Bayreuth

Baumgartens "Tannhäuser" ist Dionysos-Kompost

Pack den Wagner in den Tank: Sebastian Baumgartens "Tannhäuser", der Bayreuth eröffnet, bleibt am Ende rätselhaft.

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"Weißt du, wie das wird?“ – „Das sagt sich nicht.“ Der ewigen Nornen-Frage antwortet im virtuellen Diskurs diesmal Gralshüter Gurnemanz. Wie schön, dass Wagners Werke immer die richtigen Zitate parat haben.

Hier hätten freilich auch Bayreuther „Tannhäuser“-Beobachter vorab und später dann die Premierenbesucher sich diesen Wortwechsel liefern können. Man ahnt nämlich wirklich kaum, worauf die alles beherrschende, signalfarbenbunte Biogasaufbereitungs- und Alkoholerzeugungsanlage als Wartburgersatz hinausläuft, und am Ende erklärt es sich nicht.

Es ist alles anders als sonst

Denn der Regisseur Sebastian Baumgarten und sein Dramaturg Carl Hegemann lassen bewusst und konsequent nur weniges aufgehen, keinen Kreislauf sich schließen und eigentlich alles offen.

Sicher, zum Finale reicht der freudig erregte, durchsichtig klar singende Chor statt eines grünenden päpstlichen Pilgerstabs die eben geborene Leibesfrucht von Venus und dem jetzt leblosen Minnesänger herum. Aber ist es das wirklich? So banal lässt uns diese ebenso kryptische wie seltsame, gerade in ihrer intellektuellen Bockigkeit aber auch stellenweise faszinierende Inszenierung nicht davonziehen.

Schließlich ist hier schon vor dem ersten, von Thomas Hengelbrock leise, aber fokussiert gesetzten Takt alles anders als sonst. Nachdrücklich wie noch nie in Bayreuth wird die vierte Wand niedergerissen.

Der Venusberg als Triebabfuhrkiste

Da gibt es keinen Vorhang, das Licht erlischt zunächst nicht wirklich. Auf der Bühne sitzt Publikum, zur Ouvertüre laufen am Ende der dreistöckig hölzernen Fabrikationshalle des Künstlers Joep van Lieshout Filme in der Machart Schlingensiefs – schlagende Herzen, Verdauungsvorgänge und Bakterientänze. Das geht auch in den Pausen auf der Szene mit Videos und Gottesdienst weiter.

30.000 Liter Fassungsvermögen hat der blaue Biogastank, je 4000 Liter pro Wochentag der signalrote Alkoholator. Da stehen zwischen Schläuchen Tonnen mit Nahrung und andere mit Ethanol, welche für Gaswäsche und ein Destiller. Zudem rauchende Holzkisten mit der Aufschrift „Rom“, aus denen später die Pilgerchöre quellen.

Aus dem obersten Stock, den Schlafquartieren, werden die menschlichen Abfälle gepumpt, so will es Lieshout, auf der mittleren Ebene werden Rüben verarbeitet, im Erdgeschoss wird gespielt und angeordnet, aus dem Keller fährt als Triebabfuhrkiste der Venusberg hervor: ein im Discolicht zuckender Käfig mit wilden Affenkerlen, Riesenkaulquappen, einer schwangeren Herrin (Stefanie Friede) sowie dem schnell kurzatmig werdenden, höhenschwach einfarbigen Tannhäuser Lars Cleveman in Unterhosen und mit verkoteten Beinen.

Dramatik ist gar nicht wirklich erwünscht

Schnell wird klar, das ist nicht nur eine Operninszenierung. Der „Technokrat“ genannte Energiekreislauf ist Installation, geschlossenes Musiktheatersystem, Mittelaltersynonym, Ökopartei, sonderbare Sekte.

