Rock

Primal Scream ziehen wieder durch die Welt

Bobby Gillespie mit seinen Primal Scream gehen mit ihrem großartigen Album "Scremadelica" wieder auf Tour. Eine Begegnung.

Ziemlich genau 25 Jahre ist es her, dass Primal Scream beim "C86"-Festival im Londoner Kulturzentrum ICA auf der Bühne stand. Dünne Männer mit Pilzkopf-Frisuren und gestärkten Oberhemden spielten charmant-arroganten Gitarrenpop und nannten sich Primal Scream. Sänger Bobby Gillespie hat sich erstaunlich gut gehalten.

47 Jahre alt ist er, schlank und rank trotz all der Exzesse. Mittellange Strähnen fallen ins schmale Gesicht, als Familienvater mit zwei Söhnen hat er sich letztlich dem Drogenelend seiner Ex-Bandmitglieder entzogen.Nach neun Alben in 27 Jahren – Gillespie benennt den 12. Oktober 1984 als offizielles Gründungsdatum – sind die mehrfach umformierten Primal Scream am nächsten Scheitelpunkt ihrer Karriere angelangt.

2011 markiert das 20ste Jubiläum ihres prägnantesten Werkes Screamadelica. Jene seinerzeit unerwartete Fusion von Psychedelia, Funk und Rolling-Stones-70er-Jahre-Blues mit Tracks wie "Loaded", "Come Together" oder "Moving On Up".

"Wir haben uns eigentlich schon mit dem neuen Album beschäftigt, als das Management mit einer Idee um die Ecke kam", erzählt Gillespie. "Es gäbe da diese Originalaufnahmen von früher; ob wir uns nicht noch einmal mit diesem Material im Hinblick auf ein weltweite Live-Tour beschäftigen wollten. Während ich noch schwer damit gehadert habe, ob das nicht zu retro, nostalgisch und rückwärts gerichtet rüberkäme, waren die Jungs schon voll ins Thema eingetaucht."

Punk als Initialzündung

Als Bilderbuch-Held der britischen Working Class hat Gillespie die Schule, die für ihn eher ein Auffanglager für Problemfälle als eine Lehranstalt war, so schnell wie möglich verlassen. Sein Vater engagierte sich in der Drucker-Gewerkschaft und kandidierte später für die schottische Labour Party.

Der Bruder begann eine frühe Drogenlaufbahn. Ohne die Musik, sagt Gillespie heute, wäre er sicher versumpft wie die kaputten Typen aus "Trainspotting". Als Teenager arbeitete er als Roadie, lungerte in Clubs herum und hörte sich quer durch die Popgeschichte.

Er verehrte die Glasgow-Indie-Pop-Sternchen Altered Images mit ihrer mädchenhaften Sängerin Clare Grogan, genauso wie die Sex Pistols zu seinen Allzeithelden zählen. "Punk war zweifellos meine Initialzündung, selbst etwas zu wagen. Egal, ob du schüchtern oder verpeilt warst, diese rohe Energie hat dich auf die Bühne getrieben."

Prolo-Variante von Velvet Underground

Die eigene Band war bereits formiert, während er noch als stoischer Steh-Drummer bei den Glasgow-Kollegen von The Jesus and Mary Chain wirkte: Feedback-Gewitter, dunkle Sonnenbrillen, schwarze Klamotten – eine schottische Prolo-Variante des Modells Velvet Underground .

Erst mit dem Ende dieser Doppelfunktion, also im Oktober 1984, beginnt für Gillespie die Ära Primal Scream - und damit eine wüste Achterbahnfahrt durch verschiedene Spielarten. Auf den verschnupften Gitarrenpop der Single "Velocity Girl" folgen mit Sonic Flower Groove und Primal Scream zwei rausgebolzte Alben, in denen Gillespie seiner Leidenschaft für derbe Rocker frönt.

Die Band trägt fortan Lederhosen und bauschige Musketier-Hemden. Musik-Junkie Gillespie wird in Interviews zum Kronzeugen des massiven Revivals der Westcoast-Band Love.

Der Drogenkonsum wurde härter

Es gehört zu den großen Momenten des Pop, dass dieser Zitatschatz Anfang der Neunziger ausgerechnet unter der brüchigen Konstruktion des "Rave" explodiert. Gillespies Urgefühl für trippige Stimmungen und das dröhnende Wabern seiner Revolvertruppe wird unter der Ägide des Mixerteams zu einer dichten Rhythmus-Abfahrt.

Das britische Crossover zwischen Ibiza, Manchester und den Clubs des Kontinents feiert fröhliche Urstände. Happy Mondays, Flowered Up, Stone Roses und auch Primal Scream als rockende Antwort auf den Urknall des Techno. Warum ist die Band nach Screamadelica wieder zum Gitarrenrock zurückgekehrt?

"Da gibt es nichts zu beschönigen", sagt Bobby Gillespie. "Nach der fast schon sonnig-freundlichen Welle mit Ecstasy wurde der Drogenkonsum bei Primal Scream immer härter, die Stimmung düsterer. Letztlich wurde unser damaliges Lineup durch Heroin vollends aus der Bahn geworfen", erzählt Gillespie.

Momentaufnahme des Pop

Als müssten sie einen Gegenpol markieren, zeigt das Cover des 1994er-Albums "Give Out, But Don't Give Up" eine Südstaatenflagge in Neon. Der Beginn einer 15 Jahre andauernden Rumpelstrecke, die über einen Beitrag zum "Trainspotting"-Soundtrack und eine kryptische Hymne zur Fußball-Europameisterschaft 1996 führt ("The Big Man And The Scream Team Meet The Barmy Army Uptown"). Während die heile Indiewelt der Achtziger und Neunziger zerbröselt, irrlichtert Bobby Gillespie durch Raum und Sounds.

Als "Kraftwerk spielende Motörhead " bezeichnete der "Observer" Primal Scream 2006. Eine Diagnose, die auch fünf Jahre später zutrifft. Bobby Gillespie ist dann doch zu sehr der Stooges-verehrende Chaot, als dass er aus Screamadelica eine Neo-Disco-Show macht. Für ihn ist das damalige Zusammengehen von Clubkultur und Rockkultur aus heutiger Sicht eine Momentaufnahme des Pop.

"Rock" als endloser Trip

Eine beswingte Fusion von milden Drogen, Ibiza-Gefühlen und neuen Produktionstechniken. Vor allem aber: eine abgeschlossene Ära. "Ich hätte es komplett bescheuert gefunden, dieses Album als nochmalige Wiederkehr des Summer of Love aufzuführen. "

Gillespies Antwort auf die Vergangenheit heißt "Rock" als endloser Trip. Dass er dabei weiterhin im großen Arsenal des Pop von Aretha Franklin über Can bis Dubstep wühlt, ehrt ihn. Auf der Bühne jedenfalls lässt er es krachen.

Primal Scream spielen ihre "Screamadelica"-Show als Headliner neben Suede und Beginner beim Berlin Festival 2011 am 9./10. September auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof.

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