Uhr an diesem Montag wurde Victor geboren. Laut eigener Aussage war er 6 3/4 Pfund, also 3750 Gramm schwer und 50 Zentimeter groß. Ein ganz und gar durchschnittliches Kind also. Vorerst jedenfalls.

Das Leben in der Mark Brandenburg war in jenen Tagen recht beschaulich. Brandenburg war zwar ein quirliges Städtchen, aber den Menschen hier ging es besser als denen im nahen Berlin. Die geschundenen Hauptstädter lernten sie hier nur kennen, wenn diese zu Hamsterfahrten in die Gegend kamen. Die Magdeburger Straße, an deren zentrumsnahem Anfang das Haus der von Bülows steht, lag etwas abseits, in den Zwanzigerjahren standen hier Alleebäume, und lediglich ab und zu ratterte eine gelbe Straßenbahn hindurch. Am 30. Dezember 1923, am vorletzten Tag dieses schicksalhaften Jahres wurde der sieben Wochen alte Vicco von Bülow schließlich in der St.-Gotthardt-Kirche in Brandenburg an der Havel getauft. Offenbar zusammen mit anderen brandenburgischen Jungbürgern. Zu diesem Ereignis erzählte er später Folgendes: „Damals beabsichtigte noch ein weiterer, mir unbekannter weiblicher Säugling, sich am selben Tage taufen zu lassen. Kirchlicherseits war man auf diesen Andrang offensichtlich weder räumlich noch moralisch vorbereitet, denn wir wurden bis zum Beginn der Feierlichkeiten abseits in einen gemeinsamen Wagen gebettet. Für Säuglinge von heute unbegreiflich: Ich missachtete die Gunst der Stunde. Es ist immerhin möglich, dass mich der mangelnde Liebreiz meiner Partnerin oder die Würde des Ortes schreckte. Ich fürchte jedoch, mein damaliges Versagen beruhte auf reiner Prüderie. Der Ballast überalterter abendländischer Erziehungskonventionen mag dabei eine Rolle gespielt haben. Leider wurde mir im Arrangieren ähnlicher Situationen bis heute kein kirchlicher Beistand mehr zuteil, womit der modernen Seelsorge natürlich kein Vorwurf gemacht werden soll.“

Dass er am 5. Juni 1924 den ersten Zahn bekam und schließlich im August, also mit knapp neun Monaten, „Papa“ und „Mama“ sagen konnte, dass er seinen ersten Teddy vom Besitzer des Brandenburger Warenhauses Flakowski geschenkt bekam, ein weißes Ungetüm, das der kleine Vicco erst lange Zeit später überragen würde, das schrieb Vicco von Bülow in seiner gewitzten Biografie „Möpse und Menschen“. Und dass ein Jahr nach ihm bereits sein Bruder Johann Albrecht von Bülow zur Welt kam. Ansonsten erfährt man wenig über das Kind.

Umzug nach Berlin

Der Mutter ging es gesundheitlich schlecht, weshalb der vierjährige Vicco und der dreijährige Johann Albrecht, stets „Brüderchen“ genannt, zu ihrer Großmutter väterlicherseits, der 52 Jahre alten Margarete von Bülow, nach Berlin geschickt wurden. Die wohnte wiederum zusammen mit ihrer Mutter, Viccos Urgroßmutter, der sogenannten Doßoma. Beide Damen waren seit Längerem verwitwet. In Wilmersdorf lebten sie anfangs in den beiden obersten Etagen der Pariser Straße 55, Ecke Fasanenstraße. „Schräg gegenüber hatten sich Weizsäckers eingemietet“, erzählte Loriot später einmal. „Wir kannten sie damals nicht. Richard war wohl um die zehn Jahre alt und darum noch nicht Bundespräsident.“

