Germany's Next Topmodel

Was sich GNTM bei DSDS abgeschaut hat

Zu kleine Schuhe, zu wenig Hotelzimmer: Heidi Klum weiß, was Mädchen zum Weinen bringt. Schon in Folge zwei des Casting-Bootcamps gab’s mal wieder jede Menge Tränen. Die Kandidatinnen werden an ihre Grenzen geführt. Ein Prinzip, das manch einem RTL-Zuschauer bekannt vorkommen wird.

Der Weg nach ganz oben führt manchmal über steinigen Untergrund. Oder durch den Flur eines ICEs, halbnackt, schwankend. Es ist doch immer wieder erstaunlich, welche Gemeinheiten sich Topmodel Heidi Klum für ihre Schäfchen einfallen lässt - „bis eine weint“, scheint das Motto des blonden Werbe-Engels zu sein.

So gut man das mittlerweile auch kennt: Es ist immer wieder beachtlich, wie schnell Heidi die Mädchen zum Weinen bringt, wie sie aus hübschen Püppchen rotverheult-tragische Gestalten macht.

Es ist ein lukratives Geschäft, das Prinzip Klum: Man nehme eine handvoll junger, unverdorbener Gesichter auf wackeligen, schlanken Stelzen und stelle sie so lange vor fiese Aufgaben, bis auch der Letzten die Knie einknicken. Dann steht die Klum da, lächelt ihr Heidi-Lächeln und sagt: „Ich hab manchmal auch keinen Bock auf einen Shoot – aber da muss man dann durch. Zack, auf den Laufsteg und Lächeln, das gehört zum Business.“

Was sie sicherlich auch gedacht hat, als sie das letzte Mal in einer zugigen Turnhalle übernachten oder halbnackt durch den ICE stolzieren musste – Business eben, die Modewelt ist gnadenlos. Wirklich?

Möglicherweise ja. Und doch sind die Widrigkeiten, die Heidi Klum wöchentlich in ihre Zicken-Soap einbaut, wohl zum großen Teil frei erfunden. Sie sollen die Mädchen nicht auf die Modewelt vorbereiten – sie sollen unterhalten und Emotionen provozieren: Tränen, Tränen, Tränen sollen fließen.

Dabei schleicht sich beizeiten der Eindruck ein, dass die gute Frau Klum bei anderem Meister der großen „Challenges“ in die Schule gegangen ist: Berufsekel Dieter Bohlen beweist in seinem Wettbewerb ebenfalls Woche für Woche, wie leicht es doch ist, junge Menschen aus der Fassung zu bringen.

Überhaupt sind sich Klum und Bohlen in vielem ähnlicher, als es vermutlich beiden lieb ist: Dieter Bohlen sucht keinen guten Sänger. Heidi Klum keine schöne Frau. „Superstar“ wie „Topmodel“ sind Berufsbilder für träumende Teenies, die solche Begriffe in Scharen ins Fernsehen locken – genauso gut könnten sie die Suche nach Deutschlands Märchenprinz oder Prinzessin ausrufen – auch die braucht die wahre Berufswelt nicht.

Bis der Nachwuchs das realisiert, kann man ihn aber noch wunderbar wochenlang mit Kameras begleiten, immer wieder beim Scheitern ganz nah dabei sein.

Etwa, wenn die süße Hanna ihre Füße partout nicht in die zu klein geratenen Pumps quetschen kann und es dennoch versucht, bis ihr das Wasser aus den Augen läuft. Das darf sie dann selbst mal verheult, mal frisch geschminkt kommentieren, auch Heidi und ihre Mitfolterer geben noch ein paar kritisch-mitleidige Sätze dazu ab: „Tränen abwischen, weitermachen“, ist einer der netteren.

Dass Heidi Klum auf ihrer Suche nach dem Topmodel immer wieder gern zu Bootcamp-Methoden greift, ist altbekannt. Neu ist, dass auch die Redakteure der Sendung bei den Kollegen von DSDS in die Schule gegangen sind: Während die Kandidatinnen die meiste Zeit heulen, soll der Zuschauer möglichst oft über sie lachen – etwa wenn eins der Mädchen die eigenen Schauspielkünste anpreist und ProSieben ihr Gesicht kitschig umrahmt nach Hollywood zaubert – unterlegt mit allerlei Effekten, die wie aus dem DSDS-Zauberkasten geklaut wirken.

Fiese „Challenges“ für den Unterhaltungs-, ein paar „Shoots“ für den Werbeeffekt – es funktioniert, das Prinzip Klum, zweifellos. Wohl auch, weil die Protagonistin es trotz aller Gemeinheiten immer noch schafft, die strahlende „Heidi“ zu bleiben, das Vorbild, zu der die ehrgeizigen Mädchen aufschauen, das sie vergöttern.

Selbst wenn Heidi sie ins Wachsfigurenkabinett schleppt und mit einem stocksteifen Johny Depp flirten lässt – nur um nachher den billigen Scherz machen zu können, dass ein paar sich noch steifer gegeben hätten.

Selbst wenn Heidi sie im Bikini zwischen Köln und Berlin durch den ICE stolzieren lässt und besonders wackelige dabei auf der Strecke bleiben.

Ja, der Weg nach ganz oben kann steinig sein. Stolpern werden die meisten der Topmodel-Anwärterinnen aber wohl über ihre eigenen Füße. Oder die kleinen Stöckchen, die Heidi Klum ihnen zwischendurch immer wieder zwischen die Beine wirft.