Erster Todestag

Welche Lücke Schlingensief hinterlassen hat

Wenn sich am Sonntag der Todestag von Regisseur Christoph Schlingensief jährt, wird es kein offizielles Gedenken geben. Mathias Lilienthal erinnert sich an einen Freund, der eine große Lücke hinterlassen hat.

Am Sonntag jährt sich der erste Todestag von Christoph Schlingensief. Es dürfte ein stilles Gedenken werden. Ein Treffen von Freunden und Weggefährten ist nicht geplant, eine offizielle Veranstaltung in Berlin auch nicht. „Jeder macht es für sich aus“, sagt Matthias Lilienthal. Das passt zwar nicht unbedingt zu den oft schrillen und schrägen Performances von Christoph Schlingensief, der vor einem Jahr im Alter von nur 49 Jahren seinem Lungenkrebs erlag. Lilienthal, der Schlingensiefs Theaterkarriere ermöglicht und begleitet hat (er war 1993 Chefdramaturg an der Volksbühne und holte ihn ans Haus) und der mit dem Künstler bis zum Schluss befreundet war, versucht eine Erklärung: „Der Schock im vorigen Sommer war sehr groß. Wir sind noch nicht bereit, dass in geordnete Formen der Trauer zu überführen, so dass man den ersten Todestag auf eine bestimmte Art und Weise begeht. Ich glaube, wir sind immer noch an dem Punkt, dass wir denken, er lebt noch“.

Was vielleicht auch daran liegt, dass die Lücke, die Schlingensief hinterlassen hat, immer noch klafft. „Die inhaltliche und ästhetische Rolle von Christoph hat niemand übernommen“, sagt Lilienthal. Und skizziert ein Projekt im Geiste Schlingensiefs für die nächsten Wiener Festwochen: Die Gründung eines künstlerischen Wikileaks verbunden mit dem Engagement von zehn Hackern, die die Datenbank von Angela Merkel und Guido Westerwelle knacken und alles veröffentlichen - bis zum Sturz der beiden.

Besonders spürbar war der Verlust bei der Kunstbiennale von Venedig. Schlingensief hätte eigentlich den deutschen Pavillon für die weltweit wichtigste Kunstschau gestalten sollen. Doch seine Pläne und Ideen waren noch nicht so weit, dass sie sich einfach umsetzen ließen. Statt einer Ausstellung von ihm wurde es nun eine Hommage an ihn. Im Zentrum der noch bis zum 27. November laufenden Schau steht eine Rauminstallation: Das szenische Oratorium „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ hatte schon bei der Ruhrtriennale 2008 und später beim Berliner Theatertreffen für Aufsehen gesorgt. Der damals als geheilt geltende Krebspatient setzt sich in dem Stück schonungslos offen mit seinen Leid-Erfahrungen und den letzten Fragen des Lebens auseinander.

„Christoph hat ja so eine riesige Unverschämtheit darin gehabt, dass er immer das Allerprivateste mit dem künstlerischen Leben des Landes verbunden hat. Diese krude Mischung aus privatem Detail und Psychose des Landes – das war eine sehr spezielle Konstruktion“, betont Lilienthal. Und während des Gesprächs über Schlingensief fällt ihm dann etwas ein, was man zum ersten Todestag hätte machen können: „Eine Lesung der Verrisse zu ,100 Jahre CDU’, Schlingensiefs erster Arbeit an der Volksbühne, und zwar durch einen Kritiker selbst.“ Der Abend stieß auf Unverständnis und sorgte für Aufregung. Lilienthal, damals Chefdramaturg des Theaters, wurde von einer Zeitung gebeten, in einem Gastbeitrag zu erläutern, was dahinterstecke. In „100 Jahre CDU“ seien alle ästhetischen Parameter Schlingensiefs enthalten, aber noch nicht auf den Punkt gebracht. „Mich würde es freuen, wenn man sich in dem Moment, wo wieder mal die Aufregung über eine junge Gruppe hochschwappt, an die Ahnungslosigkeit mancher dieser Verrisse erinnert und sich fragt, ob vielleicht auch jetzt ein kleiner Schlingensief vor einem steht“, sagt Lilienthal.

Zum Theater war Schlingensief auch gewechselt, weil er mit dem Filmemachen nicht mehr weiterkam. „Der WDR hat seinen Film ,Terror 2000“ produziert, aber nicht ausgestrahlt. Im System der deutschen Filmförderung kommt das einem Berufsverbot gleich“, betont Lilienthal. Übrigens hat der WDR später doch noch den Film ausgestrahlt. Allerdings erst nach dem Tod des Autors.

Auch die Berliner Akademie der Künste hatte mit Schlingensief so ihre Schwierigkeiten. „Ich habe ihn zwischen 2007 und 2010 immer wieder vorgeschlagen, aber bei der Wahl der Mitglieder der Sektion Darstellende Künste ist er immer durchgefallen“, erzählt Matthias Lilienthal. Was die Akademie aber nicht davon abhielt, den Nachlass von Schlingensief zu übernehmen. Vielleicht präsentieren sie den auch irgendwann – vielleicht zum fünften oder zehnten Todestag.