Später zogen die vier ein Stückchen weiter an den Hohenzollerndamm 12, an die Ecke zur Düsseldorfer Straße. Die beiden älteren Damen von Bülow prägten den jungen Vicco nachdrücklich. Nicht einfach hinsichtlich der Bildung und der Ansichten, sie vermittelten ihm eine bestimmte Atmosphäre. Noch Jahrzehnte später, als er längst schon am Starnberger See die längste Lebensspanne verbracht hatte, würde er dieses Berlin seiner Kindheit stets als seine Heimat bezeichnen. In seiner Arbeit und seinem Humor hinterließ die Atmosphäre des vorvergangenen Jahrhunderts ohnehin deutliche Spuren. Wann immer er künftig zum Zeichenstift griff, so floss das Interieur seiner Kindheit durch seine Gedanken. „Das hat auf mich einen nachhaltigen Eindruck gemacht, und wenn ich nun später eine Tür, einen Türgriff , ein Bett, einen Bettpfosten zu zeichnen hatte, fiel automatisch die Klappe, und ich hatte eines dieser alten Möbelstücke vor Augen.“ Es bedurfte immer wieder einer gewissen Anstrengung und Überwindung, doch einmal ein anderes Bettmodell oder eine Variante eines Türknaufes zu entwerfen.


Heute ist der Platz vor dem Haus am Hohenzollerndamm zerschnitten von mehrspurigen Straßen. An den Baustellen rattern Maschinen, Teergestank wabert durch die Luft. Das Haus mit der Nummer 12 aber steht noch heute fast unverändert da, hat den Krieg im Gegensatz zu vielen Nachbargebäuden so unbeschadet überstanden wie auch die verkehrs- und betonwütigen Nachkriegsjahre. Das Treppenhaus riecht nach Bohnerwachs und die ausgetretenen Stiegen knarzen laut. Im Erdgeschoss ist ein Laden eingezogen, den sich der spätere Vicco, als er schon Loriot war, nicht besser hätte ausdenken können: „Lammfromm & Vogel“, ein edles Geschäft für Innenausstattung. Es scheint geradewegs einem seiner Sketche entsprungen.

Die ersten Berufswünsche glichen denen anderer Pimpfe. Vicco wollte Farmer in Afrika werden oder auch Milchmann. Dann nämlich könnte er mit einem Pferdewagen durch die Straßen fahren. Brüderchen und Vicco fuhren oft und gern mit, heimlich natürlich auf einem der zahlreichen Pferdewagen, die damals noch in Berlin unterwegs waren. Es waren gute Jahre. Für Vicco. Für Brüderchen. Aber auch für die junge Republik. Bis 1929.

Der Vater übernimmt die Erziehung

Gustav Stresemann starb am 3. Oktober des Jahres. Er hatte als Außenminister viel Gutes für die junge Demokratie und die Versöhnung mit Frankreich getan. Ein großes Unglück sei sein Tod, wird es später zu Recht heißen. Nicht wenige Historiker sind der Ansicht, dass sich mit ihm ein anderes Deutschland hätte entwickeln können. Nun brachen, nur 22 Tage später, am „Schwarzen Freitag“, auch die Finanzmärkte zusammen und an der Wall Street in New York wurde die Weltwirtschaftskrise ausgelöst. Der Boden für die nächste elementare Katastrophe des 20. Jahrhunderts war bereitet. Aber nicht deshalb war die glückliche Zeit auch für Vicco erst mal vorbei. Auch nicht allein, weil sich die Eltern am 26. Juli 1928 scheiden ließen, nachdem sie sich schon 1927 getrennt hatten.

1929 starb Viccos Mutter Charlotte. Im Alter von nur dreißig Jahren. Dem Fünfjährigen wurde ein Teil des Herzens entrissen, auch wenn er seine Mutter kaum kennenlernen durfte – er habe nicht viele, aber doch deutliche Erinnerungen an sie, sagte er einmal. Auch wenn ihn der Tod noch nicht in tiefste Trauer stürzte. „Wenn man Kind ist, nimmt man vieles als selbstverständlich hin. Man wohnt irgendwo, dann wird man von den Eltern zur Großmutter gebracht, abgeholt, wieder hingebracht, und irgendwann glaubt man, das ist das Leben. Als meine Mutter starb, dachte ich, so also ist das: Wenn man fünf ist, stirbt die Mutter.“