Hier geht es zwar auch „Tannhäuser“-konform um Beherrschung und Ausbruch, Rausch und Nüchternsein, das dionysische und apollinische Prinzip, die geniale Begabung und das dumpfe Funktionieren, Dreck und Schönheit, Liebe und Metaphysik, Religion und Heidentum, Venus und Maria, Hure und Heilige, den Künstler und die Gesellschaft.

Hier wird aber vor allem wenig gespielt und vorgeführt, mehr zum Diskurs gebeten. Das Baumgarten-Theater kommt gefährlich oft zum Stillstand, Dramatik ist gar nicht wirklich erwünscht, Logik und Linearität verpönt.

Schwer thesenhaft im zweiten Akt

Im zweiten Akt, zum Sängerfest, geht es schwer thesenhaft zu. „Kraft wird Tat“, „Kunst“ und „Arbeit“, sind durch ein nacktes Madonnenbild getrennt. „Wartburg integriert Möglichkeiten zur Triebabfuhr“, ist auf Schrifttafeln zu lesen; später scheinen da auch Songtitel von Rammstein auf, und die Vorschläge im Song Contest werden zu Formeln wie „Liebe = Lynchjustiz“.

Die großartig präsente Elisabeth von Camilla Nylund, erst im roten Schutzkittel, dann im Mittelalterkostüm mit Gretchenzopf, streift sich – während sie die „Teure Halle“ vibratoreich und etwas säuerlich intoniert – ihren Schmuck über.

Den überantwortet sie im dritten Akt einem Tank zum Recycling und geht dann selbst ins Biogas. Wolfram (der baritonale Labsal verströmende Michael Nagy), auch irgendwie irre geworden, vielleicht am hochprozentigen Trank aus roten Henkelbechern, den alle süffeln, assistiert dabei, hält später die Tür zu. Dann besingt er – astrologisch korrekt – die bald gebärende Venus als holden Abendstern.

Baumgarten und sein Werkstatt-Gedanke

Dieser „Tannhäuser“ schreitet als Festspielpremiere voran, irgendwohin. Baumgarten beherrscht die rare Kunst, sein immer skeptischer zuschauendes, immer weniger kapierendes, am Ende ritualhaft, enttäuscht, nicht wirklich wütend buh- und bravoschreiendes Publikum abzuholen und auf seine irgendwie ideologisch kompostierte Gedankenreise mitzunehmen.

Immer wieder hat er im Vorfeld den Bayreuther Werksatt-Gedanken betont, an dem werden im nächsten Sommer so einige feilen müssen. Die Wagnerianer ebenso wie die Regie, Eberhard Friedrichs lichte, biegsame, aber nicht immer synchrone Chöre in ihren komisch bunten Uniformen; vor allem das Besetzungsbüro.

Noch nachbessern muss auch Thomas Hengelbrock, das war aber in den letzten Jahren bei jedem Bayreuther Grabendebütanten so. Der Alte-Musik-Spezialist hat viele Quellen studiert. Er wollte sogar zurück zur radikalen Fassung der Dresdner Uraufführung von 1845, was im philologisch unflexiblen Festspielbetrieb nicht möglich war.

Die Inszenierung – zunehmend lähmend

Immerhin erließ er dem schwächelnden Tannhäuser die „Erbarm’ dich mein“-Rufe. Hengelbrock probiert eine flexible, doch gespannte Dynamik, lässt Lautes fast ohne Vorlauf auftönen, aber bezahlt bisweilen mit Beiläufigkeit, wo Intensität gemeint ist.

Es klingt spritzig lebendig, romantisch real, nie mit vernebelter Überwältigungsabsicht. Was in seinem beschwingten Gang der zunehmend lähmenden Inszenierung immer wieder Beine macht.

„Ich bin der Welt noch einen ‚Tannhäuser‘ schuldig“, so scheint am Ende natürlich fast schon reflexhaft Richard Wagners Altersbekenntnis als Menetekelschrift an der Wand auf. Man könnte solches allerdings auch von Sebastian Baumgarten sagen.