Waldbühnen-Konzert

Philharmoniker mit grandioser Wiedergutmachung

Mit erstklassiger Unterhaltung, musikalischem Verve und viel guter Laune machten die Berliner Philharmoniker den ausgefallenen Saisonabschiedstermin in der Waldbühne mehr als wett. Unter der Leitung von Riccardo Chailly verzauberten sie ihr treues Publikum.

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Mit den Berliner Philharmonikern kann man open air nicht nur Spaß haben - die Weltklassemusiker können auch Spaß machen. Das vom Publikum so geliebte Waldbühnenkonzert startete am Dienstagabend noch vor dem ersten Takt mit La Ola-Wellen, die auch die Philharmoniker mit der Geige oder Flöte in der Hand von den Stühlen rissen. Sogar die Männer am Kontrabass hat man lächeln sehen. Mit Dmitri Schostakowitschs Suite für Jazz-Orchester Nr. 2, Nino Rotas Filmmusik zu Fellinis „La Strada“ und Otto Respighis Fontane di Roma und Pini die Roma servierte das Hauptstadtorchester unter Riccardo Chailly ein reichhaltiges, beschwingt bis schwelgendes Klangwunder, das ganz im Sinne des Publikums war. Vom Marsch über den Walzer bis zum sentimentalen Rausch bewiesen die Profis, dass sie auch in Feierabendstimmung fast alle anderen Orchester an die Wand spielen können.

Ausdrücklich bedankte sich das Orchester zu Beginn des Konzerts dafür, dass die Fans erneut zur Waldbühne gezogen waren, nachdem wegen des Dauerregens das Orchester zum ersten Mal in seiner rund 30jährigen Open-Air-Geschichte am 2. Juli die Instrumente hatte einpacken müssen. Schon vier Stunden vor Einlass war zum Beispiel Bärbel aus Spandau wieder samt Garnelen, Cocktailsauce und Pralinen angerückt. „Ich bin jedes Jahr die erste!“, sagte die elegante Dame mit der weißen Bluse und dem knallroten Pulli stolz.

Seit 18 Jahren auch immer ganz vorne ist Sandra Wagner aus Tiergarten, die strömenden Regen vor den verschlossenen Toren über sich ergehen ließ, um einen der begehrten Plätze am ersten Mauersims zu ergattern, der perfekt als Untersetzer für Häppchen und Citronellakerzen dient. „Die Atmosphäre in der Waldbühne ist einfach einmalig“, schwärmt sie.

Das Orchester zauberte dazu ein Klangbild, das perfekt steht, sich auflöst, um sich im nächsten Motiv erneut blind zu finden. Jeder Ton saß oder verblasste, um anderen Platz zu machen. Präzise und doch voller Verve, diesen Balanceakt beherrschten die Philharmoniker unter Riccardo Chailly.

So zuckte bei den ersten Tönen des Marsches von Schostakowitschs zweiter Jazz-Suite, die manche gerne als Suite für Varieté-Orchester korrigiert haben wollen, niemand zusammen, so geschmeidig kamen Piccoloflöten, Trompeter und selbst die Becken daher. Zum Mitsummen dann der Walzer Nummer 2, bekannt als Filmmusik zu Stanley Kubricks letztem Film „Eyes Wide Shut “ mit Tom Cruise.

Obwohl als Liebhaber des russischen Repertoires bekannt, legte Riccardo Chailly, Gewandhauskapellmeister und in den 80er Jahren Chefdirigent in Berlin des Radio-Symphonie-Orchesters (Vorläufer des Deutschen Symphonie-Orchesters), bei der Filmmusik zu „La Strada“ noch einmal zu.

Wippend wie James Last steuerte er das Orchester durch den Soundtrack, der zu Beginn wie gemacht für eine Bigband ist. Am Ende des von klagenden Trompeten- , verzweifeltem Geigensoli und brodelndem Geigenteppich gestrickten Werk: Tosender Applaus in der fast voll besetzten Waldbühne, die Bläsergruppe muss aufstehen.

Als „special effect“ werden später sechs Blechbläser im zweiten Teil des Abend gar jenseits der Bühne postiert. Ottorino Resphighis schwelgende Liebeserklärungen an die Brunnen (Fontane di Roma) und Pinien (Pini di Roma) der ewigen Stadt betören in der zweiten Hälfte des Abends. Respighi, der 1902 bei Max Bruch in Berlin studierte und sich später hier als Pianist verdingte, war im Herzen ein Impressionist, der herrliche Farben malen konnte und zum Glück weder vor Kirchengeläut, noch vor Vogelgezwitscher halt machte, um sein Rom zu zeichnen.

Und die Zugabe? Der traditionelle Radetzky-Marsch wurde zum Bedauern so mancher geknickt. Paul Linckes Berliner Luft natürlich nicht, denn diesen Faux-pas hätte auf der Bühne niemand überlebt. Ein strahlender Riccardo Chailly dirigierte dabei mit dem Rücken zum Orchester das Klatschen und spitze Pfeifen des Publikums. Die Berliner Luft blieb an diesem Abend zum Glück trocken - bis auf die Erdbeerbowle-Wölkchen über der Waldbühne.