Tragikomödie

Was tut ein Mann nicht alles für die Eine

Philip Seymour Hoffman strengt sich in seinem Regiedebüt "Jack in Love" richtig an, um die Angebetete zu gewinnen.

Es klingt wie eine Ohrfeige. Dabei hat nur der Schneepflug eine Dreckladung Schnee an die Windschutzscheibe des wartenden Autos gedonnert. Darin sitzen zwei Freunde, Clyde und Jack. Auf die Watschen folgt ein Tiefschlag: Clyde lässt seinem Beziehungsschmerz freien Lauf. Die Lektion für den beziehungsunerfahrenen Jack ist niederschmetternd: „Wenn sie dich betrügt, verfolgt dich das ein Leben lang“, greint Clyde. Man möchte dem Jammerlappen den Mund zuhalten. Jack soll doch bitte seine eigenen Erfahrungen machen. Wird er ja auch.

Philip Seymour Hoffman spielt Jack, einen schweig- und duldsamen Limousinenchauffeur in New York, der sich aufrafft, eine Frau namens Connie zu erobern. Er wirkt wie einer, der manchen Schlag einstecken musste. Jetzt ist Aufbruch angesagt. Aber schön langsam.

Regie-Talent ist nicht jedem Star gegeben

Als Spezialist für schwierige Charaktere hat Hoffman Triumphe gefeiert. In „Capote“ gelang ihm die Verwandlung in einen exzentrischen Schriftsteller ebenso wie in „Tödliche Entscheidung“ die in einen heroinabhängigen Sohn, dessen Überfallkomplott seine Familie ruiniert.

Dem Schauspieler Hoffman scheinen kaum Grenzen gesetzt, und mit der Independent-Tragikomödie „Jack in Love“ feiert er jetzt sein beachtliches Debüt als Regisseur. Das Doppeltalent, das sich bei Hoffman immerhin abzeichnet, ist nicht jedem Hollywoodschauspieler gegeben (wie etwa Clint Eastwood, der auch hinter der Kamera etwas zu sagen hat). So waren Paul Newmans Regietaten mäßig, die von Mel Gibson ausgesprochen verzichtbar. Ralph Fiennes' lederne Shakespeare-Adaption „Coriolanus“ fiel gerade auf der Berlinale durch.

Apropos. Die Leinwand des Berlinale-Palasts war randvoll mit Paaren, die in Trennung oder im erotischen Spätstadium leben. „Nader und Simin, eine Trennung“: eine Screwball-Tragedy der Rededuelle und Geschlechterschranken. „Kommt Regen, kommt Sonnenschein“: Ein koreanisches Paar zelebriert den Status Quo. Und in Miranda Julys „The Future“ verschläft ein skurriles Gespann die gemeinsame Zukunft. Hoffmans Film bietet die Erholung. Weil Jack und Connie sich tatsächlich ineinander verlieben, während die streitsüchtigen Clyde und Lucy eine Kontrastfunktion erfüllen, als Beispiel, wie ein Paar es vergurkt.

Bis zum Sommer wollen Clyde und Lucy ihren Freund Jack mit Lucys Kollegin Connie verkuppelt haben. Noch fallen Schneeflocken. Und die Kandidatin hat Ansprüche. Connie träumt vom Bootfahren im Central Park, doch Jack kann nicht schwimmen. Irgendwie seltsam allerdings, dass Jacks Aquaphobie dank Clydes Schwimmtraining im Nullkommanichts behoben wird, und dass der behäbige Jack sich binnen Wochen zum olympiareifen Kraulschwimmer mausert. Glaubt kein Mensch.

Sogar eine Rastafrisur legt sich Jack zu

„Jack in Love“ – der deutsche (!) Ersatztitel für „Jack goes Boating“ ist eine Zumutung – basiert auf einem Off-Broadway-Stück von Bob Glaudini, der auch die Filmadaption besorgte. Vielleicht ist sein Mangel an Drehbucherfahrung schuld daran, dass die zuvor auf eine Apartmentszenerie konzentrierte, nun auf verschiedene New Yorker Schauplätze verteilte Filmhandlung in Details unplausibel wirkt. Wer ein Bühnenstück „lüftet“, sollte die gewonnenen Freiräume auch mit triftigen Inhalten füllen.

Im Zug seiner Selbstoptimierung legt sich Jack nicht nur eine Rastafrisur zu und nimmt Kochstunden beim Küchenchef des Waldorf-Astoria (der als Lucys Ex-Liebhaber wiederum Clyde zum Kochen bringt). Glaudini lässt Jack auch auf eine Stelle bei den New Yorker Verkehrsbetrieben zuarbeiten, vergisst den Faden aber wieder. Inwiefern soll sich die erträumte Tätigkeit von Chauffeursdiensten großartig abheben? Keine Antwort.

Eine etwas unebene Vorlage also, die der Regisseur dennoch in manch schöne Szene ummünzt. Er setzt auf leise Töne und kostet vor allem intime Momente aus. Darunter einen verunglückten Beischlafversuch, den Connie mit dem Einwand unterbricht, sie sei noch nicht bereit zur „Penis-Penetration“.

Hoffman tut sich besonders als Schauspieler-Regisseur hervor, der uneitel genug ist, um den Kollegen ihren Entfaltungsspielraum zu gewähren. „Jack in Love“ ist keine selbstverliebte Ein-Mann-Show. Amy Ryan zum Beispiel darf die Stadtneurotikerin Connie mit delikater Nervosität verkörpern, als melancholische Nichte der Annie Hall. Und John Ortiz überzeugt als zwischen eleganter Selbstbeherrschung und aufbrausender Eifersucht schwankender Clyde.

Schließlich wird in der die Küche geübt

Hoffman selbst gelingt eine darstellerische Gratwanderung. Er stattet die behäbig-begriffsstutzige Titelfigur mit gerade soviel Wärme aus, dass sie als Sympathieträger durchgeht. Andererseits vermittelt er bisweilen den Eindruck, dass der Kopfhörerdauerträger Jack nicht allzu viel Interesse für seine Umwelt aufbringt. Clyde und Lucy müssen den Freund schon sehr ins Herz geschlossen haben, dass sie ihre Küche Abend für Abend für dieselbe Menüzubereitung hergeben. Nur so meint Jack seine Kochkünste für das entscheidende Dinner mit Connie perfektionieren zu können.

Achtung, warnte eine New Yorker Zeitschrift potenzielle Theaterbesucher, im Stück werde geraucht und der Wortschatz sei nicht jugendfrei. Das ist im Film ähnlich, und vielleicht müsste man den dort an den Tag gelegten Tabakkonsum als revolutionären Akt bejubeln. Doch Qualm ist spätestens seit der TV-Serie „Mad Men“ in Amerika kein wirkliches Tabu mehr. Außerdem lässt Glaudini das finale Abendessen des Quartetts in ein wahres Wortgefecht münden – und daran ist eine Wasserpfeife mit vier Mundstücken nicht ganz unschuldig.

Immerhin geht Jack nach dem Gourmet-Gau einmal von der Bremse und wirklich aus sich heraus. Doch kann man das vom Film auch behaupten? Im Grunde wartet man Szene um Szene vergeblich auf die Explosion, die Ohrfeige, die echte Ladung New Yorker Lebensgefühl, von uns aus mitten ins Gesicht. Nächstes Mal bitte das Sicherheitsglas entfernen.