Jazz

Pat Metheny spielt die Radiodramen seiner Jugend

Auf seiner CD "What's It All About" interpretiert der Gitarrist und Grammy-Gewinner Pat Metheny Songs von Simon & Garfunkel oder den Beatles.

Als John F. Kennedy erschossen worden war, suchte der Musiker Paul Simon Rat bei seinem alten Freund, der Finsternis. Er schrieb „The Sound Of Silence“, worin er die Dunkelheit um eine Unterredung bat. Als das Lied, das von der Trauer und der Stille handelte, erschien, im Frühjahr 1964, drehte alle Welt vor Glück das Radio auf. So funktionieren Popsongs: Im Affekt verfasst und mit Kalkül auf Tonträger gepresst, sprechen sie die Gefühle, die Instinkte und die Kauflust an.

Neun Jahre alt war Pat Metheny, als ihn Simon & Garfunkel mit „The Sound Of Silence“ überraschten. Einen merkwürdigen Jungen auf dem Land im Mittelwesten von Amerika, der bereits ahnte, dass es mehr Musik da draußen gab als in den Radios lief. Er mochte auch die Hits. Aber noch mehr begeisterte er sich für Schallplatten, und für sämtliche Gitarren in der Nachbarschaft.

Weltmeister der Jazzgitarre

Mit elf entdeckte er Miles Davis und beschloss, Jazzmusiker zu werden. 14 Stunden täglich übte Pat Metheny Jazzläufe und abseitige Harmonien auf der Gitarre. Damit irritierte er während der späten Sechziger, im goldenen Zeitalter des Pop, seine Umgebung und sein Elternhaus.

Die Schule war ihm lästig: „Algebra nützt einem wenig, wenn man die Struktur des Jazz verstehen will“, sagt Pat Metheny. Er wurde bereits als Minderjähriger Dozent an einer Hochschule in Florida und zum ewigen Wunderkind. Ein Struwwelpeter im Matrosenhemd, der Weltmeister der Jazzgitarre.

Zurück zur ursprünglichen Popmusik

Dass sich Pat Metheny jetzt mit 56 an die ursprüngliche Popmusik erinnert, die dreiminütigen Radiodramen seiner Jugend, spricht nicht für den Jazz wie er seither von Akademikern verstanden werden möchte. „What’s It All About“ lautet die Überschrift über Methenys neuem Album: Worum geht es? Es geht einerseits um musikalische Mysterien, um die gern beschworene innere Saite, die ein schlichter Song im Zuhörer zum Schwingen bringt. Und andererseits geht es um Bausteine, um kleinste Melodien und Klänge.

Den Song „The Sound Of Silence“ spielt Metheny zwar auf seiner 42-saitigen Pikasso-Gitarre, einem dreihalsigen Instrument, das kreuz und quer bespannt ist und in den Konzertsälen der Welt bestaunt wird wie eine Monstranz. Aber er zupft das Lied wie ein verzopftes Lautenstück über die unstillbare Sehnsucht nach der Stille.

Metheny und die Bariton-Gitarre

Vor zehn Jahren hatte Pat Metheny schon einmal sein ehrgeiziges Schaffen unterbrochen. Mit „One Quiet Night“ erschien ein leises Album für die Bariton-Gitarre solo. Bariton-Gitarren liegen sperrig in der Hand, die Saiten klingen eine Quinte tiefer. Wer sie spielt, beschränkt sich selbst in seiner Kunst und Fertigkeit. Metheny handhabt sie, wie es ein älterer Nachbar ihm empfohlen hatte, als er noch ein Kind war.

Es ist ein Sinnbild für die Popmusik, wie er die Bariton-Gitarre spielt: in tiefer zielende Sounds gehüllte Melodien fürs Gemüt. So intoniert Metheny Stücke, die man plötzlich wieder hören kann wie „Alfie“ von Burt Bacharach, Antonio Carlos Jobims „Girl From Ipanema“ oder Carly Simons „That’s The Way I’ve Always Heard It Should Be“.

Rückzugsort hinter dem Jazz

In seinen Pausen hat sich Pat Metheny mit der sperrigen Gitarre und den abgenutzten Popsongs ein Idyll geschaffen. Einen Rückzugsort hinter dem Jazz, den immer bildungsbürgerlicheren Gepflogenheiten, Ansprüchen und Bräuchen. Um die Lieder endlich für ein Album aufzunehmen, hat er sich daheim allein im Schummerlicht vors Mikrofon gesetzt statt in ein Studio vor die Scheibe des Kontrollraums. Ohne das erwartungsvolle Auditorium im Sinn, aus Spaß.

Ihm sei nie langweilig gewesen mit sich selbst, sagt Pat Metheny. Er hat seine eigenen Jazzrock-Klassiker wie „Phase Dance“ immer wieder aufgeführt mit zwei Gitarren gleichzeitig. Die Bühnen sahen aus wie Waffenarsenale. Für empfindsamere Geister hat er Klanglandschaften nach den Vorgaben der Münchner Firma ECM entworfen.

Ein Popstar des Jazz

In die Hitparaden kehrte Pat Metheny ein, als David Bowie mit ihm „This Is Not America“ aufnahm. Immer wieder unterbrach er die Routine seines Bandbetriebs mit Platten, auf denen er die Musik verwüstete, mit Alben wie Übersprungshandlungen.

Mit „Zero Tolerance For Silence“ demonstrierte er dem Grunge-Rock 1994, wie man wirklich radikal Gitarre spielt. Zuletzt baute er Automaten, seine „Orchestrionics“, bei denen er Schlag- und Tasteninstrumente mit seinen Gitarrensaiten steuerte und sagte: „Selbstverständlich hätte ich auch leibhaftige Musiker beschäftigen können. Aber ich wollte das Neue wagen.“

Was der Jazz im 21. Jahrhundert sein könnte, weiß nicht einmal mehr Pat Metheny, einer seiner Popstars. Seit der Bebop sich vor 70 Jahren ausdrücklich gegen die Popmusik des Swing verwehrt hat, gilt der Jazz als schwierige Musik für Eingeweihte. Als „Contemporary Adult Music“ in Amerika und als moderne Klassik in Europa.

Jazzgelehrte führen feurige Debatten gegen die verdächtig populären Jazzgesänge von Diana Krall und Norah Jones . Und nun setzt sich auch noch der Weltmeister der Jazzgitarre hin, um nicht mehr durch Bravourstücke zu hetzen, sondern volkstümliche Songs respektvoll vorzutragen.

Komplexe Welt

Vor einigen Jahren hat Pat Metheny erklärt: „Ich will, dass die Menschen wieder lernen, die komplexe Welt zu würdigen.“ Inzwischen hat man lernen müssen, dass die Welt komplexer ist als Wirtschaftsweise, Klimaforscher, Energieexperten und Computerprozessoren denken können.

„Vielleicht ist auch alles einfacher als es der Mensch für möglich hält“, sagt Pat Metheny. Er spielt „Pipeline“, eine ewige Hymne für den Strand und für die Surfer. Er spielt „And I Love Her“ von den Beatles, denen bereits 1964 klar war, dass die Welt schon kompliziert genug ist.

Pat Metheny: What’s It All About (Nonesuch)