Amerikas Superhelden

Houdini, ein Typ, der sich nicht einsperren ließ

Eine New Yorker Ausstellung zeigt, wie aus einem Budapester Juden der Magier Harry Houdini und der erste Superheld Amerikas wurde.

Ein Mann hängt kopfüber in einer Zwangsjacke über einer lachenden Menge. Der verpuppte Körper zuckt, windet sich, der Mann bäumt sich auf wie im Todeskampf, bis er die Zwangsjacke in der Hand hält und fallen lässt. Für einen Augenblick breitet Houdini seine Arme aus wie eine Christusfigur; man ahnt den Atemdampf des Jubelschreis über den Tausenden, die ihm an jenem Wintertag 1920 in Boston zusahen.

Der berühmteste Magier und Entfesselungskünstler der Welt schenkte ihnen einen seiner tausend Tode. Nun schenkt er ihn uns. Alle Minuten wiederholt eine Schwarzweiß-Filmschleife das stumme Spektakel, während auf zwei anderen Monitoren bunte Reinkarnationen des Meisters laufen: Tony Curtis zaubert charmant in „Houdini“ (1953), Norman Mailer dirigiert in einer Installation 1999 als Houdini Eisbrocken. Beide Ausschnitte wirken harmlos neben der animalischen Wucht des Entfesselungsakts.

Reporter fraßen ihm aus der Hand

Das digitale Triptychon hätte Harry Houdini (1874-1926) alias Ehrich Weiss wohl geschmeichelt. Er war ein grundmoderner, zeitlos selbstverliebter Mann, der die neuen Medien zu seiner Vermarktung nutzte wie keiner zuvor. Heute gäbe er sich wohl auf YouTube zum Besten; damals nutzte er den noch jungen Film und dramatische Lithografien. Reporter in aller Welt fraßen ihm aus der Hand, Charlie Chaplin und Theodore Roosevelt zeigten sich stolz an seiner Seite, Sir Arthur Canon Doyle war ein enger Freund, bevor er ein enger Feind wurde.

Houdini war ein Budapester Jude aus ärmster Familie, er nannte sich „Selbst-Befreier“: Er verhieß den Immigranten das Vergessen ihrer Misere, stiftete Hoffnung für die nächste Generation und war dabei so amerikanisch wie Baseball. Manche sagen, Harry Houdini sei der erste Superheld der US-Popkultur gewesen, lange vor Superman und Batman. „To pull a Houdini“ gibt im Englischen dem spurlosen Verschwinden seinen Namen. Sein Trick ist, über 85 Jahren nach seinem Tod nie verschwunden zu sein.

Er gab nie übernatürliche Kräfte vor

Natürlich sprechen wir nicht von jenen Seáncen, bei denen an seinem Todestag an Halloween („Harry, come back!“) Bewunderer im Houdini-Museum in Scanton Kontakt mit dem Meister aufnehmen wollen. Harry Houdini würde sie auslachen. Er gab nie übernatürliche Kräfte vor, selbst als Ungläubige ihn anflehten, seine Wunder zu erklären. Seine letzten Jahre widmete er dem Kampf gegen angemaßte Verbindungen zum Jenseits.

Doch jene Dokumente und Exponate der Ausstellung „Houdini: Art and Magic“, die seine obsessive Aufklärungswut über die Geisterwelt des Spiritualismus dokumentieren, wirken mittlerweile kurios. Die nach dem Ersten Weltkrieg grassierende Mode, mit gefallenen Söhnen, Brüdern, Ehemännern Kontakte aufzunehmen oder einsame Frauen auszunehmen, liegt uns fern. So fern wie Houdinis Bücher und Artikel, die beleidigt wirken in ihrem Zorn: So als seien Wunder und Zauberkunststücke allein seine Sache, alle anderen Scharlatane.

Doch seine Flirts mit der Illusion und der letzten Gewissheit, dem Tod, sind noch so fabelhaft wie damals. Er mochte mit Kartentricks und den üblichen Gauklereien auf Provinzrummelplätzen begonnen haben, wo er in seinen ersten Jahren für ein paar Cents auftrat. Mit der „Metamorphose“, in der er mit seiner Frau und Bühnenpartnerin Bess auftrat, begann seine Wandlung. Für Laien ist es noch immer unfassbar, wie er, in Handschellen und in einen zugebundenen Sack gesteckt, innerhalb von drei Sekunden aus einer mit Vorhängeschlössern gesicherten Kiste entkommen und seinen Platz mit Bess tauschen konnte.

