"Die Einsamkeit der Primzahlen"

Zwei traumatisierte Kinder auf der Suche nach Liebe

Die Bestseller-Verfilmung "Die Einsamkeit der Primzahlen" erzählt die Geschichte von Alice und Mattia, die beide Angst vor einer zu engen Bindung haben.

Was nun das wieder heißen soll: Eine ganze Generation von Facebook -Freunden, die unendlich viele Dateien miteinander teilt, stürzt sich auf ein Buch über die Einsamkeit. Ausgerechnet. „Die Einsamkeit der Primzahlen“, das Debüt des 1982 geborenen Autors und Physikers Paolo Giordano, wurde kurz nach seinem Erscheinen 2008 zu Italiens meist verkauftem Buch, vor allem Jüngere sollen es lieben.

Auch in Deutschland findet die Geschichte zweier verwundeter Seelen, die nicht zueinander kommen können, Hunderttausende von Lesern. Dabei ist die Tatsache, dass Alice und Mattia sich in einem entscheidenden Moment nicht geküsst haben, noch beider größtes Geheimnis – was ebenfalls recht unzeitgemäß wirkt.

Costanzo setzt auf Übetreibung

Regisseur Saverio Costanzo versucht nun natürlich, die Leserfantasien nur ja nicht zu sehr zu stören. Stattdessen setzt er aufs eventuell Erwartete immer noch eins drauf: Nebelschwaden, fallendes Herbstlaub, Regen, hängende Köpfe, und, falls das Elend noch nicht deutlich genug wurde: laute, hysterische Popmusik („Yes Sir, I Can Boogie“). Ist ja auch alles ganz schlimm, und zwar auf allen drei Zeitebenen.

Als Kind verunglückt Alice beim Skifahren, ihr ehrgeiziger Vater hatte aus ihr eine Ski-Weltmeisterin machen wollen, so wird sie lediglich zur humpelnden Außenseiterin. Und der hochbegabte Mattia hat auch ein Trauma, seit er seine behinderte Zwillingsschwester ein einziges Mal nicht beaufsichtigt hat – sie verschwand spurlos, seitdem ritzt er sich die Arme.

Kein Psychologe hilft, auch nicht der herb-überforderten Mutter ( Isabella Rosselini ). Als Teenager lernen sich Alice und Mattia kennen, es kommt erstmals nicht zum Kuss, und bis zum Ende wird es bei qualvollen Nichtannäherungen bleiben.

Psycho-Metapher als Leitmotiv

Die dramaturgische Herausforderung dieser depressiven Love Story ist, dass sie ihre eigene Stagnation ja schon im Titel festschreibt: Primzahlen sind bekanntlich nur durch 1 oder durch sich selbst teilbar. Noch schlimmer ergeht es Primzahlzwillingen: Nachbarn wie 3 und 5 oder 11 und 13, zwischen denen ewig eine Zahl steht.

Für das äußerlich leidenschaftslose, innerlich sicherlich ganz doll tief empfundene Ewig-Aneinander-Vorbeilieben Alices und Mattias hat Costanzo also eine bequeme Psycho-Metapher vorgefunden, der allein er offenbar die ganze Sinnstiftungsarbeit überlässt. Zur Beglaubigung müssen die Darsteller herhalten, die nicht müde werden zu betonen, wie viel Freiheit der Regisseur ihnen gelassen habe.

Doch, er hatte durchaus eine Idee: Verwundete Filmseelen müssen in real geschundene Schauspielerkörper gepresst werden. Das ist das Konzept Costanzos, der 2004 für sein Debüt „Private“ in Locarno den Goldenen Leoparden gewann und seither als begabter Kinobildkünstler gilt. Aber offensichtlich war er diesmal so sehr mit der Komposition schöner Leidensbilder beschäftigt, dass er für Spannung oder Nuancen keine Zeit hatte.

Auf das Konto dieser Lieblosigkeit gehen die umso peinvolleren physischen Opfer: Der Mattia-Darsteller Luca Marinelli nahm für die Rolle 15 Kilo zu, und die vergeblich facettenreiche Alba Rohrwacher zehn Kilo ab. Das ist Freakshow-Kino, das eins auf dicke Arthouse-Hose macht.