Dennoch spürte er auch lange später ihren Einfluss respektive den ihres Vaters Otto von Roeder, der seine Tochter um 14 Jahre überleben sollte. Auch in seinem Humor tauchte er sein Leben lang auf. „Der Vater meiner Mutter war in Potsdam Kommandeur der Leibkompanie des Kaisers und musste seiner Majestät immer die neuesten Witze erzählen. So kam von zwei Seiten ein gewisser Sinn für Humor auf mich zu, dem ich gar nicht ausweichen konnte.“

Die andere „Seite“ war natürlich sein Vater, der Polizeimajor Johann-Albrecht von Bülow, ein überaus preußisch disziplinierter, aber offensichtlich auch sehr gewitzter Mann. Der Vater war streng, preußisch-blaublütig, er erzog den jungen Halbwaisen zur Sparsamkeit. Vicco von Bülow beschrieb den Vater als „sehr religiös, ein großer Moralist, ein sehr guter Pädagoge“. Eigenschaften, in denen sich unschwer die Basis für Loriots späteren Humor erkennen lässt. Ein Humor, der dezent ist, der Grenzen hat, der deshalb angenehm leise wirkt und nie verletzend. Diese Grenzen lernte der jungen Vicco schnell: Seine religiöse Überzeugung beispielsweise sollte nie in die Nähe eines Witzes gebracht werden. Er charakterisierte seinen Vater als einen Menschen, „der alles in sich vereinte, was man haben muss als Vater, und er war, bei aller Strenge, unglaublich komisch. (…) Er war für mich einfach ein Maßstab, und wenn ich nicht genau wusste, ob ich dies oder jenes tun könne, habe ich mir eigentlich immer nur vorstellen müssen (…): Was würde er dazu sagen?“ 1972 starb der Vater im Alter von 73 Jahren, ohne jemals seinen Humor verloren zu haben. Sohn Vicco war nachhaltig beeindruckt von einer Szene am Sterbebett des Vaters. Romi von Bülow, Viccos Gemahlin, begann den Satz: „Ich kann mir gar nicht vorstellen …“, worauf sie der Todkranke unterbrach und berlinerisch kalauerte: „Du brauchst dir ja nich vorstellen, ick kenn dir ja schon.“

Doch zurück in die Kindheit: Die Erziehung seiner beiden Söhne übernahm Johann-Albrecht von Bülow erst wieder im Herbst 1933, als der zehn Jahre alte Vicco und der neun Jahre alte Johann Albrecht junior die Wohnung der Großmütter am Hohenzollerndamm verließen. Alleinerziehende Väter, noch dazu im Range eines Offiziers, waren seinerzeit undenkbar. Aber bereits ein Jahr zuvor hatte Johann-Albrecht von Bülow wieder geheiratet: Annemarie Ehrhorn, mit der sich Vicco sehr gut verstand und die es den Kindern ermöglichte, nun auch wieder beim Vater zu leben. Die kleine Familie zog nach Berlin-Zehlendorf in eine bescheidene Genossenschaftswohnung. Was Vicco und Brüderchen nicht besonders glücklich machte. „Erzogen werden von einer Großmutter ist etwas anderes als von einer jungen, tatkräftigen Frau, die weder die Zeit noch das Wissen hat, einem Achtjährigen befriedigende Antworten zu erteilen. Wenn ich dagegen in meinem damaligen Lieblingsbuch, Kürschners Konversationslexikon für gebildete Stände, blätterte, auf irgendjemanden zeigte und meine Großmutter fragte, wer das sei, bekam ich immer eine ausführliche, nachdenkliche Antwort. Neulich fiel mir ein, dass ich gelegentlich einmal mit dem Finger auf Robespierre getippt hatte und meine Großmutter mir die ganze Geschichte der Französischen Revolution auf kindgerechte Weise erzählte. Ich fand das ungeheuer spannend. Leider können das nur Großmütter.“