Für das Vaudeville und ein gehobenes Publikum entdeckt, richtete Houdini seine Entfesselung aus Ketten, Seilen, Handschellen immer radikaler aus: Er entkam aus mit Schlössern gesicherten und mit Wasser gefüllten Milchkannen; er ließ sich gefesselt in verschnürte Särge legen und im East River versenken; sich kopfüber und gefesselt in ein verglastes, mit Wasser gefülltes Bassin senken. Immer kam er scheinbar mühelos davon. Drei Minuten und dreißig Sekunden hielt er aus, bevor er auftauchte. Doch die Todesgefahr, der er sich aussetzte, war real, die Gänsehaut der Zeugen echt.

Zu seiner Zeit war Antisemitismus gesellschaftsfähig

Was das Jüdische Museum in New York außerhalb der üblichen Jahrestage dazu bewog, Houdinis Kunst und Magie jetzt zu würdigen, ist nicht von Bedeutung. Dass der Weltstar, der als Sohn eines Rabbiners im k.u.k-Reich geboren wurde und mit vier Jahren nach Amerika kam, Jude war, bedeutete damals ein Berufsverbot in allen seriösen Geschäftsbereichen. Juden waren in den USA private Schulen und Universitäten verboten, Antisemitismus war gesellschaftsfähig; das nach etlichen Einwandererwellen paranoid gewordene Land bekam von seinem Obersten Bundesgericht attestiert, dass Juden keine Weiße waren, so wenig wie Polen, Italiener, Slowaken.

Der Katalog der Ausstellung erinnert daran, dass bei den etablierten, deutschstämmigen Juden, die auf ihre Assimilation stolz waren, die osteuropäischen Glaubensbrüder nicht gelitten waren. Ehrich Weiss wusste, warum er einen nicht-jüdischen Künstlernamen wählte. So sehr er den Antisemitismus auch hasste, soll er nie protestiert haben, wenn über Juden hergezogen wurde, und er heiratete eine Katholikin. Gerade die ärmsten Immigranten verehrten ihn: als einen der Ihren, der sich aus Ignoranz und Elend befreit hatte und diese Befreiung auf die radikalste Weise inszenierte. Houdini war unbezwingbar, unwiderstehlich, fast unbezahlbar: Gibt es eine amerikanischere Verheißung?

Niemanden liebt er so sehr wie seine Mutter

Houdinis Eltern lernten nie Englisch, ihre beiden Söhne lernten kaum orthografisch korrektes Schreiben. Seine Mutter Cecilia sprach ein jiddisches Deutsch. In seinem Tagebuch notiert er am Samstag, dem 20. Mai 1916, drei Jahre nach ihrem Tod, wie sie nach dem frühen Tod seines Vaters ausgerufen hatte: „Weiss, Weiss, du hast mich verlassen mit deiner Kinder. Was hast du gethan.“ Und zu ihrem Sohn Ehrich, der sie trösten will: „Wenn du hast ein Hund 28 yehr, wurdest du auch weinen.“

Zum Zerwürfnis mit Canon Doyle kam es, als dessen Frau sich als Medium ausgab und Houdinis Mutter in Oxford-Englisch sprechen ließ; Niemanden liebte der Magier so abgöttisch wie seine Mutter, niemanden hasste er so inbrünstig wie Medien aller Art, insbesondere die Doyles.

Imitatoren überzog er mit Prozessen

Es ist viel geschrieben worden über die inzestuös anmutende, schwärmerische Leidenschaft Houdinis für seine Mutter, die aus der angeblich glücklichen Ehe ein Dreiecksverhältnis machte. Nicht weniger irritiert waren manche Zeitgenossen über seine Neigung, sich splitternackt in Fesseln in Polizeizellen sperren zu lassen und mit einigem Genuss davon zu berichten, etwa wie eine Hundertschaft russischer Geheimpolizisten jede Körperöffnung dreimal inspizierte. Mehr als einmal stellte Houdini klar, dass er lieber tot wäre, als nicht mehr der Beste aller Magier zu sein.

Houdini ließ sich Loyalitätsschwüre von Angestellten unterschreiben und überzog seine Imitatoren mit Prozessen. Es gab gewiss Angenehmere als ihn. Selbst als er schon Weltstar war, konnte er Nachahmung noch immer nicht schmeichelhaft finden. Als er 1926 nach einem unbehandelten Blinddarmdurchbruch starb, wurde er bestattet, wie er es verlangt hatte: das Haupt ruhend auf einem schwarzen Beutel, in dem die Briefe seiner Mutter gebündelt waren. Einer der Trauergäste soll mit Blick auf den hinabsinkenden Sarg geflüstert haben: „Stell dir vor, er ist nicht drin.“

„Houdini: Art and Magic“, bis 27. März im Jüdischen Museum New York; danach in Los Angeles, San Francisco, und Madison, Wisconsin