Synthie-Pop

Hurts in der Zitadelle – ein Hauptgewinn

Open-Air-Konzerte sind in diesem Sommer ein Risiko. Wer Karten für das britische Synthie-Pop-Duo Hurts in der Spandauer Zitadelle hatte, konnte sich da glücklich schätzen. Nicht nur wegen des ausnahmsweise guten Wetters.

Foto: dpa / dpa/DPA

Sich im Vorverkauf das Ticket für ein Open-Air-Konzert zu sichern, das kommt in diesem Sommer einem windigen Lotteriespiel gleich. Risiko! Denn mit etwas meteorologischem Pech zieht man wider Erwarten eine Niete und sitzt zwei Stunden lang in Sturm und Regen. Oder der Auftritt wird gleich ganz abgesagt. Ist auch schon vorgekommen. Einen Hauptgewinn allerdings haben jetzt all jene gezogen, die sich am Sonnabend für ein Konzert unter freiem Himmel entschieden hatten. Sonne, kaum Wolken, akzeptable Temperaturen. Und Freiluft-Musik zuhauf.

Nahezu 12.000 Besucher konnten so einen Altmeister wie Joe Cocker und seinen legendären „With-A-Little-Help-From-My-Friends“-Schrei in der Waldbühne genießen (und bekamen dazu noch die Puhdys als Vorgruppe). Noch mehr zum Feiern entschlossene Fans drängten sich derweil in der Wuhlheide-Freilichtbühne beim RS2-Popfestival mit Ronan Keating, Juli oder Aura Dione. Und in der Spandauer Zitadelle hofierten 7500 Besucher die neuen Könige der britischen Synthie-Weinerlichkeit namens Hurts.

Die Zitadelle füllt sich langsam. Aber schließlich stehen gleich zwei Vorgruppen auf dem Programm, die in der Abendsonne auf die Hurts-Show einstimmen. Zum einen das charmante australische Pop-Duo Lovers Electric um Sängerin Eden Boucher und Sänger und Gitarrist David Turley, das bei uns mit „Could This Be The One“ einen ersten kleinen Hit landen konnte. Zum anderen die schwedische Band Firefox AK des Ehepaares Andrea und Rasmus Kellermann, die mit „Boom Boom Boom“ bereits einen veritablen Hit im Gepäck haben. Gefälliger Pop von luftiger Leichtigkeit, der das Warten auf die Attraktion des Abends auf positive Weise höchst unterhaltsame überbrückt. Und verlängert. Denn hätten nur die Hurts auf dem Spielplan gestanden, wäre die Samstagnacht nach einer guten Stunde schon wieder zu Ende gewesen.

Sie sind elegant. Sie sind gestylt. Sie sind very british. Und ein Ausbund an Romantik und Larmoyanz. Sänger Theo Hutchcraft und Keyboarder Adam Anderson waren im vergangenen Jahr das ganz große Ding von der Insel. Mit ihrem Debütalbum „Happiness“ und den Singles „Wonderful Life“ und „Stay“ stürmten die adretten Newcomer aus Manchester die Charts und spielten sich in die Herzen all jener, die mit Bands wie Depeche Mode, Pet Shop Boys oder Ultravox groß geworden sind. Sie haben sich das Beste des Elektropop der 80er-Jahre vorgenommen und daraus ihren zeitgemäß aufpolierten, eigenen Stil kreiert, der gerade noch originell genug klingt, um nicht bloße Kopie zu sein und eingängig genug ist, um mit einem gewissen Wiedererkennungswert zu punkten. Und sie haben offenbar den Bühnengarderobier von Heaven 17 gleich mit engagiert.

80er-Jahre-Party deluxe

Wuchtig-düstere Synthesizer-Wände bauen sich punkt Viertel vor Zehn brummend auf. Die Dämmerung ist bereits hereingebrochen, was dieser Musik gut tut. Niemand braucht solch tragische Lieder von Hoffnung und Verlust im strahlenden Sonnenschein. „Mit „Silver Lining“ beginnt die Show wie das Album. Auf der Bühne finden sich als Verstärkung ein Gitarrist, ein Schlagzeuger, ein Keyboarder und ein Streichquartett; beim schmachtenden „Wonderful World“ gleich als zweitem Stück stoßen noch zwei extrovertierte Ausdruckstänzerinnen dazu. Theo Hutchcraft geriert sich als meist traurig dreinblickender Pop-Dandy mit genau jener bewegenden Stimme, derer eine so melodramatische, pathetische Musik bedarf. Er bewegt sich in edler, weltvergessener Pose und hält immer wieder den linken Arm hinter dem Rücken, gerade so, als wolle er noch etwas besonders herben Wein nachschenken. Wäre der Sound nicht so perfekt und die Lichtregie nicht so ausgetüftelt, man käme sich vor wie bei einer 80er-Jahre-Party.

Konzert auf Facebook

Dabei spielt beim Erfolg der beiden gelackten Entertainer auch ihre Geschichte eine nicht unerhebliche Rolle. Sie hatten nichts. Sie waren arbeitslos. Sie versuchten sich an zwei erfolglosen Bands. Sie konzentrierten sich schließlich auf ihr Duo-Projekt. Die Musik wurde zum Strohhalm, an dem sie sich aus ihrer persönlichen Misere gezogen haben. Mit ihren Liedern landeten die melancholischen Dressmen erst auf der Bühne der Berliner Fashion Week und schließlich unter dem Dach von Four Music, dem Plattenlabel der Fantastischen Vier. Ein so rasanter Aufstieg, der wahr gewordene Traum vom Tellerwäscher zum Millionär. Das imponiert. Der Erfolg war irgendwann so medienwirksam wie unaufhaltsam. Das Zitadellen-Konzert ließen Hurts übrigens für einen Livestream auf ihrer Facebook-Seite (www.facebook.com/hurts) mitfilmen.

Die Show kommt schnell mächtig auf Touren, mal wummert keyboardlastig der Disco-Beat, dann wieder wird es ganz sentimental wie bei der wunderschönen Ballade „Verona“. Viel dräuendes Moll, viel Tastenbrimborium, viel hymnenhafte Leidensfähigkeit. Hutchcraft dirigiert die Massen, lässt jubeln und singen. Er kostet den Höhenflug mit seinem Partner voll aus. Man spürt das. Man gönnt es den beiden geschniegelten Underdogs. Doch es gibt nicht einen neuen Song. Ebenso wenig wie ein neues Album. Das begrenzt das Live-Repertoire.

Hutchcraft fordert das bunt gemischte Publikum bei „Stay“ auf, ein Lichtermeer aus beleuchteten Handys zu entfachen. Es klappt. Und natürlich singen alle den „Stay“-Refrain im glutrot wirbelnden Konfettiregen mit. Der Sänger bedankt sich mit großer Geste – und nach genau 60 Minuten ist die Show zu Ende. Genau die richtige Länge, um nicht doch noch eine gewisse Langeweile aufkommen zu lassen. Eine Tanzeinlage mit Streicherbegleitung und „Better Than Love“ samt gleißendem Feuerwerkstusch gibt es noch als Zugabe. Ein imposanter Abend; keine Haut Couture, aber immerhin erstklassige Konfektionsware. Der Applaus ist dankbar.