Kunst

Seerosenblatt soll vor Klimakatastrophe schützen

Wie Künstler sich Rettungsinseln für kommende Katastrophen vorstellen: Die Hamburger Ausstellung "Klimakapseln" zeigt Spektakuläres.

Die Zukunft kommt mit dem vertrauten Knattern eines Zweitaktmotors: In Christoph Kellers "Cloudbuster"-Projekt feuert der Künstler aus einer mit neun dünnen Rohren versehenen benzingetriebenen Kanone in den Himmel Marokkos. Die hat er auf einem handelsüblichen PKW-Anhänger montiert. Das ist schon mal lobenswert irr. Doch was sich wie ein skurriler Jahrmarktsversuch im Stil des späten 19. Jahrhunderts anhört, ist Kunstwerk, Experiment und Umsetzung eines ziemlich alten Menschheitstraums zugleich: Hier soll Regen gemacht werden.

Zu sehen ist die filmische Dokumentation des "Cloudbuster"-Projekts in der Hamburger Ausstellung "Klimakapseln". Es geht um "Überlebensbedingungen in der Katastrophe" und zeigt, wie Künstler, Architekten, Designer und sonstige Wunderheiler dem Klimawandel begegnen wollen. Denn dass Regierende darauf nur äußerst schwerfällig bis gar nicht reagieren, weiß man spätestens seit dem so genannten Klimagipfel in Kopenhagen.

Schwefeldioxid oder Orgonenergie

"Vertraut man den Aussagen der Wissenschaft, steuern wir auf eine Klimakatastrophe zu. Erderwärmung. Polkappenschmelze. Dürre und Überschwemmungen. Unfruchtbarkeit. Eine Welt mit Klimaflüchtlingen, Ressourcenkriegen", beginnt Friedrich von Borries, Kurator der Ausstellung und Professor an der Hamburger Kunsthochschule, das Vorwort des Begleitbands - der Telegrammstil ist dabei ganz der dringlichen Lage geschuldet.

Der Begleitband ergänzt die Ausstellung mit einem kommentierten, Genre sprengenden Stichwortverzeichnis in dem Kevin Costers "Waterworld", "Barbarella" und die "Simpsons" ebenso Erwähnung finden wie Arnold Schwarzenegger, der Wasserstoffbomben-Erfinder Edward Teller und der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen. Mühelos gelingt es dabei, Politik, Wissenschaft und Popkultur so zu verbinden, dass ein informatives, unterhaltsames Ganzes entsteht.

Anders als Crutzen, der vor drei Jahren die Idee aufbrachte, das Weltklima mittels Schwefeldioxid in der Atmosphäre zu beeinflussen, setzt der Künstler Christoph Keller beim "Cloudbusting" nicht auf die Naturwissenschaften, sondern auf unsichtbare Orgonenergie - ein Denkmodell des Freud-Schülers Wilhelm Reich. Dessen so genannte Orgonakkumulatoren wurden in den Fünfzigerjahren von der Food and Drug Administration der USA regelrecht bekämpft - welches absurde, regelrecht an B-Filme erinnernde Bedrohungsszenario da ablief, sollte noch einmal gesondert geklärt werden.

Wagemutige Idee oder bloßer Quatsch?

Den marokkanischen Dorfbewohnern in Kellers Dokumentarfilm allerdings sind Bedenken gegen Orgonkraft offenbar fremd. Mit reserviertem Staunen umringen sie den Künstler auf dem Dorfplatz, bis schließlich finstere Wolken am Himmel aufziehen - ein Unwetter bricht los. Experiment geglückt.

Die Besucher von "Klimakapseln" tun gut daran, den Marokkanern in ihrer Aufgeschlossenheit auch für aberwitzig wirkende Ideen zu folgen. Ist die, sich über zwei Stockwerke des Museums für Kunst und Gewerbe ersteckende, 30 Arbeiten umfassende Ausstellung doch der sehr gelungene Versuch, das gesicherte Terrain jener Art von Kunstschau zu verlassen, die gerade in Hamburg zuletzt beherrschend war: Wohl kalkulierte Namen, dekorative Bilder - wenn's sein muss auch gern ein paar Viermaster auf tosender See. "Klimakapseln" begibt sich, wie es bei Hölderlin heißt, ins Offene. Zeigt wagemutige Utopien, konkret anwendbare Entwürfe und Modelle oder bloßen, tollen Quatsch.

Einer der großen Vorväter der Klimakapsel war sicherlich R. Buckminster Fuller. Sein auch in Hamburg ausgestellter, ursprünglich 1960 präsentierter "Dome Over Manhattan", eine gigantische Glashalbkugel zwischen 22. und 62. Straße, sollte nur einen Bruchteil der für Einzelgebäude notwendigen Energie verbrauchen.

Ein künstliches Seerosenblatt als Lebensraum

In Buckminster Fullers Tradition steht "Lilypad", zu deutsch: Seerosenblatt, eine von dem belgischen Architekten Vincent Callebaut entwickelte Insel. Von einer doppelten Außenhaut aus Polyesterfasern überkuppelt, könnte sie als schwimmende, klimaneutrale Ökostadt bis zu 50.000 Klimaflüchtlingen Platz bieten. Callebaut nimmt an, dass der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um einen Meter steigt.

Aber auch er hat erkannt, dass sich wohl nur reiche Städte und Staaten effektiven Hochwasserschutz werden leisten können - ob sich für die von ihm erwarteten 250 Millionen Klimaflüchtlinge aus armen Ländern allerdings ein "Lilypad"-Finanzier findet, dürfte auch in neunzig Jahren noch fraglich sein. So dürften womöglich eher die tragbaren, Overall-artigen Zelte aus Lucy Ortas Serie "Refuge Wear" dem Klimanomaden der Zukunft ein provisorisches Obdach gewähren.

Wie das Zelt sind auch die vielen, in der Ausstellung gezeigten, aufblasbaren Objekte der Freizeit- und Gartenfestkultur des 20. Jahrhunderts entnommen und neu definiert: Ob es die von einer durchsichtigen, Wasserball-artigen PVC-Kugel umschlossene Oase von Haus-Rucker-Co ist oder der Clean Air Pod von Ant Farm - stets hat man ein wenig das Gefühl, die Zukunft spiele sich im Inneren eines Luftballons ab. Oder in noch fragileren Gebilden: Schon als Kind habe er "vom Wohnen in einer Seifenblase" geträumt, sagte der Architekt Werner Sobek. Sein Zitat steht so groß wie programmatisch an einer Wand des Museums.