Fernsehen

Polizeiruf 110 - Dienstantritt für Matthias Brandt

Nur selten hat eine Polizeiruf-Folge so viel absurden Spaß bereitet. Mit "Cassandras Warnung" hat sich Matthias Brandt in die Galerie der unvergesslichen Ermittler gespielt.

Foto: BR/Martina Bogdahn

Unter den deutschen Filmregisseuren ist Dominik Graf der große Stilist und der letzte Wilde zugleich: Unter dem Vorwand, Genre-Filme fürs Sonntagabend-Fernsehen zu drehen, schmuggelt er subversive, manchmal surreale Thriller in den "Tatort" und den "Polizeiruf 110". Grafs Filme handeln von Ausnahmezuständen, von dem Moment, in dem das Vertraute umschlägt in die Groteske, das Bedrohliche, den Horror.

Bei dem neuen Münchner "Polizeiruf", "Cassandras Warnung", wagt Graf formale und erzählerische Experimente, die im deutschen Fernsehen selten erlaubt und gar nicht erwünscht sind: Er springt in der Handlung vor und zurück und setzt Flashbacks verschwommen und in Zeitlupe. Er schneidet rasant. Er verfärbt das Material. Er lässt Schauspieler durcheinander und beiseite sprechen wie Robert Altman. Und er lässt Dialoge aufsagen, bei denen man das Papier rascheln hört, auf das sie geschrieben wurden. Kurz: "Cassandras Warnung" ist eine Zumutung - und ein abenteuerliches Meisterwerk.

Matthias Brandt hat seinen Einstand als Kommissar Hanns von Meuffels. Der ist ein echter norddeutscher Herr, trägt Weste und Mantel und hat nicht viel Geduld. Die bayerische Lebensart ist ihm fremd. Er wird nach Murnau gerufen, wo vermeintlich Diana, die Frau des Polizisten Gerry Vogt, brutal erschossen wurde. Gerry ist ein Hallodri, hatte eine Affäre mit einer Telefonbekanntschaft und berichtet davon noch am Tatort. Doch Diana wurde gar nicht getötet, sondern eine Freundin. Weshalb Meuffels Personenschutz für Diana Vogt in München verfügt.

Nun beginnt eine Kette von Unwahrscheinlichkeiten: In der lauschigen Wohnung diskutiert die aufreizende Diana mit ihrem Polizistenbewacher, als wäre sie Philosophiedozentin (er ist aber auch nicht auf den Kopf gefallen); mit Gerry zieht sie sich zwischendurch auf ein Schäferstündchen ins Schlafzimmer zurück; eine Personenschützerin wird am Abendbrotstisch vergiftet. Parallel untersucht Meuffels einen zweiten Fall, einen Kindesmord aus den 90er-Jahren. Alptraumhaft blitzen dem übermüdeten Kommissar Gedankensplitter auf. Die verdächtige Transsexuelle Pandora Büchschen (Tobias van Dieken) liefert ihm eine Schlägerei. Dominik Graf inszeniert München wie in einem Film der späten 60er- und 70er-Jahre. Nervös, pulsierend, geschwätzig.

Am Ende der Nacht, ja: tanzt Matthias Brandt in der Imbiss-Stube. Noch selten hat ein "Polizeiruf" so viel absurden Spaß bereitet. Brandt weiß es vielleicht noch nicht, aber er hat sich mit diesem Film in die Galerie der unvergesslichen Figuren gespielt.