Quotendruck

So wird der Zuschauer zum Testproband

Trends im TV gibt es zuhauf. Momentan ist das Thema "Wohnen" in. Dabei ist dem Zuschauer eine besondere Rolle zugedacht.

Foto: Vox/Welt Online

In den Neunzigern wurde auf allen Kanälen getalkt. Der Talk wurde vom Kochen zu jeder Uhrzeit abgelöst. Gerichtsshows und Einrichtungsshows folgten auf die ausgebrannten Formate, bis sie durch die Übersättigung der Zuschauer ausgelöscht wurden.

Spätestens zum Start der unzähligen Einrichtungsshows setzte eine neue Art „Trend“ ein. Das sogenannte „testing on air“.

Schnell mal ein neues Format ausprobieren, und wenn es die magische Grenze von sechs bis sieben Prozent Marktanteil nicht schafft – dann eben wieder weg damit. Der Seher wird zum Testseher, ohne dass er das weiß. Es wird längst nicht mehr nach Ursachen geforscht, optimiert und verbessert.

Er gilt die Devise: Absetzen ist besser als Nachsitzen. In der ARD sieht das noch ein wenig anders aus. Ein Beispiel: bei „Hart aber Fair“ bittet Frank Plasberg zur „Nachkontrolle“ der Sendung. Zuschauer werden eingeladen, um die vergangene Sendung zu bewerten. Ab und an kommt man zum Ergebnis: beim nächsten Mal besser machen.

Aktuell gibt es wieder einen neues Sendeformat, um im hart umkämpften Quotenland zu gewinnen: die Schlacht zwischen Mietern und Vermietern und umgekehrt. Natürlich in allen Facetten, mit allen Mitteln. Hauptsache – eben: Quote.

Hier macht sich die Talkkönigin von einst, Vera Int-Veen (43) breit. Im RTL Format „Mietprellern auf der Spur“ spielt sie die Retterin der geschädigten Vermieter. Sie umarmt herzlich, kuschelt sich in die Herzen der Vermieter und des Publikums. Vera wird ganz schnell zur guten Seele, zur scheinbar besten Freundin. Seit einiger Vorfälle könnte man den Eindruck haben, dass sie einfach nur eine gute Schauspielerin ist.

Laut „Bild“ schummelt sich die selbst ernannte „Helferin mit Herz“ durch die laufende Staffel. Eine angeblich vermüllt zurückgelassene Wohnung wurde in Wirklichkeit sauber hinterlassen, die Produktionsfirma habe dann aber wohl in Sachen Unrat etwas „nachgeholfen“. Verständlich. Es müssen ja Bilder her, schlimme Bilder. Der Pflichtmarktanteil muss erreicht werden. Und wenn im Drehbuch steht: „vermüllte, stinkende, urinverseuchte Wohnung“, dann muss die her, egal wie. Die Produktionsfirma Imago TV wiegelte ab.

Einige Tage später wieder schwere Vorwürfe gegen Vera Int-Veen. Dieses Mal sollen sie und ihr Kamerateam sogar gegen das Persönlichkeitsrecht verstoßen haben. Obwohl vom „Opfer“ nicht gestattet, soll mit der Kamera feste draufgehalten worden sein.

Hier macht die gute Seele selbst vor einer behinderten Mutter scheinbar nicht halt. Kandidaten werden regelrecht „abgeschossen“. RTL Sprecherin Anke Eickmeyer gegenüber „Bild“: „Die Mutter war mit den Dreharbeiten selbstverständlich einverstanden“.

Die Reaktion der Unternehmenssprecherin muss wohl so sein. Denn der Run um die Quote ist kein Ponyhof. Der Kampf ist eröffnet. Und prompt gibt es bei Vox auch schon den nächsten Ableger des Miettrends mit dem Zuschauer als Proband.

Bei Vox setzt man am Nachmittag auf Dokusoaps und „scripted reality“, also per Drehbuch „gemachten“ Geschichten.

Die Produktionsfirma „Filmpool“ realisierte für den Heimatsender von Daniela Katzenberger das Format „Mieterzoff“. Und auch dieses Format wird „on air getestet“.

Der Vox-Nachmittag braucht eben auch seine sechs Prozent Marktanteil. Und den bei Vox zu schaffen, scheint nicht einfach. Vor „Mieterzoff“ versuchte man sich auf diesem Sendeplatz mit den Dokusoaps „Einrichter“ und „Endlich zu Hause“. Test nicht bestanden, also raus damit.

Vox selbst bezeichnet das neue Format als „Mietrecht-Doku“. Die Spielregeln sind recht einfach: ab 14 Uhr zwei Folgen hintereinander, jeweils eine Stunde. Es wird hier ein Streitfall zwischen Mieter und Vermieter vorgestellt.

