TV-Inszenierungen

Das Publikum bekommt das Programm, das es verdient

In Doku-Soaps werden Kandidaten oft systematisch vorgeführt. Das ist Teil des Erfolgs. Dass es ohne Inszenierung in diesem Genre nicht geht, liegt auch am Zuschauer.

Foto: RTL (3), RTL II / RTL (3), RTL II/Stefan Menne, Christoph Assmann, filmpool

Stellen Sie sich vor, es klingelt an Ihrer Tür. Vor Ihnen steht ein Kamera-Team, daneben eine Frau vom Kaliber Clementine. Sie fragt, ob sie hereinkommen dürfe. Ihr Gesicht kommt Ihnen bekannt vor. Doch bevor Sie es zuordnen können, hat die Frau ihre Nase schon in den Flur gesteckt.

Sie hätte gehört, in Ihrem Wohnzimmer stinke es. Sie hätten schon lange nicht mehr aufgeräumt und noch länger keine Miete bezahlt. Ob sie mit Ihnen unter vier Augen darüber reden könne? Ihr Name sei Int-Veen, Vera Int-Veen. Würden Sie diese Frau hereinlassen?

Nein, das ist keine rhetorische Frage. Es scheint tatsächlich immer noch Leute zu geben, die glauben, Vera Int-Veen sei ein Engel, den Ihnen RTL schickt, um Ihnen zu helfen, ihre Wohnung aufzuräumen, ihre Schulden loszuwerden, abzuspecken, die Frau fürs Leben zu finden - oder was auch immer.

Anders ist nicht zu erklären, warum die Moderatorin jetzt am Pranger steht. Warum ihr eine Abmahnung der Landesmedienanstalt droht und vielleicht sogar der Verlust dessen, was man auch im Privatfernsehen Glaubwürdigkeit nennt.

Vera Int-Veen und die Berliner Film-Firma Imago TV müssen sich den Vorfall gefallen lassen, sie hätten „getrickst“. Es geht um ihre neue quotenstarke Doku-Soap „Mietprellern auf der Spur“. Und um die Frage, ob es stimmt, was ausgerechnet die Bild-Zeitung enthüllt hat. Dass die Produzenten nämlich Dialoge verfälscht und Wohnungen selber vermüllt haben.

Das klingt nach starkem Tobak. Können die Boulevard-Reporter doch beweisen, dass sich Vera Int-Veen tatsächlich gegen den Willen des geistig behinderten Sohnes einer Mietprellerin Zugang zur Wohnung verschafft hat.

In der ausgestrahlten RTL-Folge beantwortet der Junge die Frage, ob sie ihm folgen dürfe, mit „Ja“. Aus dem Rohmaterial, dass der „Bild“ zugespielt wurde, geht aber hervor, dass sich diese Antwort auf eine ganz andere Frage bezieht.

Die Verantwortung dafür hat die Produktionsfirma dem „Schnittproducer“ zugeschoben. Man ist bemüht, den Trick als Schludrigkeit zu verkaufen - und den Zuschauer für doof.

Denn wer soll heute noch glauben, dass solche Dokusoaps ohne Drehbuch auskommen? Es mag zynisch klingen, aber dramaturgische Kniffs sind unabdingbar, um den immer gleichen Geschichten aus dem tristen Alltag der Underdogs Würze zu verleihen.

Nach dem Landesmediengesetz könnten die Medienwächter RTL solche Methoden zwar mit Hängen und Würgen als Verstoß gegen die Menschenwürde auslegen. Sie würden damit aber ein Fass ohne Boden öffnen. Denn mit der Menschenwürde im Privatfernsehen ist es nicht weit her. Das zeigt ein Blick in die TV-Programme der vergangenen Jahre.

Es liegt in der Natur solcher Doku-Soaps wie „ Bauer sucht Frau “, „Dschungelcamp“ oder „Schwiegertochter gesucht“, dass Kandidaten mehr oder weniger systematisch vorgeführt werden. Gerade das erklärt ja ihren Erfolg. Der Schadenfreude-Effekt.

Wer die „Super-Nanny“ (RTL) einschaltet, möchte sich daran ergötzen, wie verhaltensauffällige Kinder namens Cedric-Pascal oder Cheyenne-Jolie ihren hoffnungslos überforderten Eltern den letzten Nerv rauben.

Wer sich die Kuppelsoap „Schwiegertochter gesucht“ (RTL) ansieht, will erleben, wie sich verschrobene Junggesellen bei ihren ersten Flirtversuchen blamieren. Und wer Vera Int-Veen auf der Jagd nach Mietprellern verfolgt, sehnt sich nach dem wohligen Grusel, der ihn beim Anblick von Buden überfällt, die noch unaufgeräumter sind als die eigene.

Das gibt den Produzenten zwar noch nicht das Recht, geistig behinderte Kinder von Mietprellern zu überrumpeln oder Wohnungen selber zuzumüllen, um die Erwartungen ihres Publikums zu bedienen.

Doch solange Millionen Zuschauer solche Sendungen einschalten und kein Werbekunde mit Boykott droht, wie es RTL 2009 im Fall der Baby-Verleiher-Soap „Erwachsen auf Probe“ passierte, können sie sich der Rückendeckung des Senders sicher sein. Wo kein Kläger, da kein Richter.

Ohne Inszenierung geht es in diesem Genre nicht, das ist ein offenes Geheimnis. Wie weit die Produzenten von Dokusoaps die Realität verbiegen „dürfen“, das ist weniger eine Frage von Anstand oder Moral. Im Zweifelsfall entscheidet die Quote.

Was vielleicht erklärt, warum die Zukunft dem „gescripteten Reality-TV“ gehört. Formaten wie den „X-Diaries - love, sun & fun“ (RTL II) oder den „Familien im Brennpunkt“ (RTL). Sie erheben gar nicht erst den Anspruch, sich an der Realität zu orientieren. Ihre Macher inszenieren fiktive Geschichten mit echten Laien-Darstellern.

Das spart nicht nur Kosten. Den Produzenten eröffnen sich auch völlig neue Spielräume. Ihre Kameras leuchten auch den letzten Winkel der Privatsphäre aus.

Sie begleiten Familienmuttis in flagranti beim Seitensprung im Urlaub. Sie zeigen Väter, die gerade beim Arzt erfahren, dass sie an einer unheilbaren Krankheit leiden. Und kein Medienwächter fragt nach der Menschenwürde oder nach den Grenzen der Inszenierung.

Das spricht nicht für diese Formate. Es spricht aber noch stärker gegen die Menschen, die sie einschalten. Jedes Publikum bekommt das TV-Programm , das es verdient.