"Shit Year"

Das faszinierende Karriereende einer Hollywood-Diva

In "Shit Year" spielt Ellen Barkin eine Hollywood-Diva, die ihre Karriere von sich aus beendet – die beeindruckende Collage überzeugt.

Eine Schauspielerin hört auf, endgültig. Weil sie ohnehin keine Rollen mehr bekäme. Weil sie nicht so tun will als rechnete sie noch damit. Colleen West (Ellen Barkin) ist schön aber alt und das bedeutet in Hollywood das Ende. Ihr letztes erfolgreiches Stück ist abgeschlossen, ihre Affäre mit dem jungen Kollegen (Luke Grimes) beendet.

Sie gibt ihr letztes TV-Interview und zieht sich zurück in ihre Hütte in den Wäldern. Dort ist sie konfrontiert mit sich selbst und einer existentiellen Einsamkeit, die sie sucht, weil sie sie fürchtet. Soweit der Plot von „Shit Year“. Soweit die vertrauten Topoi. Doch Regisseur Cam Archer, Nachwuchshoffnung des US-Independent-Kinos, behandelt sie auf höchst ungewöhnliche Weise.

Regisseur spielt mit den Klischees

Er verzichtet auch in seinem zweiten Langfilm – den ersten hat Regie-Star Gus van Sant produziert – auf eine lineare Narration. Die löst er in ästhetisierte Bilder auf, perfekte Arrangements in schwarz-weiß, wie der expressionistische Stummfilm sie kennt, die Performance und das klassische Hollywood-Kino der 50er-Jahre.

All das klingt an und doch ist Archer völlig eigenständig. Erinnerungen, Traumsequenzen, Halluzinationen fügt er wie eine Collage zusammen zu einem dichten Film, dessen Künstlichkeit beeindruckend und unwiderstehlich ist.

Archer präsentiert nicht die konventionellen Bilder der abgehalfterten Diva, er spielt mit den Klischees. So zeigt er Colleen West verkrochen in ihrem Pelzmantel wie in einem Panzer. Es ist der Mantel ihrer Mutter. Sie trägt ihn und erinnert den Bruder – ein überraschender Besucher in der Abgeschiedenheit – daran, dass der Vater den gleichen hatte, die Eltern beide damit durchs Haus liefen.

Tragikomisch zeigt sich Ellen Barkin

Ein leiser Hauch von Komik, das bekannte Bild kippt. In einer anderen Szene läuft die Schauspielerin durch den Supermarkt, beeindruckend fotografiert von Aaron Platt. In großen Mengen kauft sie Reinigungsmittel, nicht Alkohol und so erinnert sie mit ihrem überfüllten Korb eher an Andy Warhol auf Brillo-Shoppingtour als an Marylin Monroe.

Ellen Barkin imponiert als Colleen West. Sie füllt die Rolle aus, nicht weil sie selbst eine 57 Jahre alte Schauspielerin ist, sondern weil ihre schauspielerische Leistung kraftvoll ist. Weil sie sich ungeschützt zeigt. Cam Archer gibt ihr Raum, trotz des strengen Korsetts, das die artifiziellen Bilder verlangen. Man weiß nicht viel von der Hauptfigur und erfährt doch genug.

Sie muss sehr erfolgreich gewesen sein. Früher. Ihr Bruder hat schon vor Jahren aufgehört ihre Filme zu sehen, gesteht er. Wie die anderen Leute auch, erwidert sie. Sie ist einsam. Das Scheitern der Affäre mit dem jungen Kollegen hat sie verletzt.

Es gibt keine Rolle mehr für die Schauspielerin

Wohl nicht seinetwegen, sondern wegen des Zeitpunkts. Er verfolgt sie in ihrer Phantasie. Es gibt keine Rolle mehr in die sie fliehen könnte. Sie kann der Nachbarin zwar vorgaukeln, dass sie eine ausgemusterte Zirkus-Artistin sei, doch letztlich ist das Spiel vorbei.

Die Nachbarin hat zum Basteln eingeladen und erzählt, dass sie es unvorstellbar finde jemand anderen geben zu müssen. Unzureichend ist für sie die Erklärung, die Colleen West gibt, die einzige die sie hat: „Ein anderer zu sein kann süchtig machen“, sagt sie in diesem tief traurigen und abgründig schönen Filmexperiment.