Diese werden von Anwälten kommentiert, die über die Rechtslage aufklären und Tipps geben. Einer von ihnen ist Karsten Dusse, Rechtsanwalt aus Bonn. Bei „RTL Freitag Nacht News“ gab er schon den unverschämten Straßenreporter Wulf Assols. Von dort sprang er in die Robe und ins gespielte Gericht.

In „Richterin Barbara Salesch“ war er in einigen Folgen zu sehen. Ihm ist nicht Bange, irgendwann ähnlich wie Vera Int-Veen am Schummelpranger zu stehen: „zunächst einmal bin ich tatsächlich Rechtsanwalt. Und das war auch Grundvoraussetzung für die Produktionsfirma und den Sender. In unserer Sendung werden Fälle inszeniert. Die Darsteller sind Laienschauspieler, die ein Drehbuch bekommen. Also sind wir keine Dokusoap, sonder eben „scripted reality“. Und daraus machen wir gar keinen Hehl. Wir wollen keine Menschen vorführen, wir sind ein Ratgeber in Unterhaltungsform und nicht auf Skandale aus.“, sagt Karsten Dusse.

Anders als beim großen Bruder RTL mit Kuschelfreundin Vera Int-Veen in „Mietprellern auf der Spur“, werden bei „Mieterzoff“ ganz kleine Brötchen gebacken: „wir hatten nur drei Monate Zeit die gesamte erste Staffel zu schreiben, zu drehen, fix und fertig zu stellen. Und das mit einem sehr kleinen Team. Drei CVDs, eine Producerin, 5 Redakteure. Mehr Budget war einfach nicht drin. Mit Vox wurde vereinbart, dass wir 14 Tage testen. Also sind wir ein Entwicklungsprojekt“, sagt Felix Wesseler, Pressesprecher der Produktionsfirma Filmpool.

Viel Zeit, um die neue Sendung zu optimieren gibt es nicht, das Geld will der Sender nicht wirklich investieren. Dabei ist das neue Format sicher eines, das sich tragen kann. „Mieterzoff“ startete recht mühsam. Die Quote lag zunächst deutlich unter den magischen sechs Prozent Marktanteil. So sah es so aus wie immer: Test nicht bestanden, und der Nächste bitte.

Dann die Wende. Ende der zweiten Woche schaffte man den Sprung auf sieben Prozent. Bleibt die entscheidende Frage: gibt man einem neuen Sendeformat im Haifischbecken des Nachmittagsprogramms nun eine Chance? Auch die Möglichkeit sich zu entwickeln? Denn das braucht ein erfolgreiches Format. Jedes. Es ist der große Irrtum der Sender zu glauben, dass neue Sendungen aus dem Stand funktionieren.

Egal ob Gottschalk, Jauch oder Harald Schmidt, sie werden sich bei ihren neuen Programmen einpendeln müssen. Für sie hat man jedoch so viel Budget eingeplant, dass sie dazu auch den nötigen Raum haben.

Was ist aber mit einem „Low-budget-Produkt“ wie „Mieterzoff“? Hier liegt man laut Filmpool-Sprecher Felix Wesseler ungefähr bei der Hälfte dessen, was normalerweise pro Folge bezahlt wird. Insider berichten, dass für eine Folge Dokusoap zum Beispiel zwischen 85 und 90.000 Euro an die Produktionsfirmen fließen.

Eigentlich wollte man sich erst in einigen Wochen wieder zusammensetzen, um über die Zukunft von „Mieterzoff“ zu entscheiden. Das wurde vorgezogen: „Bei Vox werden auch in Zukunft am Nachmittag Rechtsfragen beleuchtet. Es geht also weiter. Wir werden uns zukünftig neben dem Mietrecht aber auch anderen Rechtsstreitigkeiten öffnen“, so Julia Kikillis, Pressereferentin des Senders.

Im Fall von Vera Int-Veen und der Sendung "Mietprellern auf der Spur" ermittelt nun die niedersächsische Landesmedienanstalt. Jene Kontrollbehörde, die am Ende die Sender im Auge behalten muß, und entsprechend einschreitet. Bei groben Verstößen diesen Ausmaßes durchaus sinnvoll, daß es sie gibt.

Vielleicht sollte die Behöre ebenso klare Richtlinien entwickeln, in denen klargestellt wird, dass der Zuschauer nicht weiter als Proband benutzt wird, sondern die Sender aufgefordert sind, schlicht fertig entwickelte und durchdachte Formate zu senden

Mike Kleiß arbeitet seit 20 Jahren in den Medien. Er ist Medienexperte, und arbeitet als Dozent an diversen Akademien und für das Unternehmen „Medienhafen Köln“.