Tod mit 27

Zum Entzug sang Amy Winehouse "No, no, no"

Die im Alter von 27 Jahren gestorbene Soul-Sängerin Amy Winehouse wurde nicht vom Ruhm ruiniert. Der Zwang zur Selbstzerstörung war von Anfang an Teil von ihr.

Hatte sie überhaupt schon richtig angefangen? Amy Winehouse hatte ja nur zwei Alben veröffentlicht – 2003 ihr Debüt „Frank“ und drei Jahre später „Black To Black“, das ihr den Weltruhm brachte. Doch anschließend war sie vor allem damit beschäftigt gewesen, in ihrem chaotischen Leben wenigstens halbwegs die Orientierung zu behalten – eine Herausforderung, der sie augenscheinlich nur selten gewachsen war.

Auf jede Entziehungskur folgte ein Zusammenbruch. Die Bemühungen, ihr Privatleben in den Griff zu kriegen, führten schnurstracks in die nächste Krise. Und die Versuche, zurück auf die Bühne zu kehren, scheiterten in der Regel kläglich vor ausverkauften Haus – bei YouTube überwiegen jedenfalls die Mitschnitte hilfloser und zerfahrener Auftritte deutlich die einigermaßen akzeptablen Shows.

Als sie vor einem Monat in Belgrad zum Auftakt ihrer Konzertreise durch Europa auf der Bühne stand, machte sie einen derart desolaten Eindruck, dass die Zuschauer wahlweise fluchtartig den Saal verließen oder ein Pfeifkonzert anstimmten. Anschließend wurden alle Termine abgesagt.

Am vergangenen Mittwoch trat Winehouse noch einmal auf, um ihre Patentochter Dionne Bromfield bei einem Konzert in London zu unterstützen. Sie kreiste ein wenig mit den Hüften, lächelte und verschwand dann, ohne einen Ton zu singen. Es war das letzte Mal, dass man sie in der Öffentlichkeit sah. Am Samstagnachmittag wurde sie leblos in ihrem Zuhause im Londoner Stadtteil Camden aufgefunden. Sie wurde 27 Jahre alt .

Ihr Verfall war eine Art, "Ihr könnt mich mal!" zu sagen

Amy Winehouse hatte noch längst nicht richtig angefangen, aber sie hatte mit ihren zwei Alben wahrscheinlich schon alles gegeben, wozu sie in der Lage war. Und dennoch war das mehr, als die meisten anderen Popstars zu bieten haben. Ob als Songschreiberin, als Sängerin oder als öffentliche Figur – Amy Winehouse war ein Ausnahmetalent.

Mit ihrem über zehn Millionen Mal verkauften Meilenstein „Back To Black“, holte sie den klassischen Soul in die Gegenwart zurück und brannte sich mit ihrer dramatisch überkandidelten Bienenstock-Frisur unauslöschbar ins Popgedächtnis ein. Nach einer langen Phase stromlinienförmiger und Windkanal-getesteter Stars tauchte sie plötzlich auf und verhalf dem betont Seltsamen und Unmöglichen im Pop wieder zu seinem Recht. Sie war nicht perfekt, sie schleppte einen Berg Probleme mit sich herum – und sie war nicht bereit, sie zu verstecken.

Wenn sie mitunter im Zustand sittlich-moralischer Verwahrlosung durchs Leben strauchelte, war das auch ihre Art „Ihr könnt mich mal!“ zu sagen. Im Grunde verschränkten sich in ihr die Lehren aus Popart, Punk, Rock und Soul auf bislang unerhörte Weise.

In den Songs wird gelitten, gehofft, geflucht, gefickt und gesoffen

Amy Winehouse wuchs als jüngeres von zwei Kindern in einer jüdischen Familie in London Southgate auf, die Mutter Janice ist Apothekerin, der Vater Mitchell ein Taxi fahrender Jazzmusiker. Früh zieht es Amy auf die Bühne. Sie ist noch nicht einmal zehn Jahre alt, da besucht sie bereits eine angesehene Theaterschule. Als sie 14 ist, müssen die Lehrer allerdings vor ihr kapitulieren, ein Nasenring funkelt als Zeichen ihres Eigensinns in ihrem Gesicht. Sie ist noch ein Teenager, als ihr damaliger Freund Aufnahmen ihrer Songs der Musikindustrie zuspielt, mit achtzehn unterschreibt sie bei Universal, sie ist zwanzig, als ihr Debüt „Frank“ erscheint.