Selbstbeherrschung und Humor

Gefühle spielten – wie seinerzeit üblich – eine untergeordnete Rolle. Viccos Vater verlangte, dass seine Söhne ihre Emotionen stets unter Kontrolle hielten. Wie es sich für Angehörige einer preußischen Adelsfamilie ziemte, wie es sich gehörte für Männer. „Männer küssen sich nicht“, sagte Vater von Bülow und verbot seinen Söhnen, ihm derartig ihre Liebe zu bekunden. Vicco von Bülow gestand später, von dieser distanzierten Erziehung geprägt worden zu sein, was es ihm zeitlebens stets erschwerte, seine Gefühle zu zeigen. Auch die urpreußische Disziplin, die seine Arbeit und seinen Humor prägten, bekam er vom Vater mit. Wenngleich Vicco von Bülow selbst immer das Wort „Disziplin“ lieber durch „Selbstbeherrschung“ ersetzt wissen wollte, das klinge weniger militärisch. Der Vater war so einerseits streng und genau – nie sah der Sohn ihn etwa ohne Krawatte oder gar in Badehose – und zugleich war er voller Humor und Selbstironie.

In seinem Buch „Möpse und Menschen“ präsentierte Vicco von Bülow zwei schriftliche Dokumente aus seiner Kindheit, die auch hier nicht unerwähnt bleiben sollen. Da ist zum einen das Zeugnis vom 30. September 1930, also des fast Siebenjährigen aus der 4. Volksschule in der Nachodstraße 17 in Wilmersdorf. In feinstem Sütterlin steht dort auf grau vergilbtem Papier: „Bernhard Victor weist bei sehr gutem Betragen gute Leistungen auf. Er ist fleißig, handgeschickt und kann im Unterricht denkend mitarbeiten, nur zuweilen macht sich eine gewisse Versonnenheit bemerkbar, die wohl, wie überhaupt seine etwas weniger elastische Art, in körperlicher Konstitution begründet sein mag. Sein Ausdruck ist entsprechend, doch gewandt.“

Nicht weit vom väterlichen Häuschen in der Zehlendorfer Radtkestraße entfernt lag das Humanistische Gymnasium Zehlendorf, das er von 1934 bis 1938 besuchte. Vicco ging jeden Tag durch die Unterführung hindurch in die Schule. „Meine Leistungen in Mathematik und Griechisch ließen zu wünschen übrig. In den Fächern Deutsch, Zeichnen und Leibesübungen verfehlte ich nur knapp das Geniale“, schrieb der erwachsene Vicco von Bülow später selbst einmal über diese Zeit. Dass er in Deutsch und Zeichnen außerordentlich gut war, sollte man später noch bundesweit überprüfen können. Dass er aber auch ein guter Sportler war, verschwieg er meist bescheiden. Die Leichtathletik war sein bevorzugter Bereich in der Schule, aber durch den Krieg konnte er diese Neigung nicht lange ausleben. In der Tat nahm er zuvor aber an vielen Sportfesten teil und wurde sogar Gebiets-Jugend-Fünfkampf-Meister von Berlin.

Sein Vater fuhr jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit. Eines Tages, es war im Olympia-Jahr 1936, bremste er an der Ecke zur Machnower Straße nicht rechtzeitig, sein Degen, den er sich ordentlich umgeschnallt hatte, geriet in die Speichen, er stürzte – und dann kam auch noch ein Lastwagen. Johann-Albrecht von Bülow überlebte den schlimmen Unfall, aber den Polizeidienst musste er quittieren. Er wechselte in die Privatwirtschaft, wo er fortan in leitender Funktion tätig war. Zwei Jahre später zog die vierköpfige Familie von Bülow nach Stuttgart um.

Unser Artikel ist ein gekürzter Vorabdruck aus dem Buch „Loriot. Biographie“ riva Verlag, München, 208 Seiten, 17,99 Euro. Aufgeschrieben von Dieter Lobenbrett. Das Buch erscheint am 2. September. ISBN: 978-3-86883-143-6