Obwohl der internationale Durchbruch noch auf sich warten lässt, wird das Werk in England gleich dreifach mit Platin ausgezeichnet. Winehouse klingt auf „Frank“ wie eine Jazz-Sängerin, die sich in den Bereichen Bossa Nova, Big Band, Funk oder R&B ausprobiert. Ihren Sound hat sie noch nicht gefunden, dafür ihre Stimme.

Sie dehnt und zerrt und leiert ihre Texte, lässt die Stimme ins beinah Dissonante kippen, macht Pausen, um dann zu beschleunigen und damit unmissverständlich klar zu machen, dass sie nicht da ist, um schön zu singen, sondern um ihre Gefühlswelt auszustellen. Passend dazu wird in den Songs gelitten, gehofft, geflucht, gefickt und gesoffen, was das Zeug hält. Die Musik ließ sich vielleicht als gestrig bezeichnen, die Texte waren in jedem Fall heutig.

Ein Nichtsnutz wird die große Liebe

Nach „Frank“ lernt Winehouse ihren späteren Mann Blake Fielder-Civil kennen, einen Videoclip-Assistenten, den man getrost als Nichtsnutz bezeichnen kann, der für Winehouse allerdings die Liebe ihres Lebens darstellt. Als er die Affäre nach wenigen Monaten beendet, gießt sie ihren Kummer wahlweise in Gläser und Songs, aus denen später „Back To Black“ entstehen soll.

Dass sie damals bereits ein erhebliches Alkoholproblem hat, beweist der Song „Rehab“, der als erste Single ausgekoppelt wird: „They tried to make me go to rehab, I said no, no, no“, singt sie zu schwungvoller musikalischer Begleitung und macht damit ein für alle Male klar, dass Entziehungskuren und gute Ratschläge bei ihr keineswegs willkommen sind .

Als sich abzeichnet, dass „Rehab“ sie zum Weltstar macht, ist auch Fielder-Civil wieder da. Gemeinsam benehmen sie sich nun, als wollten sie sich um die Rolle des kaputtesten Promi-Pärchens seit Kurt Cobain und Courtney Love bewerben. Winehouse entwickelt zu ihren bekannten Süchten eine Vorliebe für harte Drogen, zu Selbstverstümmelungen und Brustvergrößerungen sowie Handgreiflichkeiten mit ihrem geliebten Gatten in der Öffentlichkeit.

Das Kaputte gehörte zu Amy Winehouses Persönlichkeit

Es gibt zwei Sorten von Menschen, die eine Neigung zu Rauschmitteln haben: Die einen nehmen Drogen, um Spaß zu haben, die anderen aus Verzweiflung und um zu verdrängen. Amy Winehouse gehörte fraglos zur letzten Gruppe. Wie Kurt Cobain, Heath Ledger, Janis Joplin, Sandy Denny und etliche andere Tote des Showgeschäfts wurde Winehouse nicht in erster Linie von ihrer Sucht nach irgendwelchen Substanzen ruiniert, sondern von dem Zwang, sich zu betäuben, weil sie das Leben sonst nicht ausgehalten hätte.

Wer sich ihre Platten genau angehört hat, wusste es längst. Nicht der Ruhm hat sie ruiniert, vielmehr hat ihre Verkorkstheit ihre großartige Musik und ihren Ruhm überhaupt erst ermöglicht. Das Kaputte gehörte zu ihrer Persönlichkeit, der Zwang zur Selbstzerstörung war Teil der Faszination.

Es ist leicht, ihre Familie, ihren zweifelhaften Ex-Mann, die Musikindustrie und die Medien nun mitverantwortlich zu machen. Doch Amy Winehouse hätte sich nur selbst aus dem Schlamassel befreien können. Aber dazu war sie nicht in der Lage, wahrscheinlich hat sie es nicht einmal wirklich gewollt. Was ihr Schicksal umso tragischer macht.